Schrecklicher Unfall in Dorsten: „Aus unserer Mutter ragten Drähte und Metall“

dzUnfall in Dorsten

Anna S. war lebenslustig und zupackend. Das ist sie nicht mehr. Bei einem Unfall wurde ihr ihr altes Leben entrissen. Hilfe ist noch nicht in Sicht.

Dorsten

, 09.03.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist der 30. Oktober 2018. Anna S. (Name: v. der Red. geändert) hat ihre tägliche Arbeit als Putzhilfe in einer Arztpraxis an der Halterner Straße erledigt. Sie verlässt gegen 20.40 Uhr das Ärztezentrum „La Vie“ und schiebt ihr Fahrrad zu der Fußgängerampel an der Kreuzung der Halterner Straße zur Straße Am Katenberg. Dort bleibt sie stehen.

„Meine Mutter hat immer gewartet, bis die Fußgängerampel an beiden Fahrspuren Grün gezeigt hat“, sagt die Tochter. Ihre Mutter sei eine vorsichtige Frau: „Sie ist selbst bei Grün nicht sofort losgegangen, sondern hat noch ein paar Sekunden gewartet, um sicher über die Straße zu kommen.“

An diesem 30.10.2018 nutzt der heute 61-Jährigen ihre Vorsicht nicht. Ein Auto nähert sich vom Gemeindedreieck und erfasst die Frau mit voller Wucht, als sie ihr Rad über die Straße schiebt. „Als ich wieder zu mir kam, habe ich vor Schmerzen geschrien, der Notarzt hat mir noch im Rettungswagen Morphium gegeben“, sagt Anna S.

Schwerer Unfall und die Folgen

Die 20 Zentimeter lange Narbe an der unteren Wirbelsäule der 61-Jährigen ist einer siebenstündigen Operation geschuldet: „Eine Platte und vier Schrauben stabilisieren die gebrochenen Wirbel.“ © Claudia Engel

Wie sie zu den Schmerzen und zu ihren schrecklichen Verletzungen, an denen sie lebenslang nach Aussagen eines Arztes leiden wird, gekommen ist und wer mutmaßlich dafür verantwortlich sein soll, erfährt die Dorstenerin erst im Zuge eines Gerichtsverfahrens, das zurzeit ruht. Zwei Gutachten müssen noch bis zur endgültigen Abklärung des Geschehens eingeholt werden.

Aus dem Polizeibericht geht hervor: Ein seinerzeit 23-Jähriger aus Dorsten hat sie frontal mit seinem Auto angefahren und dann Fahrerflucht begangen. Wenig später meldet er sich auf der Polizeiwache und bekennt sich zu dem Unfall. Seinen Führerschein gibt er freiwillig her. Dem 23-Jährigen wird eine Blutprobe wegen des Verdachts, Alkohol getrunken zu haben, entnommen. Ergebnis: 0,79 Promille.

Schwerer Unfall und die Folgen

Schulterecksgelenksprengung an der rechten Schulter. Diese Verletzungen hat Anna S. nicht mehr operieren lassen: „Ich lege mich nicht noch mal unters Messer.“ © Claudia Engel

Als der 23-Jährige bei der Polizei ist, liegt Anna S. schon auf dem Operationstisch. Aus dem Arztbericht geht hervor: Anna S. hat fünf gebrochene Rippen, einen durch den Aufprall gequetschten Brustkorb, Lungenverletzungen aufgrund der Quetschungen im Brustbereich (beidseitige Lungenkontusion), einen komplexen Beckenbruch, Wirbelbrüche, Schulterecks-Gelenksprengung, sieben ausgeschlagene Zähne und eine Nervenverletzung im rechten Bein - Lebensgefahr!

Aus der Mutter ragten Drähte und Metall

„Wir waren alle erschüttert, als wir unsere Mutter im Krankenhaus das erste Mal wiedergesehen haben“, sagt die Tochter. Anna S. sei komplett verschraubt gewesen, Drähte und Metall zur Stabilisierung der Knochen hätten „aus ihrem Körper herausgeragt“. Und: „Ich habe drei Wochen lang vor Schmerzen geschrien, obwohl ich die Höchstdosis Morphium bekommen habe. Mehr ging nicht“, beschreibt Anna S. ihre Qualen.

Es sind nur noch wenige Schritte möglich

Anderthalb Jahre nach dem Unfall kann sie zwar wieder wenige Schritte alleine gehen. Wegen Schwindelattacken muss sie sich aber festhalten. „An einem meiner Kinder oder meinem Mann“, so die 61-Jährige. Wenn sie vor die Tür wolle, brauche sie einen Rollator. Sie könne nur noch ein paar Schritte laufen, „dann fragt meine dreijährige Enkelin mich schon, ob ich mich hinsetzen möchte“. Auf der Straße bekommt sie Angstzustände. „Ich brauche immer jemanden, der mich begleitet.“ Außerdem leidet sie schlimme Schmerzen: „Die Nervenschädigung im Bein ist nicht heilbar. Und die Knochen tun mir weh.“ Anna S. nimmt opiathaltige Schmerzmittel.

Schwer geschädigt seit dem Unfall

Aus der bis zum 30. Oktober 2018 vollkommen gesunden Frau ist ein schwer geschädigter Mensch geworden. Wie schwer, darüber macht sich das Versorgungsamt seit April 2019 Gedanken, ist aber noch nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen.

Der Anwalt von Anna S. sagt: „Es sind Sachverständigen-Gutachten zur Schwere der Verletzungen und zum Grad der Behinderungen meiner Mandantin gestellt worden.“ Außerdem werde eine Expertise zur Ampelschaltung an der Halterner Straße gefertigt. Das sei auch der Grund, warum der Strafprozess wegen Gefährdung des Straßenverkehrs ausgesetzt worden sei. Das zivilrechtliche Verfahren, das die Versicherungen führen, gehe vor. Das bestätigte das Amtsgericht Dorsten auf Anfrage.

Unfallopfer möchte endlich abschließen

„Ich möchte endlich damit abschließen. Für mich ist das sehr belastend, dass ich immer wieder zum Gericht und mich mit dem Unfall beschäftigen muss“, sagt Anna S. Die Gedanken ihres Mannes kreisten täglich um das Unfallgeschehen. „Das macht mich fertig.“

Seit dem Unfall muss der Ehemann des Unfallopfers trotz seiner Herzkrankheit arbeiten gehen, um den Verdienstausfall der Ehefrau zu kompensieren, damit der Lebensunterhalt der Eheleute gesichert ist. „Ich habe kein Schmerzensgeld bekommen, auch keine Entschädigung und noch keine Unfallrente“, sagt Anna S.

Anderthalb Jahre nach dem Unfall sieht Anna S. immer noch kein Land. „Ich finde schlimm, dass meine Mutter so behandelt wird, als ob sie selbst schuld an dem Unfall hätte“, sagt die Tochter. Wer die Verantwortung für den Unfall trägt und die Folgekosten, darüber müssen die Gerichte entscheiden. Das ist vielleicht im Sommer der Fall.

Trauer um das verlorene Leben

Anna S. trauert um ihr früheres Leben: „Mein Sohn wollte mich an dem Abend mit dem Auto abholen, weil es stürmisch war und es regnete.“ Als er an der Halterner Straße eintraf, lag seine Mutter aber schon im Rettungswagen.

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