Meine Corona-App zeigt 14 Begegnungen an: eine Spurensuche

dzCorona-Warn-App

Mit meinem Start bei der Dorstener Zeitung habe ich mir die Corona-Warn-App zugelegt. Eines Morgens der Schock: 14 Begegnungen! Wie konnte das passieren? Muss ich mir jetzt Sorgen machen?

Dorsten

, 14.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

An diesem Morgen brauche ich keinen Kaffee, um schlagartig hellwach zu sein – dafür reicht ein Blick auf mein Handy: 14 Risikobegegnungen zeigt mir die Corona-Warn-App an! Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Und wie kann es sein, dass die App von heute auf morgen 13 neue Begegnungen ausmacht, obwohl ich das Haus am Vortag nicht verlassen habe?

Die Corona-Warn-App läuft auf über 22 Millionen Smartphones

Nach dem anfänglichen Schock beruhige ich mich schnell, denn das Fenster der App ist immer noch grün hinterlegt. Grün bedeutet, ich muss nicht zum Test und die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass ich mich angesteckt habe.

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Ich klicke mich durch die Corona-Warn-App, die ich irgendwann im Sommer installiert habe. Seit dem 16. Juli haben über 22 Millionen Menschen die vom Robert-Koch-Institut herausgegebene App in den Apple- und Google-Play-Stores heruntergeladen (Stand: 13.11.).

Schwellenwert entscheidet über grüne oder rote Begegnung

Die App soll bei der Kontaktnachverfolgung helfen. Dafür wertet sie die Intensität von Smartphone-Begegnungen aus, indem das Bluetooth-Signal gemessen wird. Eine Positivkennung meldet das Smartphone dann, wenn das Smartphone einer positiv getestete Person – vorausgesetzt sie gibt den Befund in die Warn-App ein – insgesamt weniger als 10 Minuten in der Nähe des eigenen Smartphones war, unabhängig von der Entfernung, oder bei denen sich die Smartphones durchschnittlich mehr als etwa acht Meter voneinander entfernt befunden haben. Das erfahre ich auf der Plattform www.githup.com, dort haben die Entwickler – Deutsche Telekom und SAP – ihre Software vorgestellt.

An anderer Stelle informiert das RKI darüber, dass diese Parameter mit steigendem Wissensgewinn angepasst werden; der Schwellenwert, nach dem die App zwischen niedrigem und hohen Risiko unterscheidet, kann sich somit ändern.

14 Begegnungen, aber wo? Und wie viele Personen stecken dahinter?

Für mich steht fest, dass mein Smartphone ausreichend weit weg vom Smartphone einer später positiv getesteten Person war oder wir uns nur sehr kurz begegnet sind. Aber wo? Und wann? Und wie viele Personen stecken hinter den 14 Begegnungen? All das sagt mir die App nicht und das ist im Hinblick auf den Datenschutz auch richtig so.

Der Ermittlungszeitraum bezieht sich nur auf die vergangenen 14 Tage, vorausgesetzt ich habe meine App in der Zeit aktiviert. Ältere Begegnungen löscht die App automatisch, da sie für den Infektionsschutz nicht relevant sind.

Bis zu 15 Begegnungen lädt eine Corona-positiv getestete Person in die App; je eine für jeden der bis zu 14 letzten Tage vor dem Hochladen und am nächsten Tag für den aktuellen Tag. Rein theoretisch könnte es also sein, dass meine App immer wieder mit derselben Person die Daten abgeglichen hat. Da ich aber seit zehn Tagen im Homeoffice bin, ist das unwahrscheinlich.

Saß ich mit Corona-Patienten im Wartezimmer der Arztpraxis?

Ich überlege hin und her. In den letzten zwei Wochen muss ich also vierzehn Mal einer oder mehreren Personen über den Weg gelaufen sein, die zwischen gestern und heute Morgen ihr positives Testergebnis in die Warn-App gespeist haben.

Wann sie ihr Testergebnis bekommen haben, wann sie getestet wurden, auch das kann ich nicht erkennen.

Vielleicht stammen die Begegnungen aus der Arztpraxis, überlege ich. In den vergangenen zwei Wochen war ich drei Mal dort: Arztgespräch, Blutabnahme und neue Terminvereinbarung.

Über die Liste der KVWL erfahre ich, dass mein Arzt auch Coronatests durchführt. Ich frage bei der Gemeinschaftspraxis nach. Dort erklärt man mir, dass es eine separate Praxis im Nachbargebäude gebe, wo Menschen mit Infekt hinbestellt werden. Potenzielle Corona-Infizierte und „normale“ Patienten begegnen sich nicht mal an der Anmeldung oder im Treppenhaus. Auch die Teams werden nicht gemischt, versichert man mir. In der Infektpraxis werde nur mit FFP2-Masken und Schutzausrüstung gearbeitet; das Personal sei seit Corona an der Grenze der Belastbarkeit.

Wer einem Corona-Infizierten nahe war oder sich lange in seiner Umgebung aufgehalten hat, hat ein erhöhtes Risiko sich angesteckt zu haben. Dann heißt es: Ab zum Arzt und einen Abstrich nehmen lassen.

Wer einem Corona-Infizierten nahe war oder sich lange in seiner Umgebung aufgehalten hat, hat ein erhöhtes Risiko sich angesteckt zu haben. Dann heißt es: Ab zum Arzt und einen Abstrich nehmen lassen. © dpa

Die Vorkehrungen beruhigen mich. Trotzdem bin ich nicht schlauer als vorher. Nur eins steht fest: Meine Hausarztpraxis trifft alle Sicherheitsmaßnahmen, damit sich chronisch Kranke und Infektpatienten nicht begegnen. Vielleicht bin ich im Supermarkt oder beim Radfahren den Positiv-Fällen begegnet? Oder ich bin auf dem Weg zum Arzt am Wartezimmer der Infektpraxis vorbeigegangen und mein Smartphone hatte Kontakt zu dem eines Infizierten.

Aus dem Schneider bin ich mit dem grünen Fenster aber wohl nicht automatisch. Mein Arzt rät mir, auf Symptome zu achten und gegebenenfalls einen Abstrich zu machen. Geschmacksverlust, Fieber, Erkältungsanzeichen nehme ich jetzt ernster. Mit Blick auf die Fallzahlen gehören Begegnungen wohl zum neuen Alltag. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen ihr Ergebnis in die App einspeisen. Seit dem Start der App haben das fast 45.000 Nutzer getan, rund 79 Prozent von ihnen allein zwischen dem 7.10 und 4.11.

Der Kreis Recklinghausen erklärt auf Anfrage, dass beim Infotelefon täglich maximal zehn Anrufe eingehen, die mit einer „grünen“ Begegnung im Zusammenhang stünden. Bei über 1000 Anrufen am Tag ist das wenig. „Relevant wird es erst, wenn die Anzeige rot ist“, so Pressesprecherin Lena Heimers.

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