Neue Mehrwertsteuer - was Händler und Kunden in Dorsten davon haben

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Mehrwertsteuer und Umsatzsteuer werden ab Juli für sechs Monate gesenkt. Drei Unternehmer aus Dorsten berichten, was das für sie bedeutet und was ihre Kunden davon haben.

Dorsten

, 20.06.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die am 12. Juni vom Bundeskabinett beschlossene Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent (der ermäßigte Satz von sieben auf fünf Prozent) soll die Verbraucher im zweiten Halbjahr 2020 um rund 20 Milliarden Euro entlasten. „Die Preise könnten rein rechnerisch um 1,6 Prozent sinken“, heißt es in einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, „wenn die Mehrwertsteuersenkung vollständig an die Verbraucher weitergegeben würde.“

Pflicht ist das allerdings nicht.

Großer Wettbewerb im Lebensmittelhandel

Ralf Honsel rechnet indes mit „regelrechten Preisschlachten“ im Lebensmittelhandel - zunächst ab Juli und dann noch mal im Januar 2021, wenn die Steuer wieder auf Normalniveau steigt. „Wegen des hohen Wettbewerbsdrucks haben wir keine andere Chance, als die Umsatzsteuersenkung an die Kunden weiterzugeben“, sagt der Chef von vier Edeka-Märkten in Dorsten. „Gutscheine für den Endverbraucher wären uns lieber und mit weniger Ärger verbunden gewesen.“

Ralf Honsel rechnet mit Preisschlachten im Lebensmittelhandel.

Ralf Honsel rechnet mit Preisschlachten im Lebensmittelhandel. © Ralf Pieper

Denn noch ist nicht entschieden, ob der Steuervorteil auf dem Bon ausgewiesen und an der Kasse abgezogen werden darf. Oder ob tatsächlich tausende Preisschilder binnen sechs Monaten zweimal ausgetauscht werden müssen, wie es die Preisauszeichnungsverordung eigentlich vorschreibt . „Die Verbände sprechen noch mit der Politik zwecks Rechtssicherheit. Wir wissen es noch nicht und planen beide Szenarien parallel“, sagt Honsel.

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Die bedruckbaren Regaletiketten hat der Kaufmann aus Holsterhausen bereits bestellt, um die Schilder auswechseln zu können, „damit uns das Papier nicht ausgeht. Das ist alles ein bisschen verrückt, aber auch das würden wir hinbekommen.“

Buchhaltung und EDV müssen umgestellt werden

Auch für Möbel Peters an der Marler Straße ist die Steuersenkung auf Zeit „eine absolute Herausforderung“. Geschäftsführer Andreas Peters denkt dabei nicht nur an Preisgestaltung in der Ausstellung, sondern auch an die notwendige Umstellung in Buchhaltung und EDV“. Das Möbelhaus wird „aus Kostengründen“ die Auszeichnungen an der Ware mit 19 Prozent belassen und den Kunden an der Kasse und bei Auftragserteilung die Differenz aus der niedrigeren Mehrwertsteuer vom Kaufpreis abziehen.

Andreas Peters erinnert sich noch gut an die letzte Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent vor 13 Jahren. „Damals gab es kurz zuvor noch mal einen spürbaren Umsatzanstieg. Ich denke, dass es speziell im November und Dezember wieder so sein wird.“

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Manche Preise sind vorgegeben

Auch Friedrich Cosanne, Chef eines Schreibenwarengeschäftes und Reisebüros an der Lembecker Schulstraße, versichert, dass die Steuersenkung an die Kunden weitergegeben werde - „so weit das in unserer Macht steht“. Bei Tabakwaren beispielsweise sind die Preise vorgegeben. „Hier können wir nur abwarten, was passiert. Es sind ja auch noch andere Steuern im Preis enthalten.“ Auch Reisen würden nicht automatisch preiswerter werden.

Friedrich Cosanne will den Steuervorteil an die Kunden weitergeben, „so weit es in unserer Macht steht“.

Friedrich Cosanne will den Steuervorteil an die Kunden weitergeben, „so weit es in unserer Macht steht“. © privat

Für Cosannes Warensortiment gilt: Der bisher getätigte Einkauf ist noch mit dem alten Mehrwertsteuersatz berechnet, bezahlt und mit dem Finanzamt abgerechnet. „Für den Umsatz ab 1. Juli ist hier beim Verkauf ja nicht mehr die volle Differenz der Absenkung gegeben. Die gibt es ja nur für den Einkauf ab 1. Juli.“

Und anders als im Lebensmittelhandel erfolgt der Warenumschlag bei Schreibwaren oder Geschenkartikeln nicht innerhalb kurzer Zeit. „Auch das gilt es zu bedenken und zu berechnen“, sagt Friedrich Cosanne.

Der Beschluss der Bundesregierung zur vorübergehenden Senkung der Mehrwertsteuer in der Coronakrise ist ein historisches Novum: Bislang war die vor gut 50 Jahren in der Bundesrepublik eingeführte Steuer immer nur gestiegen - von 10 auf 19 Prozent. Zuletzt wurde die Steuer im Jahr 2007 in einem großen Schritt um drei Prozent erhöht. Auch damals saß Angela Merkel bereits im Kanzleramt - und regierte in einer großen Koalition
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