Lembeck ist einzigartig, Lembeck ist anders. Wer hier wohnt, will nicht mehr weg. Sagen die meisten Lembecker. Obwohl das Leben in dieser großen Gemeinschaft ein paar Schönheitsfehler hat.

Lembeck

, 23.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Lembecker ist vor allem Lembecker. Und nicht Dorstener. Daran hat sich seit der Kommunalen Neuordnung (1975) nicht so schrecklich viel geändert in vielen Köpfen. „Lembeck wäre ohne Dorsten besser dran“, hat ein Umfrage-Teilnehmer geschrieben. Ein anderer beschreibt sein Dorf als einen „vonseiten der Stadt vernachlässigten Ortsteil“. So sind sie halt manchmal, die Gallier, pardon: Lembecker.

Im Norden der Stadt wohnen selbstbewusste, heimatverbundene Menschen. Wie Michael Große-Heidermann (42). Er arbeitet zwar bei den Dorstener (!) Drahtwerken, ist aber in Lembeck aufgewachsen und hatte „nie die Idee, aus Lembeck wegzugehen. Wir haben hier alles: Freude, Familie, die Freiwillige Feuerwehr. Das passt.“ Onkel Ludger ist der Küster im Dorf. Da würden wohl die Glocken läuten, wenn es sich der Michael anders überlegen würde.

Einmal Lembeck, immer Lembeck.

Sonja Heidermann (37) ist die Angeheiratete. Sie stammt aus Ramsdorf, ist der Liebe wegen vor 15 Jahren „von der einen dörflichen Struktur in die andere“ gekommen und lebt „am idealen Fleck“, wie sie sagt. Sie engagiert sich in der Gemeinde St. Laurentius, hat die Flüchtlingshilfe unterstützt, das prägt und schweißt zusammen. „Die Dorfgemeinschaft ist wunderbar, das merkt man beim Schulfest genauso wie beim Schützenfest. Und beim großen Jubiläumsfest im Jahr 2017 haben alle Hand angelegt.“

Einmal Lembeck, immer Lembeck.

Lembeck: Das gallische Dorf hält zusammen und erträgt auch ein paar Schönheitsfehler

Beim großen Jubiläumsumzug im Oktober 2017 war das ganze Dorf auf den Beinen. © Guido Bludau

Jan (12) und Clara (9) hatten keine Wahl. Aber sie vermissen auch nichts, es gibt ja in der Freizeit genug zu tun. Beide Kinder sind in der Messdienergemeinschaft von St. Laurentius und in der Leichtathletikabteilung des SV Lembeck. Jan besucht die Musikschule (Pssst, in Dorsten ...) und macht auch noch im Spielmannszug Grün-Weiß Lembeck mit. „Ich will hier nicht mehr weg“, sagt er. „Ich auch nicht“, bestätigt seine Schwester.

Einmal Lembeck, immer Lembeck? Na, darüber reden wir in ein paar Jahren noch mal.

Jan besucht die Sekundarschule in Reken, Clara wechselt im Sommer zum dortigen Gymnasium Maria Veen. Ein Sonderbus bringt die Schulkinder aus Lembeck morgens in die Nachbargemeinde und nachmittags wieder zurück. Praktisch. Wenn doch die Verkehrsverbindungen immer und überall so gut wären...

Das wurde gut bewertet:

Nahversorgung: „In Lembeck bekommt man alles“, pflegte das langjährige Vorstandsmitglied der Lembecker Interessengemeinschaft, Fritz Cosanne, stets zu sagen. „Im Prinzip stimmt das auch“, sagt Sonja Große-Heidermann. Die 8 Punkte, die es in der Umfrage gab, seien gerechtfertigt. Wenn sie tatsächlich mal zum Aldi oder in den Drogeriemarkt möchte, fährt sie halt nach Rhade. „Konkurrenz würde das Geschäft und die Angebote in Lembeck beleben“, glaubt ein Umfrage-Teilnehmer.

