Auch diesmal nicht verurteilt: die Angeklagten neben ihren Verteidigern Anderas Perner (l.) und Stephan Proff. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Rache oder Erpressung: Dieser Fall wird wohl nie aufgeklärt

Dieser Fall liegt lange zurück: Vor fünfeinhalb Jahren wurde in Dorsten ein Mann ziemlich schwer verletzt. Was genau passiert ist, kann die Justiz bis heute einfach nicht klären.

Dieser Fall wird wohl für immer undurchsichtig bleiben: Vor rund fünfeinhalb Jahren ist ein Mann ist Dorsten ziemlich schwer verletzt worden. Er selbst sprach später von einem Angriff mit einem Schlagring. Doch auch nach der inzwischen dritten Gerichtsverhandlung ist nicht klar, was eigentlich passiert ist.

Die Angeklagten sind zwei Brüder aus Dorsten, die ihr Geld in der An- und Verkaufsbranche verdienen. Dort war auch das spätere Opfer ein oft gesehener Gast. Man kannte sich, auch wenn man sich vielleicht nicht richtig mochte.

Schlagring eingesetzt?

Doch dann kam der 25. August 2015. Diesmal gab es Streit. Die Staatsanwaltschaft ist immer davon ausgegangen, dass die Angeklagten plötzlich 1.000 Euro gefordert haben – ohne echten Grund. Als das Geld nicht gezahlt wurde, sollen sie brutal zugeschlagen haben – auch mit einem Schlagring.

Die Folgen waren dramatisch. Das Opfer hatte sich damals zwar noch in das Auto eines Bekannten schleppen können, die Fahrt zum Krankenhaus musste jedoch auf halber Strecke abgebrochen werden. Der Zustand des Verletzten war dem Fahrer zu kritisch geworden, ein Krankenwagen musste übernehmen.

Urteil fiel krachend durch

Ende 2018 hatte der Fall schließlich das Essener Landgericht erreicht. Rund drei Monate wurde verhandelt, dann sprachen die Richter die beiden Brüder aus Dorsten frei. Es könnten keine ausreichenden Erkenntnisse zum Tatablauf getroffen werden, hieß es damals. Doch dieses Urteil sollte keinen Bestand haben. Und das hatte einen eher peinlichen Hintergrund.

Weil die Staatsanwaltschaft die Freisprüche nicht akzeptieren wollte und Revision eingelegt hatte, kamen die Akten zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe. Und tatsächlich: Dort wurde der Freispruch umgehend aufgehoben. Die Begründung war allerdings fast schon kurios: Im Urteil der Essener Richter fehlte gleich ein ganzes Kapitel, so dass überhaupt keine richtige Überprüfung stattfinden konnte.

Sozialprojekt profitiert

Also ging alles zurück ans Essener Landgericht, wo sich am Mittwoch eine andere Strafkammer noch einmal mit dem Fall befassen musste. Dort ging dann diesmal alles ganz schnell. Das Strafverfahren wurde eingestellt. Zuvor hatten sich die Angeklagten bereiterklärt, jeweils 1.000 Euro an die Behindertenhilfe Dülmen zu zahlen.

Auch das Opfer ist nach Angaben seines Anwalts nicht mehr an einer Verurteilung der beiden Brüder interessiert. „Man versteht sich wieder“, hieß es im Prozess. „Alle sind an einer Befriedung interessiert.“

Worum es im Sommer 2018 überhaupt ging, will trotzdem niemand sagen. Und auch von den Zeugen wäre wohl nichts zu erfahren gewesen. Sie wollten sich schon beim ersten Prozess angeblich an fast nichts erinnern können.

Über den Autor
Gerichtsreporter

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.