Luftballons fliegen weiter massenhaft in Dorsten, aber die Kritik nimmt zu

dzUmweltverschmutzung

Bei vielen Veranstaltungen fliegen Luftballons – auch in Dorsten. Doch bundesweit regt sich Kritik von Umweltschützern. Sollte auf Ballon-Massenstarts verzichtet werden?

Dorsten

, 19.09.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hochzeitsmesse in Hervest, Tag der Wohnungslosen und Kinderfest der Linken in Wulfen-Barkenberg - bei mindestens drei Veranstaltungen in der vergangenen Woche in Dorsten gingen Hunderte Luftballons in die Luft. Dabei ist diese Praxis inzwischen höchst umstritten - wegen der Auswirkungen auf Tier- und Umwelt.

Denn die Überreste der Ballons verschmutzen Wälder und Meere, so die Kritik von Umweltschützern. Besonders für die Tierwelt sei die Gefahr groß. Meeresvögel ersticken an Ballonresten und -schnüren - oder verhungern, weil Ballons ihre Mägen verstopfen. Australische Forscher fanden in 40 Prozent der an Fremdkörpern gestorbenen Seevögel Reste von Luftballons.

Auch in Deutschland ist die Debatte angekommen. Zuletzt hatte die Stadt Gütersloh erklärt, bei Veranstaltungen künftig auf fliegende Luftballons zu verzichten. Und die Debatte wird zunehmend emotional geführt. Als Veranstalterin Sabine Wüst-Lämmermann vom Brauthaus Tausendschön ein Bild einer Luftballon-Aktion auf der Hochzeitsmesse in eine Dorstener Facebook-Gruppe postete, wurde sie übel beleidigt.

Dabei könne sie sachliche Kritik sehr gut verstehen. „Ich versuche selbst umweltbewusst zu sein, verzichte auf Plastiktüten und biete Second-Hand-Kleider an. Aber ich kann den Brautleuten nicht alles nehmen“, so Wüst-Lämmermann. Und schließlich sei ihr Naturkautschuk „sympathischer als Plastik“.

Hersteller wirbt für Naturprodukt, warnt aber vor dem Steigenlassen

Das ist Birgit Osbornes Stichwort. „Wir wollen den Begriff Plastik aus den Köpfen kriegen“, sagt die Wulfener Ballon-Großhändlerin. Denn ihre Ballons, die sie aus den USA bezieht, seien natürliche Produkte. „Die können Sie auch auf den Kompost legen.“ Deshalb seien ihre Ballons auch deutlich teurer als Billigware aus Fernost. „Kautschuk ist ein nachwachsender Rohstoff. 100 Prozent biologisch abbaubar. Latexballon, ein natürliches Produkt“, wirbt der der Hersteller Qualatex.

Das heiße aber nicht, dass man diese bedenkenlos steigen lassen könne, so Osborne. Die Zersetzung kann Monate dauern und damit Schaden in der Tierwelt anrichten. „Wir unterstützen das überhaupt nicht mehr“, sagt Osborne. Sie rate eher zu Luftballons als Raumdeko. Diese ließen sich anschließend bedenkenlos entsorgen.

Auch der Hersteller warnt ausdrücklich vor unsachgemäßer Verwendung: „Lassen Sie im Freien keine Heliumballons steigen“, heißt es im Firmen-Flyer. Und: „Denken Sie daran, dass jeder Ballon, den Sie fliegen lassen, zu unnötigem Abfall werden kann.“

Stadt beteiligt sich nicht

Vielleicht kommt es schon zum Weltkindertag am Sonntag (22.9.) zum nächsten Ballon-Massenstart. Die Stadtverwaltung beteiligt sich aber nicht an solchen Aktionen. „Auf städtischen Veranstaltungen wurden zuletzt keine Luftballons steigen gelassen. Der Einsatz solcher Luftballons liegt schon viele Jahre zurück“, teilt Stadt-Sprecher Christoph Winkel auf Nachfrage mit.

Die Stadt bitte aber darum, „beim Einsatz von Gasluftballons darauf zu achten, den anfallenden Müll zu beseitigen, damit die Umwelt nicht belastet wird“. Wie das im Falle von frei fliegenden Luftballons geschehen soll, lässt der Stadt-Sprecher offen.

Die Stadt Dorsten plane auch weiter keine Aktionen, bei denen Gasluftballons aufsteigen sollen, so Winkel. „Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass teilnehmende Institutionen - etwa zum Weltkindertag - Gasluftballons einsetzen.“

Bürgermeister Stockhoff will die Kirche im Dorf lassen

Und so geht die Diskussion wohl weiter. Gegen den einen oder anderen Ballon beim Kindergeburtstag sei ja nichts einzuwenden, sagt der Nabu-Ortsvorsitzende Michael Drescher. „Aber man kann schon fragen, ob es sinnvoll ist, wahllos Tausende Ballons steigen zu lassen. Vielleicht ist das nicht mehr zeitgemäß.“

Beim Brückenfest anlässlich der Wiedereröffnung der Zechenbahnbrücke zwischen Hervest und der Feldmark waren ebenfalls Hunderte Ballons im Einsatz. „Aber nur zur Dekoration“, sagt Norbert Holz von der Hervestkonferenz. Einen ursprünglich geplanten Luftballon-Wettbewerb habe man aus Gründen des Umweltschutzes abgesagt - und die Ballons stattdessen an die anwesenden Kinder verschenkt.

Bürgermeister Tobias Stockhoff sieht das Thema derweil entspannt. Auf einen Luftballon-Start bei einer von ihm besuchten Veranstaltung angesprochen, schrieb er bei Facebook, man solle die Kirche im Dorf lassen. „Denn bei ‚Fridays for Future‘ meckern wir ja auch nicht, wenn Filzstifte benutzt werden.“

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