„Nachtwächter“ Reiner Schöneweiß bezeichnet einige Entwicklungen in Dorsten als „Frevel“

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„Manchmal fühlt sich der Nachtwächter wie ein Hofnarr.“ Zehn Jahre hat Reiner Schöneweiß Stadt-Geschichte verkörpert. Bei seiner letzten Tour fand er zu einigen Entwicklungen klare Worte.

von Sabine Bornemann

Dorsten

, 06.10.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jahrelang lang hat „Nachtwächter“ Reiner Schöneweiß bei abendlichen Touren sehr unterhaltsam über die Geschichte der Stadt Dorsten informiert. Am Freitag unternahm er trotz anhaltendem Regen mit einem Dutzend Besuchern seinen letzten Rundgang durch die Altstadt.

In historischer Kleidung aus dem Stadtarchiv verkörperte er dabei Peter de Weldige-Cremer, der von 1545 bis 1611 in Dorsten lebte und seine Stadt vehement gegen den herandrängenden Protestantismus verteidigte. Von der Stadtinfo aus marschierte die Gruppe zunächst zum Recklinghäuser Tor, das von der Johanneskirche flankiert wird.

Tisa ist an vielen Ecken präsent

Beim weiteren Rundgang über den Ostwall in Richtung Ursula-Gymnasium ist an vielen Ecken eine berühmte Dorstenerin präsent: Tisa von der Schulenburg stammte aus Mecklenburg und trat nach sehr bewegtem Leben unter Aristokraten und Künstlern in Berlin, London und Paris mit 40 Jahren ins Ursulinenkloster ein.

Mehrere Stationen eines Kreuzweges der Malerin und Bildhauerin sind als Glasrepliken in Hauswände eingelassen. Vor dem Eingang zum Schulhof wurde 2010 das „Tisa-Gärtlein“ aufgestellt, eine Gruppe von Stelen mit Zeichnungen und Texten von Tisa, Schülern und Lehrern.

„Wie ein Hofnarr“

„Manchmal fühlt sich der Nachtwächter wie ein Hofnarr“, meinte Reiner Schöneweiß im Weitergehen vor dem kleinen Seidemannschen Fachwerkhaus. Ihn betrübt der Umgang mit diesem uralten Gebäude und seinem Umfeld.

Vor dem Goldenen Anker erfuhren die Gäste alles über die Dorstener Werft und die Bedeutung der Lippebrücke. 30 Jahre lang wurde die Kohle auf Eselskarren hergeschafft, auf die flachen Aaks verladen und in Richtung Wesel getreidelt oder gezogen, bevor schließlich die Ruhr selbst schiffbar wurde. Reiner Schöneweiß hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Busch: „Bei der neuen Bebauung am Kanal wurden viele Chancen vertan.“

Der Stadtführer bezog Position, auch gegenüber Schmierfinken an den Tisa-Tafeln am Westwall oder in Bezug auf die nach dem Krieg bis 1952 wieder aufgebaute gotische Kirche, die von den Franziskanern dann aber für den Woolworth-Neubau verkauft wurde. „Das ist doch eigentlich ein Frevel“, meinte Reiner Schöneweiß. Wenn man seine Stadt liebt, hat man eben auch eigene Ansichten.

„Nachtwächter“ Reiner Schöneweiß bezeichnet einige Entwicklungen in Dorsten als „Frevel“

Nach zehn Jahren Dienst als "Nachtwächter" wurde Reiner Schöneweiß von seinen Kolleginnen in der Stadtinfo feierlich verabschiedet: (v.l.) Sabine Fischer, Imke Krause und Barbara Seppi. © Sabine Bornemann

Mit nunmehr 75 Jahren wurde Reiner Schöneweiß am Abend in der Stadtinfo offiziell aus seinem Amt verabschiedet.

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