Zufallsfund im Stadtarchiv Dorsten: Diese Liebesgeschichte ist fast 200 Jahre alt

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Ein Medizinstudent schreibt einer jungen Frau aus Dorsten herzzerreißende Briefe, malt kleine Bilder für sie. Die Liebesgeschichte ist fast 200 Jahre alt und zufällig entdeckt worden.

Dorsten

, 14.02.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vorsichtig zieht Martin Köcher die mit goldener Farbe verzierte Pappschatulle aus dem grünen Schuber. Er klappt den Deckel auf und holt nach und nach handgeschriebene Briefe und kleine, überwiegend selbst gemalte Bilder aus der Box. Er faltet ein kleines Blatt Papier auseinander und gibt den Blick frei auf eine - Haarlocke.

Dunkelbraun ist das Haar und gehört Heinrich Wilhelm Adler. Er war offenbar bis über beide Ohren verliebt in „Julchen“ aus Dorsten. Zwischen 1827 und 1830 hat er seine Herzensdame mit fast zwei Dutzend schriftlichen Liebesbekundungen und bemalten Karten überschüttet. Dass diese Beziehung nun, pünktlich zum Valentinstag am 14. Februar, an die Öffentlichkeit gelangt, ist Martin Köcher zu verdanken.

Nach 20 Jahren zurück im Stadtarchiv

Seit Juli 2019 ist Martin Köcher Leiter des Stadtarchivs in Dorsten. Vor 20 Jahren hat er dort seine Ausbildung als Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste gemacht, im letzten Jahr ist der Dorstener in seine Heimat zurückgekehrt. Und hat sich in den letzten Monaten mit seinem neuen Arbeitsplatz vertraut gemacht.

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„So viel hat sich gar nicht verändert“, sagt der Stadtarchivar und schmunzelt. Doch als er sich vor einigen Monaten etwas genauer umschaute, entdeckte er den kleinen grünen Schuber und das liebevolle Poesiealbum. Es stammt aus dem „Archiefdienst Gemeente Heerlen“ in den Niederlanden und ist seit 1998 in Dorsten. Köcher hat recherchiert, aber: „Es lässt sich nicht klären, wie die Briefe hierher gekommen sind.“ Auch seine Vorgängerin Christa Setzer wusste nicht weiter.

Am 7. März

Tag der Archive

Das Stadtarchiv Dorsten (Im Werth 6, Bildungszentrum Maria Lindenhof) beteiligt sich am Tag der Archive. Am 7. März (Samstag) ist das Stadtarchiv von 10 von 14 Uhr geöffnet, um 11 und 13 Uhr werden Führungen angeboten. Zudem gibt es eine Ausstellung von verschiedenen Archivalien, u.a. das älteste Schriftstück, eine Urkunde aus dem 14. Jahrhundert. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Deutlich erfolgreicher war der Stadtarchivar bei seinen Nachforschungen zur Familiengeschichte des Liebespaares. „Julchen“ hieß mit bürgerlichem Namen Juliana Francisca Carolina Rodius, wurde am 15. März 1810 in Dorsten geboren und in St. Agatha getauft.

Der Vater starb mit 34 Jahren

Ihr Vater Sebastianus Rodius starb 18 Monate nach der Geburt der Tochter im Alter von nur 34 Jahren. Er war Apotheker in Dorsten. „Seine Frau hieß Antonnetta Schuerholz“, berichtet Martin Köcher. Über die Internetseite „GenWiki“ fand er auch einiges über Heinrich Wilhelm Adler heraus. „Er hat in Münster Medizin studiert und war später Arzt, seine Eltern stammen aus Paderborn.“

Zufallsfund im Stadtarchiv Dorsten: Diese Liebesgeschichte ist fast 200 Jahre alt

Viele seiner Briefe an „Julchen“ aus Dorsten hat der Arzt aus Münster mit Bildern versehen. © Stefan Diebäcker

Sein „Julchen“ (23) heiratete Doktor Adler (39) am 2. Mai 1933 in der St.-Agathakirche in Dorsten. Anschließend zog das Paar nach Holland und bekam fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter. Auch das fand Martin Köcher über das Internet heraus. „Leider ist nicht bekannt, was mit der Familie passiert ist. Wahrscheinlich leben heute noch Nachkommen in den Niederlanden.“

Ein Brief aus dem kleinen Poesiealbum der Eltern hat es Werner Köcher besonders angetan. „Vivat Julia“, hat Heinrich Wilhelm Adler ihn am 16. Februar 1830 betitelt:

Wenn einst Dein Blick auf dieses Blättchen fällt,
Und sich mein Bild in Deiner Seel‘ erhellt,
So mag es tröstend Dir erscheinen;
O hör‘ dann auf der Wehmuth Thrän‘ zu weinen!
Denn Berg und Thal und Land muß uns noch trennen,
Eh‘ die Zeit uns Rosenknospen bringt;
Mein Mund jedoch wird freudig Dich noch nennen,
Ob ihn gleich der blaße Tod umringt!

Der Gedanke, theures Julchen, mag Dir sagen,
Welchen Wunsch mein Herz Dir bringe heut‘
Sagen wird und soll er’s Dir in späten Tagen,
Adler war Dein Freund, Sein Herz nur Redlichkeit!

Martin Köcher klappt das kleine Album zu und lächelt. Diese Recherche der Familiengeschichte hat ihm Spaß gemacht. Die inzwischen fast 200 Jahre alte Liebesgeschichte zwischen dem Arzt aus Münster und der jungen Frau aus Dorsten hat ihn fasziniert.

Manches hält offenbar ewig. Auf der Rückseite des Poesiealbums steht: „Freundschaft ist der Sonnenstrahl des Lebens“.

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