275.000 Menschen in der Region beziehen Trinkwasser aus Dorsten. Dafür sitzt der Moorfrosch auf dem Trockenen. Sagen Naturfreunde und wollen notfalls gegen massive Wasserförderung klagen.

Dorsten

, 23.08.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dr. Jörg Meinecke vertritt den Naturschutzbund Dorsten als Sachverständiger auf Kreisebene. Von Haus aus ist er Geologe. Mit Sorge sieht er die Grundwasserförderung durch die Rheinisch Westfälischen Wasserwerke (RWW) in der Üfter Mark zwischen Holsterhausen, Schermbeck und Raesfeld.

Jörg Meinecke

Jörg Meinecke © privat

Er stellt einen deutlichen Zusammenhang zwischen intensiver Wassergewinnung und Trockenfallen des Naturschutzgebietes Deutener Moor her, eines der sehr seltenen Kalkflachmoore bundesweit. Für ihn ist klar: Sollte nicht gegengesteuert werden, ist eine Klage gegen einen noch ausstehenden Bewilligungsbescheid der Bezirksregierung Münster zur Wasserförderung durch die RWW fällig.

Dieser kleine Kerl läuft blau an, wenn er paarungsbereit ist: Der Moorfrosch sitzt im Deutener Moor zunehmend auf dem Trockenen. Ihm wird das Wasser abgegraben.

Dieser kleine Kerl läuft blau an, wenn er paarungsbereit ist: Der Moorfrosch sitzt im Deutener Moor zunehmend auf dem Trockenen. Ihm wird das Wasser abgegraben. © Naturschutzbund

„Seit 1974 ist die Wasserförderung für die Natur ein ernstes Problem. Die hohen Entnahmen führten zum Trockenfallen der unter Naturschutz stehenden Rhader Wiesen und der Schädigung des Deutener Moors.“ Und damit zum Aussterben seltener Pflanzen- und Tierarten, sagt Meinecke. „Der Moorfrosch ist akut gefährdet, da ihm das Wasser für die Entwicklung der Kaulquappen fehlt.“

Moorfrosch und selten Pflanzen

Die Amphibie, die im Frühling und der Paarungszeit blau anläuft, sitzt auf dem Trockenen. Und mit dem Moorfrosch gehen seltene Pflanzenarten, Königsfarn und Orchideen, den Bach runter. Zu diesem Ergebnis ist der NABU gekommen.

Ramon Steggink, Sprecher RWW.

Ramon Steggink, Sprecher RWW. © RWW

Aktuell haben die RWW die Wasserförderung in der Üfter Mark neu beantragt. „Das ist alle 30 Jahre fällig und jetzt wieder so weit“, sagt der Sprecher der RWW, Ramon Steggink. Statt elf Millionen Kubikmeter Trinkwasserförderung möchte die RWW in den nächsten 30 Jahren acht Millionen Kubikmeter jährlich fördern. Das entspricht 165.000 Badewannenfüllungen Wasser täglich. Die geringere Fördermenge führt Ramon Steggink darauf zurück, dass es wegen des Strukturwandels in der Region weniger Bedarf gibt.

„Das Recht auf Grundwasserförderung für die öffentliche Trinkwasserversorgung wird in einem förmlichen Verfahren erteilt“, sagt die Bezirksregierung Münster auf Anfrage zum formalen Ablauf. Sie ist die zuständige Behörde für die Bewilligung des RWW-Antrages. „Erste Vorgespräche fanden bereits 2016 statt. Der Bewilligungsantrag wurde von den RWW am 10. Juli 2018 gestellt.“

Als das Antragsverfahren initiiert wurde, wurde im selben Jahr vom NRW-Umweltministerium auf Betreiben des NABU ein Gutachten in Auftrag gegeben, dem Wasserschwund im Deutener Moor auf den Grund zu gehen. Dieses Gutachten gibt dem NABU Rückenwind.

Sonnentau ist eine seltene Pflanzenart, aber im Deutener Moor zu finden.

Sonnentau ist eine seltene Pflanzenart, aber im Deutener Moor zu finden. © Jörg Meinecke

„Die Studie zeigt“, so Jörg Meinecke, „klare Hinweise auf die Zusammenhänge von Wassergewinnung und Schädigung der Rhader Wiesen und des Deutener Moors“. Aus dem Gutachten „Deutener Moor: Zusammenstellung und Bewertung von Daten zur Ursachenuntersuchung Hydrologie“ des Büros Sweco in Köln (Untersuchungszeitraum Juni bis Dezember 2016) geht hervor:

„...Im Ergebnis ist festzuhalten, dass das Deutener Moor inzwischen sehr sensibel auf weitere Grundwassersenkungen reagiert, da die Grundwasserstände bereits so tief gesunken sind, dass schon geringe Witterungsänderungen zu extremen Auswirkungen wie den Verlust der Moorfroschpopulation führen....Bei anhaltend sinkenden Wasserständen, so das Gutachten weiter, „besteht mittelfristig auch eine akute Gefährdung des zentralen Deutener Moores.“

Keine Erkenntnisse, warum Wasserstand sinkt

Die RWW weisen konkrete Zusammenhänge zwischen ihrer Wasserförderung und dem Trockenfallen des Deutener Moores aber zurück. „Auf der Basis derzeitiger Erkenntnisse kann man nicht sagen, was dazu geführt hat, dass die Grundwasserstände sinken“, sagt RWW-Sprecher Ramon Steggink. Die RWW seien in der Üfter Mark nicht allein. Es gebe zahlreiche Mitspieler, die auf das Grundwasser in der Üfter Mark zurückgreifen. „RAG und Landwirtschaft zählen dazu.“

Diese prachtvolle Orchideenart blüht im Deutener Moor.