Grünflächen: Volltreffer, volle Punktzahl. Wer die Hohe Mark vor der Haustür hat, hat nix zu meckern und lobt die Natur über den grünen Klee. Familie Große-Heidermann macht regelmäßig Ausflüge in die Natur. Clara liebt den „Hexenwald“ wegen der Fahrrad-Rennstrecke. „Ruhiger Stadtteil, super geeignet auch für Hunde“, schrieb ein Umfrage-Teilnehmer. „Ein schöner grüner Fleck“, meinte ein anderer.

Familienfreundlichkeit: Da ist ihr Heimatort ebenfalls top, da sind sich die vier Große-Heidermanns einig. Kitas und Grundschule im Ort, jede Menge Vereine mit unterschiedlichen Angeboten, ein Ärztehaus für den Notfall: Von den 176 Umfrage-Teilnehmern gab es im Durchschnitt 8 Punkte. Da können andere Ortsteile nicht mithalten (Stadt gesamt: 7 Punkte).

Lembeck: Das gallische Dorf hält zusammen und erträgt auch ein paar Schönheitsfehler

© Verena Hasken


Verkehrsbelastung:
8 Punkte für Lembeck, 8 auch für die übrigen Ortsteile in Dorsten im Durchschnitt. Alles in Butter also? Nein, zahlreiche Umfrage-Teilnehmer kritisierten die Lkw-Belastung im Dorf, den Lärm von der nahen A 31, die Raserei auf der Wulfener Straße. Sonja Große-Heidermann sieht‘s lockerer. Sie hört den Lärm der Umgehungsstraße auf dem Balkon, „aber da gewöhnt man sich dran“. Sie schickt Clara auch alleine zur Don-Bosco-Schule und lobt die Initiative „Mit 30 durchs Dorf“ für große Trecker. „Die Situation ist wirklich besser geworden“, meint sie.

Das wurde negativ bewertet:

Gastronomie: Da haben die Lembecker ihrem Ortsteil nur 6 Punkte serviert. Ja, lecker essen kann man noch an der ein oder anderen Stelle, zum Beispiel in der Pizzeria Sardegna oder im Haus Nordendorf. „Und Currywurst mit Pommes im Schlemmerhus“, wirft Clara ein. „Aber wo soll man hingehen, wenn man mal ein Bier trinken möchte?“, fragen Michael Heidermann und auch einige Umfrage-Teilnehmer. Das Stenen Hues ist abgerissen, das alte Brauhaus, das 27 Jahre leerstand, mittlerweile auch. Das Café Böhmer hat die Öffnungszeiten reduziert, weil kaum noch Personal zu bekommen ist. Bleibt „Otto“ Homfeldt und seine königsblau eingefärbte Bierstube in der Schulstraße. Oder aber der Lembecker macht es wie Michael Große-Heidermann. „Ich trinke mein Feierabend-Bier bei der Feuerwehr.“ Durstlöscher nennt man das wohl.

Lembeck: Das gallische Dorf hält zusammen und erträgt auch ein paar Schönheitsfehler

Das alte Brauaus ist kürzlich abgerissen worden. Es stand 27 Jahre leer. In Lembeck gibt es kaum noch Gastronomie. © Guido Bludau


Angebote für Jugendliche:
Die sind nach Meinung der Umfrage-Teilnehmer auch nicht das Gelbe vom Ei, aber immer noch besser als in den meisten anderen Ortsteilen. Jan ist mit Musik und Sport gut ausgelastet, Clara geht außerdem regelmäßig ins T.O.T am Pfarrheim und findet es „super“. Da trifft sie auch Katja Breuer, die als pädagogische Leiterin seit 2014 die Jugendarbeit in der Gemeinde St. Laurentius verantwortet: „Etwa 100 Kinder vom vierten bis etwa achten Schuljahr nutzen jede Woche unsere Angebote“, sagt sie. Einmal im Monat gibt es eine besondere Aktion: Kinderdisco, Kinoabend oder Spielenacht zum Beispiel.

