Lembecker Landwirt Heinrich Rogge wird 100 Jahre alt

dzÄltester Lembecker

Heinrich Rogge wird heute 100 Jahre alt. 90 davon hat er in seiner Lembecker Heimat verbracht. Mit den anderen zehn ist er bis heute nicht versöhnt. Sie rauben ihm noch immer den Schlaf.

Lembeck

, 28.10.2020, 10:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zehn verlorene Jahre“ beklagt Heinrich Rogge im Rückblick auf sein langes Leben. Obwohl er heute 100 Jahre alt wird, setzen ihm die Jahre zwischen 1939 und 1949 noch immer zu. Er hat ihnen sogar ein Buch („Zehn verlorene Jahre“) gewidmet, in dem er für seine Nachkommen über eine Zeit schreibt, die ihm bis heute die Tränen in die Augen treibt - zur Mahnung, zur Warnung und vielleicht auch als Erklärung für vier Kinder, Schwiegerkinder, sieben Enkel und sechs Urenkel, die den Vater, Opa und Urgroßvater immer häufiger vom Krieg erzählen hören.

Heinrich Rogge wurde am 28. Oktober 1920 als ältester Sohn auf dem elterlichen Hof am Midlicher Bach in Lembeck geboren. Er hat seine „Scholle“ nie verlassen, außer von 1939 bis 1949, lebt dort inzwischen mit Sohn Heinz und Schwiegertochter Ursula. Auch die drei Töchter sind mit ihren Familien in der Nähe geblieben. Als Heinz Rogge vor 38 Jahren den elterlichen Hof übernahm, konnte er noch viele Jahre auf die Mithilfe seines rüstigen Vaters zählen.

Der Mann versorgte das Vieh, die Frau die Kinder

2018 starb Heinrich Rogges Ehefrau Hildegard, die er einst auf dem Schützenfest in Lippramsdorf kennengelernt und 1953 zum Traualtar geführt hatte. „Ich habe mich ums Vieh gekümmert, meine Frau um die Kinder. So war das damals.“ Für Schnickschnack blieb in dem land- und forstwirtschaftlichen Betrieb nicht viel Zeit.

Keine Feier

Wegen Corona wird es heute keine Geburtstagsfeier im Hause Rogge geben. Der Jubilar bittet eindringlich, von Gratulationsbesuchen abzusehen. Selbst die Familienfeier im kleinen Kreis sei abgesagt worden, berichtet seine Tochter.

Heinrich Rogge hatte immer schon ein Herz für Pferde, auch als Soldat war er auf dem Rücken von Pferden an der Front eingesetzt. Später hielt er selbst Pferde und wurde Mitglied des Lembeck Reitervereins. Als Besitzer einer eigenen Jagd trat der passionierte Jäger dem Hegering bei, der ihn längst zu seinem Ehrenmitglied ernannt hat. Im Schützenverein war er Mitglied, „aber König wollte ich nie werden“, sagt der Jubilar und schmunzelt. Das hat geklappt.

Nach Stalingrad kam das Grauen des Lagers

Vor dem Krieg hat er sich damals nicht drücken können, obwohl er‘s versucht hat. 1939 musste er an die Ostfront, erlebte erst das Grauen von Stalingrad und dann die Schrecken der Gefangenschaft. Der Bauernsohn wurde in verschiedenen Zechen eingesetzt. In einer waren überwiegend SS-Leute beschäftigt - entsprechend rüde war die Behandlung durch die Sieger. „Wir wurden behandelt wie Vieh“, erinnert sich Heinrich Rogge, der mit 100 Kilo Körpergewicht in den Krieg gezogen war und schließlich dank Wasser und Brot mit kaum mehr als 30 Kilo fast verhungert zurückkehrte. Die Folgen des Hungers und der jahrelangen Fehlernährung rührten irgendwann eine jüdische Ärztin im Gefangenenlager, die ihn in ein Erholungsheim für Gefangene einwies. „Ich verdanke dieser Frau mein Leben“, sagt Heinrich Rogge dankbar.

Gefangene schliefen auf dem Boden oder einem Rost

In diesem Erholungsheim traf er den ehemaligen Koch seiner Kompanie wieder, ebenfalls krank, aber erneut in der Küche eingesetzt. „Der hat mir immer heimlich eine Extra-Portion besorgt“, berichtet Rogge. „Und eine Decke fürs Bett.“ Jahrelang hatte er bis dahin auf dem Boden oder einem Rost gelegen - welchen Luxus bedeutete da eine Decke!

Als er 1949 endlich nach Hause kam, ausgerechnet an dem Tag, an dem seine Eltern seine irrtümliche Todesnachricht erhalten hatten, konnte er lange nicht schlafen. Und sein Leben lang sei es so geblieben, dass ihn nachts die Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse in Russland verfolgen. „Wenn ich nach ein paar Stunden wach werde, wandern die Gedanken in die Vergangenheit“, erzählt Heinrich Rogge, „und dann kann ich nicht mehr einschlafen.“ Daran hat sich in den 60 Jahren seit seiner Heimkehr nichts geändert.

Zum Geburtstag wünscht sich Heinrich Rogge seit vielen Jahren immer das gleiche: Gesundheit. Und Frieden.

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