In Östrich lässt es sich gut und naturnah leben. Die Östricher halten zusammen und passen aufeinander auf. Die Verkehrsanbindung ist ausbaufähig. Senioren und Jugendliche kommen zu kurz.

Östrich

, 02.04.2019 / Lesedauer: 5 min

In der Dorstener Stadtteillandschaft ist das kleine Östrich ein Sonderfall. Bis zur kommunalen Neuregelung im Jahr 1975 gehörte Östrich zu Gahlen. Und bis heute sagt so mancher alteingesessene Östricher von sich, er sei Gahlener. Dem Zusammenhalt im Ortsteil tut das aber mal so gar keinen Abbruch. „Die Leute reden auf der Straße viel miteinander und passen auf, wenn Fremde durch die Straße fahren“, sagt der Östricher Theodor Brockmann.

Als Brockmann mit seiner Familie vor 16 Jahren aus Bottrop nach Östrich zog, fühlte der Maschinenbauingenieur sich anfangs wie im Urlaub. „Weil ich es hier so schön grün finde und zum Feierabend eine höhere Lebensqualität als in der Stadt habe“. Im Sommer geht Brockmann gern im Kanal schwimmen, er ist außerdem begeisterter Mountainbiker. Als Östricher muss man sich nur aufs Rad setzen und losfahren. Ganz egal, in welche Richtung es gehe, sagt der 56-Jährige, „man muss sich keine Sorgen machen über den Straßenverkehr.“

Östrich: Großer Zusammenhalt, aber wehe, wenn das Auto streikt

Die Östricher bewerten die Sauberkeit in ihrem Ortsteil mit 9 von 10 möglichen Punkten. © Robert Wojtasik

Auch die Teilnehmer unserer Umfrage sehen das so. Sie loben die schnell zu erreichenden Grünflächen, die Lebensqualität, die Sauberkeit und das gute Angebot für Radfahrer. Abzüge bekommt Östrich unter anderem bei den Angeboten für Senioren und Jugendliche.

Das wurde positiv bewertet

Grünflächen: Hier gibt‘s die volle Punktzahl. „So naturverbunden wohnt man nur bei uns“, schreibt ein Teilnehmer unserer Umfrage. Die Östricher schätzen die Nähe zum Kanal und die vielen Grünflächen in unmittelbarer Umgebung, wie zum Beispiel das Naturschutzgebiet Rütterberg-Nord oder die Lippeauen auf der anderen Seite des Kanals.

Lebensqualität: Wenn morgens beim Nachbarn die Rollläden nicht hochgehen, wird der Östricher schon mal stutzig. Die Menschen im kleinsten Dorstener Ortsteil haben ein Auge aufeinander. Und sie helfen aktiv mit, die Lebensqualität im Ortsteil hochzuhalten. „Teilweise werden sogar Aufgaben wie zum Beispiel Kehrarbeiten und die Grünflächenpflege von den Anwohnern übernommen“, hat Christopher Schindel beobachtet. Der Beisitzer im SPD-Stadtverband ist oft in Östrich, weil er dort Familie hat. Er berichtet von einer „engen dörflichen Gemeinschaft, was mitunter dazu führt, dass die Lebensqualität als positiv empfunden wird“. 9 von 10 Punkten gibt es hier.

Sauberkeit: Auch bei der Sauberkeit gibt es die zweitbeste Punktzahl. In Östrich leben viele Eigenheimbesitzer, die den Bereich rund um ihre Häuser sauber halten. „Die Leute achten wirklich auf ihr Viertel“, sagt Theodor Brockmann. „Wenn jemand ein Stück Papier sieht, hebt er es auf und es schmeißt auch keiner Kippen auf die Straße.“ Es gebe aber auch ein paar Ecken, die manchmal ziemlich verdreckt sind. „An der Abfahrt der A 31 liegen häufig Fast-Food-Tüten und auf der linken Kanalseite in Richtung Rhein werfen Leute Altglas, Schutt und Grünschnitt in die Büsche.“

Auch auf dem schmalen Weg zwischen Kita und Bolzplatz nimmt es nicht jeder so genau mit der Sauberkeit. „Ich beobachte jeden Morgen, wie einige Hundehalter die Runde um den Bolzplatz gehen“, berichtet Kita-Mitarbeiterin Silvia Löns. „Und dann werden die Tretminen verteilt.“

Radfahren: Die dritte Kategorie, in der Östrich mit 9 von 10 Punkten bewertet wird. „Für Radfahrer bietet der Stadtteil mehrere Anlaufstationen“, weiß SPD-Mann Christopher Schindel. Besonders beliebt sei der Biergarten direkt am Kanal. „In den Sommermonaten dient dieser Ort den Anwohnern als beliebter Treffpunkt.“

Punktabzug gibt es in dieser Kategorie in Östrich eigentlich nur für den Radweg zwischen Schule und Florawelt, der in keinem guten Zustand sei. Das Thema haben die Östricher längst auf dem Schirm, über den Radweg wird unter anderem in der nächsten Stadtteilkonferenz beraten. „Die Östricher Bürgerkonferenz ist meiner Meinung nach sehr rege und aktiv“, sagt Tristan Zielinski, Vorsitzender der FDP-Ratsfraktion.

