Krankheitsbild nicht einheitlich: KKRN-Arzt berichtet über Erfahrungen mit Corona

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Dr. Norbert Holtbecker, Chefarzt der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord, erzählt, wie die Situation auf den Intensivstationen des KKRN aussieht und welche Erfahrungen er mit dem Coronavirus bereits gemacht hat.

Dorsten, Haltern

, 13.10.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen steigt stärker an. In den Krankenhäusern ist es aber weiterhin ruhig. Inwieweit bereitet sich das Katholische Klinikum Ruhrgebiet Nord GmbH (KKRN), zu dem auch das St.-Elisabeth-Krankenhaus gehört, dennoch auf die höheren Infiziertenzahlen vor? Dr. Norbert Holtbecker, Chefarzt im Klinikverbund Ruhrgebiet Nord und Lungenspezialist, berichtet zudem von den Erfahrungen, die die Medizin bislang mit dem Coronavirus gemacht hat.

Das KKRN bereitet sich erst einmal nicht extra auf steigende Krankenhausaufenthalte vor. „Man muss sehen“, sagt Norbert Holtbecker. „Wir befinden uns bereits seit Monaten in einem ausgedehnten Maßnahmen-Paket.“ Es habe sich etabliert, stationäre Patienten zu testen, die aufwendigen Hygienepläne umzusetzen und die Besucherzahlen zu regulieren. „Stand jetzt sind die Maßnahmen weiterhin effektiv und ausreichend.“

Im KKRN gibt es derzeit keinen intensivmedizinisch betreuten Patienten, sagt Norbert Holtbecker. Auf den Isolierstationen würden zwar mehrere Fälle liegen, aber die Intensivkapazitäten der größten Klinikgesellschaft im nördlichen Ruhrgebiet sind nicht ausgelastet. Auch das ist ein Grund, warum sich das KKRN momentan nicht extra vorbereiten muss.

„Durch die Uni-Klinik Münster haben wir eine Anfrage bekommen, freie Intensivkapazitäten der Niederlande zu melden“, sagt der Chefarzt der Lungenklinik. Dem gab das KKRN statt. Bereits im Mai nahm die Klinikgesellschaft einen Intensivpatienten aus den Niederlanden auf. Trotzdem werde weiterhin die aktuelle Lage überprüft. „Wir betrachten täglich die Infektionslage und überprüfen, wie wir regelmäßig neu reagieren können.“ Aufgrund der im Kreis Recklinghausen erhöhten Infektionslage ist das KKRN zudem mit weiteren Krankenhäusern im Kreis eng in Kontakt.

„Das ist ein Phänomen, dass wir genauso beobachten wie alle anderen auch.“
Dr. Norbert Holtbecker, Chefarzt der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord

Obwohl die Infiziertenzahlen steigen, bleiben die Beatmungsgeräte derzeit im Vergleich zur Hochphase Ende März, Anfang April aber weitestgehend frei. „Das ist ein Phänomen, das wir genauso beobachten wie alle anderen auch“, sagt Dr. Holtbecker. Oft wird es mit der Theorie erklärt, dass sich derzeit vor allem jüngere Menschen mit dem Coronavirus infizieren, die wiederum nicht so stark erkranken wie ältere Menschen, die als Risikopatienten gelten. „Ob diese Theorie stimmt, ist aber noch nicht richtig bewiesen“, sagt der Chefarzt.

Unterschiedliche Verläufe

Mittlerweile hat er einige Erfahrungsätze über das Coronavirus sammeln können. Das Coronavirus ist keine einfache Atemwegserkrankung wie die Grippe. Es sei gefäßschädigend, erzählt der Arzt, und kann auch andere Organe angreifen. „Vom Verlauf hat diese Krankheit viele neue Aspekte und eine ungewöhnliche Breite von Manifestationen.“

Von asymptotischen Fällen bis hin zu beatmungspflichtigen Patienten ist alles dabei. Viele Fragen bleiben noch ungelöst. „Wir wissen nicht, warum die Verläufe so dermaßen unterschiedlich sind“, sagt Norbert Holtbecker. „Das macht die Einschätzung so schwierig.“

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Wichtig: AHAL-Regeln weiterhin einhalten

Man wisse nie, ob jemand was hat oder nicht. „Das macht die Bevölkerung so mürbe“, erklärt Norbert Holtbecker. Wichtig sei, sagt er, weiterhin die AHAL-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) einzuhalten. Der Arzt betont zudem: „Wir haben es als Bevölkerung selber im Griff, wie wir in vier Wochen dastehen.“

Eine weitere Frage, die Norbert Holtbecker beantwortet: Inwieweit müssen Corona-Patienten mit Folgeschäden rechnen? „Sicher ist derzeit nur eins: Das Coronavirus hat bei schwerwiegenden Verläufen langanhaltende Symptome. Das Röntgenbild der Lunge normalisiert sich lange nicht.“ Der Arzt schränkt aber auch ein: „Verwertbare Zahlen, wie viele mit einem anderen Organschaden davonkommen, gibt es derzeit nicht. Wir haben zurzeit den Eindruck, dass die meisten wieder symptomfrei werden.“

Wie verhält es sich mit einer möglichen Immunität?

Und wie verhält es sich mit einer möglichen Immunität? Die gebildeten Antikörper nach überstandener Erkrankung blieben je nach Fall mal sechs Monate, mal aber auch länger oder kürzer im Blut, sagt der Lungenarzt. „Der Körper hat aber eine, ich nenne es, Memory.“ Das bedeutet, dass sich der Körper an bereits durchgemachte Krankheiten erinnern kann. So können bereits infizierte Menschen zwar erneut am Coronavirus erkranken. „Der Körper bildet dann aber schneller Antikörper und die Erkrankung verläuft weniger schwer“, sagt Norbert Holtbecker. Das sei zumindest der Stand der Wissenschaft bisher.

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