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Jan (13) aus Dorsten: „Ich bin kein Streber. Ich bin hochbegabt.“

dzHochbegabung

Was bedeutet es, wenn ein Kind hochbegabt ist - für Familie, Schule und das Kind selbst? Jan aus Dorsten erklärt, wie es in seinem Kopf aussieht und warum er ihn manchmal abschaltet.

Dorsten

, 15.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Ich bin kein Streber. Ich bin hochbegabt.“ Manchmal würde Jan* das gerne laut in die Klasse schreien. Weil der 13-Jährige die Antwort weiß, sich aber trotzdem nicht meldet, damit er nicht als Klugscheißer abgestempelt wird. Seine Eltern würden sich mehr Verständnis für ihr Kind wünschen. Jedes Kind ist etwas Besonderes. Aber ihr Sohn eckt mit seinen Besonderheiten an bei Gleichaltrigen und bei Lehrern in der Schule. Auch zu Hause ist das Zusammenleben von hoch- und normalbegabten Familienmitgliedern nicht immer leicht.

„Der ist aber gut drauf.“ Den Satz hörte die Dorstenerin Claudia Möller* immer wieder von Großeltern, Freunden und auch Fremden auf der Straße. Wenn ihr Sohn schon als Kleinkind vom Kinderwagen aus alle Automarken und Modelle der vorbeifahrenden Autos nennen konnte. Wenn er deutlich und ganze Sätze sprach, wo andere Kinder sich noch mit wenigen Wörtern ausdrückten. „Aber ich habe mir erst einmal nichts dabei gedacht. Er ist unser erstes Kind, ich hatte keine Vergleiche.“

Jan spielte lieber mit der Erzieherin

Aber die Erzieherinnen im Kindergarten konnten diese ziehen und rieten den Eltern, Jan auf eine mögliche Hochbegabung testen zu lassen. „Jan war auffällig. Er wollte immer alles wissen und hat lieber mit seiner Erzieherin und dem Experimentierbaukasten gespielt als mit gleichaltrigen Kindern.“

Die Eltern ließen Jan untersuchen. „Aber man soll auf so frühe Tests nicht viel geben“, weiß Mutter Claudia heute, die nach dem auffällig guten Ergebnis Bücher zum Thema Hochbegabung kaufte. „Als ich sie gelesen hatte, machte vieles Sinn. Die Anmerkung des Kinderarztes zum Beispiel, dass Jan sehr früh greifen konnte und sofort Blickkontakt gesucht hat. Das können frühe Anzeichen einer Hochbegabung sein.“

„Woher hat er den hohen IQ?“

In der dritten Klasse wurde Jan nochmals getestet. „Da musste ich zum Beispiel Logikfragen beantworten. Auf einem Bild waren Menschen und ein Vogel am Strand zu sehen. Der Vogel hinterließ Fußspuren, die Menschen nicht. Das musste ich erkennen“, erinnert sich Jan. Danach war klar: Jan hat einen IQ, der deutlich über dem Durchschnitt liegt. „Woher hat er den?“, fragte sich Claudia Möller. „Natürlich haben wir gemeinsam gelesen und Hörbücher gehört, uns mit dem Kind beschäftigt. Wie es halt normal ist. Aber wir haben unser Kind nicht besonders gefördert.“

Jans Interesse an Technik entsprachen die Eltern mit elektronischem Spielzeug. „Die Batterien wollte er immer selbst auswechseln und nach zehn Minuten spielen hat er das Spielzeug meist auseinander gebaut, um zu gucken, wie es funktioniert“, erinnert sich Vater Björn. „Meist hat Jan es danach auch wieder zusammengesetzt bekommen.“ Sein technisches Verständnis half ihm dabei.