Diese prachtvolle Orchideenart blüht im Deutener Moor. © Jörg Meinecke

Die Bezirksregierung Münster ergänzt, dass sich die Wasserförderung der RWW tatsächlich „nicht im Deutener Moor abspielt“. Sie führt Folgendes aus: „Das Wasser wird im nördlichen Bereich der Üfter Mark gefördert, einem weitgehend geschlossenen Waldgebiet zwischen Dorsten-Holsterhausen, Raesfeld-Erle und Dorsten-Rhade. Das Deutener Moor befindet sich circa 2300 Meter südöstlich des östlichstens Förderbrunnens der Gewinnungsanlage Üfter Mark...“

Die nach Ansicht des NABU ebenfalls bedrohten Rhader Wiesen haben einen Abstand von rund 600 Metern zum nächsten Brunnen. „Sie sind zwar erheblich näher an der Brunnengalerie, doch sie werden hier aufgrund der günstigen geologischen Verhältnisse durch den dort gering durchlässigen Untergrund der Rhader Mergelscholle vor einer unmittelbar nachteiligen Betroffenheit infolge der Gewässerentnahme geschützt.“ Das sagt die Bezirksregierung Münster.

NABU-Mitarbeiter bei Untersuchungen im Deutener Moor.

NABU-Mitarbeiter bei Untersuchungen im Deutener Moor. © Jörg Meinecke

Für die RWW sind die Ausführungen der Bezirksregierung Münster Wasser auf ihren Mühlen. Sie finanziert ein gerade von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Auftrag gegebenes Gutachten mit 50.000 Euro mit. Weitere Beteiligte seien der Lippeverband und die Lippe Wassertechnik GmbH.

Das Ziel: „Untersucht wird, wie sich die Situation im Wasserförderungsgebiet Üfter Mark darstellt und welche Maßnahmen gegebenenfalls notwendig sind, um Natur und Umwelt nicht zu beeinträchtigen“, sagt RWW-Sprecher Ramon Steggink. Untersucht werde aber auch die konkurrierende Grundwassernutzung im Einzugsgebiet. Womit Landwirte und RAG gemeint sind.

Dieses Gutachten wird von den Naturschützern kritisch gesehen, weil die RWW erheblich zur Finanzierung der Studie beitragen, während die Wasserwerksgesellschaft ihnen entgegenhält, dass der erhebliche Anteil an dem Gutachten das große Interesse der RWW signalisiert, den Ursachen für das Trockenfallen des Gebietes nachzuspüren.

Früher mal Hunderte Laichballen abgelegt

Dem Moorfrosch im Deutener Moor sind die von Menschen gemachten Gutachten und Probleme mit Sicherheit egal. Dem sieben Zentimeter großen Frosch, der ehemals eine bedeutende Population im Deutener Moor hatte und Hunderte Laichballen zum Erhalt seiner Spezies produzierte, wird seit 2010 das Wasser im Moor abgegraben - durch den Menschen und auch durch den von ihm verursachten Klimawandel mit zunehmend hohen Temperaturen und geringeren Niederschlagsmengen.

Jörg Meinecke und seine Mitstreiter vom NABU wollen sich mit dem noch ausstehenden Bewilligungsbescheid der Bezirksregierung Münster nicht zufriedengeben. Münster habe keine Notwendigkeit gesehen, eine Umweltverträglichkeitsprüfung der Wassergewinnung in der Üfter Mark zu beauftragen.

„Die Einwände der Naturschutzverbände sind der Bezirksregierung bereits aus der Beteiligung im Rahmen der vorab durchgeführten Umweltverträglichkeitsprüfung bekannt“, heißt es aus Münster, warum der Behörde weitere Prüfungen nicht notwendig erscheinen.

Ortsnahe Wasserförderung ist ein Muss

Die Bezirksregierung entscheidet, nach Abwägung aller vorgetragenen und in der mündlichen Verhandlung erörterten Einwendungen durch rechtsmittelfähigen Bescheid, „voraussichtlich im 2. Halbjahr 2019“ über den Antrag der RWW. Die sieht im Übrigen auch keine Alternative zu der Wasserförderung in der Üfter Mark: „Das Wasserrecht fordert eine ortsnahe Förderung“, sagt Ramon Steggink.

Die Wasser-Fördermenge kann nach Meinung des NABU aber reduziert werden: Falls die Behörde, so Jörg Meinecke, den RWW keine Beschränkungen auferlegt, „wird eine Klage gegen die Genehmigung nicht ausgeschlossen“.

  • Das Deutener Moor, zuvor Brosthausener Moor (Größe 1,6 Hektar), ist eines der ersten Naturschutzggebiete des Kreises Recklinghausen.
  • Seine Kalkflachmoor-Vegetation war der Grund für die frühe Unterschutzsstellung.Erweitert wurde das Naturschutzgebiet in den 1960er-Jahren um das Dünengebiet und Heideweiher „Schwarzes Venn“.
  • Seitdem hat es einen neuen Namen: „Witte Berge / Deutener Moore“ und umfasst etwa 85 Hektar Fläche.
  • Der südliche Bereich des Gebietes ist ein ausgedehntes, welliges Dünengelände mit überwiegendem Kiefernbewuchs. Kleinflächig eingestreut sind Wacholderheiden, vermoorte Senken und Sandtrockenrasen.
  • Im Zentrum befindet sich ein Heideweiher, das „Schwarze Venn“. Die Feuchtzonen des Gebietes sind Laichplätze seltener Amphibien und Lebensraum zahlreicher Libellenarten. Schutzziel ist laut Kommunalverband Ruhr (RVR), Moorfläche und Binnendünen zu erhalten.
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