Das wurde negativ bewertet

Verkehrsanbindung: Die schlechte Bewertung mit nur 3 von 10 Punkten findet Theodor Brockmann vollkommen berechtigt. Vor allem am Abend und am Wochenende sei die Anbindung nicht gut und man müsse sich schon genau darauf einstellen: „Zum Eisstockschießen fahren wir auch schon mal mit dem Bus in die Stadt, um ein Bierchen trinken zu können.“ Auf dem Rückweg hat man dann ein Problem, weil die Busse spät nicht mehr fahren „und die Taxiversorgung in ganz Dorsten auch schlecht ist“. Die Buslinie 278 verkehrt nur stündlich zwischen Baumbachstraße und ZOB. Ohne Auto ist man als Östricher manchmal aufgeschmissen.

„Wir haben deswegen vor drei Jahren Kontakt zur Vestischen aufgenommen“, sagt Tristan Zielinski von der FDP. Das Hindernis sei vor allem der Kostenaspekt. „Die Vestische sagt entweder, sie müsse dann die Kreisumlage erhöhen, was dazu führen würde, dass die Städte zahlen müssen – oder dass die Fahrgastzahlen zu gering seien.“

Östrich: Großer Zusammenhalt, aber wehe, wenn das Auto streikt

Der Bus zwischen Baumbachstraße und ZOB fährt nur etwa jede Stunde. Das ist den Östrichern zu wenig. © Robert Wojtasik

Jugendliche: Die schlechte Bewertung mit 3 von 10 Punkten ist sicherlich auch der Größe des Stadtteils und der kommunalen Strukturreform geschuldet. Östrich hat – abgesehen vom Reitverein – keinen Sportverein und auch keinen eigenen Schützenverein oder sonstige Angebote für Jugendliche. Der Bolzplatz hinter der Kita Am Rehbaum ist meistens verwaist. „Wenn man aber die Perspektive erweitert und über die Östricher Grenzen hinaus blickt“, sagt Tristan Zielinski, „dann gibt es schon ein breites Angebot in der Nähe.“

Senioren: 3 von 10 Punkten gibt es auch bei den Betreuungsangeboten für Senioren. „Ich wüsste nicht, dass es hier überhaupt ein Angebot gibt“, sagt Theodor Brockmann. „Immerhin sind unsere Senioren hier selbst ganz gut organisiert und treffen sich zum Kegeln oder zum Kartenspielen. Auch wenn das nicht reicht.“

„Für Senioren und Jugendliche müssten mehr Freizeitangebot geschaffen werden“, findet auch Christopher Schindel von der SPD. „Denkbar sind Begegnungsstätten, die generationsübergreifend genutzt werden können, wie zum Beispiel Mehrzweckräume.“ Eine Arbeitsgruppe der Östricher Stadtteilkonferenz arbeitet bereits an diesem Thema.

Östrich: Großer Zusammenhalt, aber wehe, wenn das Auto streikt

© Verena Hasken

Gastronomie: Der Gasthof Schult ist eine Institution im Stadtteil und wird auch gut angenommen. Genau wie der Biergarten „anne Bänke“ am Kanal. Aber das war es dann auch schon mit gastronomischen Angeboten.

Unabhängig von den genannten Kategorien ist Östrich einer von zwei Dorstener Stadtteilen, die seit 1980 eine wachsende Bevölkerung aufweisen. „Das zeigt ja, dass dort einiges richtig gemacht wird“, meint Zielinski.

Historie

Seit 44 Jahren ein eigener Ortsteil

Östrich: Großer Zusammenhalt, aber wehe, wenn das Auto streikt

Das Foto zeigt im Hintergrund die Gaststätte Schult im Anker in Östrich um 1951. © Robert Wojtasik


Der Ortsteil Östrich gehörte lange zu Gahlen. Davor wird er auf historischen Karten zu Dorsten gerechnet. Erst nach der Kommunalreform 1975 beginnt Östrichs westfälische Ära. Im Bereich der Clemens-August-Straße verlief die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen, die früher „Grenzstraße hieß“. Sie teilte auch die Religionszugehörigkeiten zwischen dem katholisch und evangelisch gemischten Niederrhein und dem streng katholischen Vest Recklinghausen.
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