„Ich kann kein Mathe“

Die Schule fiel Jan von Anfang an schwerer. „Er sagte in der Grundschule plötzlich, dass er kein Mathe kann, obwohl ihm das eigentlich immer leicht fiel. Dass er einfach nur die gestellte Aufgabe lösen sollte, mit seinem Detailwissen aber niemand etwas anfangen konnte, war schwierig für ihn. Die Unterforderung führte dazu, dass er eine komische Wahrnehmung entwickelte“, erinnert sich Claudia Möller noch. „Der Professor, der ihn auf Hochbegabung getestet hatte, empfahl den Wechsel von der dritten in die fünfte Klasse.“

Die Grundschule riet jedoch davon ab, wies auf die emotionale und körperliche Entwicklung des Kindes hin. Jan blieb im Klassenverbund, hat bis heute zur sechsten Klasse des Gymnasiums keine Stufe übersprungen. Die richtige Entscheidung? „Das kann ich nicht sagen“, sagt Claudia Möller.

Nicht immer ist es leicht für Jan, in der Schule zurecht zu kommen. Für Mitschüler und Lehrer oft schwer verständlich: Er kann sich alles durch einmaliges Hören merken. „Das ist, als wenn ich eine Kassette im Kopf habe und die kann ich immer wieder abspulen“, versucht er zu erklären. Mitschriften braucht er deswegen nicht. Nicht alle Lehrer verstehen, warum er sich nicht viel notiert oder abschreibt. „Er sollte es einfach machen, weil alle es tun. Aber Jan nimmt nichts einfach so hin. Er hinterfragt alles. Das kann anstrengend sein. Aber so ist er nun einmal“, sagen die Eltern. „Manchmal schalte ich auch absichtlich ab, melde mich nicht. Damit ich nicht immer als Streber gelte.“

Idee: Roboter für Gasplaneten entwickeln

In Religion braucht er sich dafür nicht anstrengen. „Das interessiert mich nicht. Mein Job wird später nichts damit zu tun haben.“ Jan könnte sich vorstellen, Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren. „Dann könnte ich Roboter entwickeln, zum Beispiel einen, der für Gasplaneten gemacht ist. Das wäre doch mal was Interessantes.“

Unter seinen gleichaltrigen Schulkameraden hat Jan nicht viele Freunde. Denn seine Hobbys können die meisten nicht teilen. Spielt er Fußball? „Dafür habe ich kein Talent. Ich bin mit den Füßen nicht so begabt. Ich arbeite lieber fein mit den Händen.“ Jan entwickelt Maschinen, auf manche will er einmal ein Patent anmelden. Deswegen darf auch nur die Seilwinde auf das Foto für die Zeitung, die er aus einem alten Akkuschrauber gebaut hat. „Seilwinden gibt es ja schon.“ Was die Eltern wegwerfen wollen, kann Jan noch gebrauchen. „Aus leeren Chipsdosen kann man zum Beispiel Lautsprecher bauen.“

Jan (13) aus Dorsten: „Ich bin kein Streber. Ich bin hochbegabt.“

Die Seilwinde hat Jan gebaut. © Jennifer Uhlenbruch

In seinem Kopf arbeitet es permanent, irgendetwas treibt ihn immer um. „Es kann sein, dass er um 23 Uhr noch mal zu uns ins Schlafzimmer kommt, weil er uns etwas berichten muss“, sagt Björn Möller. Jan schläft nicht viel. „Ich brauche das nicht. Lieber lese ich noch bis 0.30 Uhr.“ Und hört zeitgleich Hörbücher. „Wir denken immer, dass man sich doch so nichts merken kann. Aber Jan kann“, sagt Vater Björn.

Manchmal können die Eltern ihrem Sohn nicht folgen. „Bei seinen technischen Erklärungen bin ich raus“, gibt Mutter Claudia zu. Sie würde sich für ihren Sohn jemanden wünschen, mit dem er auf Augenhöhe kommunizieren kann, der ähnlich tickt. Im Samstagskurs der Pelz-Anfelder-Stiftung für besonders begabte Schüler hat er das. Aber eben nur einmal in der Woche. Und sie würde sich wünschen, dass in der Schule mehr auf Hochbegabte eingegangen wird. „Wir wollen ihn nicht pushen. Wir wollen nur diesem Kind gerecht werden. Dafür haben wir die Verantwortung.“

*Namen von der Redaktion geändert

Informationen für Eltern hochbegabter Kinder erteilt die Richard Pelz und Helga Pelz-Anfelder-Stiftung. Ansprechpartner: Manfred Loick, Tel. (02362) 66 40 50.
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