Seit Sommer des vergangenen Jahres ist freitagsabends auch Raum und Platz für ältere Jugendliche, einen großen Fernseher und eine Playstation inklusive. „Organisierte Angebote gibt es aus meiner Sicht in Lembeck genug“, meint Katja Breuer. „Das wollen aber viele Jugendliche nicht. Daran mangelt es in Lembeck - und an den vernünftigen Verkehrsbedingungen.“ Womit wir schon beim nächsten Thema wären ...

Lembeck: Das gallische Dorf hält zusammen und erträgt auch ein paar Schönheitsfehler

Die Busverbindungen sehen die Lembecker kritisch. Sie wünschen sich vor allem auch abends und am Wochenende mehr Fahrten. © Stefan Diebäcker

Verkehrsanbindung: Die Nähe zur Autobahn ist trügerisch. Wer ein Auto hat, kommt prima ins Münsterland oder in Richtung Ruhrgebiet. Aber sonst? Hängen im Schacht. 4 Punkte, Lembeck fühlt sich abgehängt. Sonja Heidermann kann das verstehen: „Der Bahnhof ist weit außerhalb und für ältere Menschen zu Fuß kaum zu erreichen. Wer mit dem Bus nach Dorsten möchte, muss Zeit mitbringen.“ Stimmt. Knapp 40 Minuten dauert das im günstigsten Fall, wenn der Zeitplan eingehalten wird - mit Zwischenstopp in Wulfen.

An dieser Situation wird sich vorläufig nichts ändern. Ewelin Reclik, Sprecherin der Vestischen Straßenbahnen GmbH, verweist auf den Nahverkehrsplan, der vom Kreistag verabschiedet wurde. „Mehr Leistung kostet mehr Geld. Das müssten dann der Kreis bzw. die Städte bezahlen.“

Aber da gibt es ja noch das Anruf-Sammel-Taxi, das nach einem festgelegten Fahrplan zumindest zwischen Lembeck und Rhade pendelt - wenn man sich spätestens 45 Minuten vorher anmeldet. „Spontan geht da nichts“, kommentierte ein Lembecker in der Umfrage. Abends wird es ganz gruselig, wenn man nach Dorsten möchte. Ein Beispiel: um 21.26 Uhr mit dem Anruf-Sammel-Taxi nach Rhade, dort eine Stunde Aufenthalt, dann mit dem Zug nach Dorsten. Ankunft am Bahnhof um 22.54 Uhr.

Na dann, gute Nacht!

Historie

Vom Dorf zur Herrlichkeit

Lembeck: Das gallische Dorf hält zusammen und erträgt auch ein paar Schönheitsfehler

Umzugswagen aus dem Jahre 1974, als die Kolpingsfamilie ihr 25-jähriges Bestehen feierte. © Archiv Lembecker.de

Das Dorf Lembeck entstand aus einem Reichsgut, dessen Vögte später die Herren von Lembeck waren. Adolf von Lembeck war Inhaber eines bischöflichen Haupthofes; auf ihn ist der Ortsname zurückzuführen. Lembeck wurde als „Lehembeke“ im Jahre 1017 in einer Urkunde erstmals genannt. Im Laufe der Jahrhunderte entstand nahe dem Haupthof das Schloss Lembeck, das als eines der schönsten Wasserschlösser im Ruhrgebiet und Münsterland gilt. Der Herrschaftsbereich, der der Gerichtsbarkeit, den Herren von Lembeck, unterstand – die „Herrlichkeit Lembeck“ –, umfasste die Orte Altschermbeck, Erle und die heutigen Dorstener Stadtteile Hervest, Holsterhausen, Lembeck, Rhade und Wulfen. Der Name „Herrlichkeit Lembeck“ blieb bis heute für das nördliche Dorstener Stadtgebiet erhalten.
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