450 Standorte in Dorsten sind nach Angaben der Stadt schon von den Insekten befallen. Fachfirmen schaffen es derzeit nicht, Herr der Lage zu werden. Melden sie uns betroffene Stellen!

Dorsten

, 13.06.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sabine Mosler fühlt sich im Stich gelassen. Sie wohnt mitten in der Natur, in der Gerlicherheide in Wulfen, und kann momentan kaum ihr Haus verlassen. Tut sie es doch, um mit ihrem Hund rauszugehen, bekommt sie sofort Atemnot.

Schuld daran sind die Eichenprozessionsspinner, die sich an den Bäumen in ihrer Straße breitgemacht haben. „Ich bin Allergikerin und Asthmatikerin. Ich reagiere auf die Haare der Tiere mit tränenden Augen und Luftnot“, erzählt sie. Auch für ihren Hund sowie die Hunde auf dem benachbarten Hundeplatz seien die Insekten gefährlich. Bei der Stadt sei sie nur vertröstet worden, da sie in einem Randgebiet wohne.

Invasion der Eichenprozessionsspinner - Stadt kommt im Kampf gegen die Raupen kaum nach

Die Haare des Eichenprozessionsspinners können juckenden Ausschlag auslösen. © privat

Ähnlich geht es derzeit vielen Dorstenern. Sie melden befallene Bäume und müssen lange darauf warten, dass sich jemand um die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners kümmert. „Warum kümmert sich niemand?“, „Warum passiert da nicht schon vorher was?“, fragen sie in den Sozialen Netzwerken.

„Der Befall mit Eichenprozessionsspinnern in Dorsten ist in diesem Jahr außergewöhnlich stark“, bestätigt auch Stadtsprecher Ludger Böhne. Bislang habe die Zahl der von Bürgern gemeldeten Standorte bei etwa 450 gelegen (Stand 12. Juni).

2018 waren rund 500 Standorte in der gesamten Saison betroffen

Besondere Schwerpunkte seien dabei nicht auszumachen. Es müsse von einem Befall der Eichenbestände über das gesamte Stadtgebiet verteilt ausgegangen werden. Im vergangenen Jahr habe die Zahl bei 500 Standorten in der gesamten Saison der Eichenprozessionsspinner (EPS) gelegen.

Stefan Lukassen von der Friedhofsgärtnerei Lukassen & Breuker glaubt, dass der relativ milde Winter an der „explosionsartigen Vermehrung“ der Spinner Schuld ist. „Ich schätze, 90 Prozent der Eichen sind voll. So viele Kuckucke und Schlupfwespen haben wir nicht, dass die die Raupen alle fressen könnten“, so Lukassen.

Der Befall an den einzelnen Standorten in Dorsten ist extrem

Erschwerend komme in diesem Jahr hinzu, dass der Befall an den einzelnen Standorten extrem sei, so die Stadt. „Statt ein oder zwei Nestern finden sich an Bäumen bis zu 15 Nester. Das heißt, die Bearbeitung eines einzelnen Baumes dauert entsprechend länger“, erklärt Ludger Böhne.

Jörg Kortenbruck, Schädlingsbekämpfer aus Marl, spricht sogar von bis zu 30 Nestern pro Baum: „Da brauchen wir bis zu vier Stunden, um den Baum abzusaugen und wenige Tage später sind die Spinner vielleicht schon wieder da.“

Stadt hat zwei weitere Firmen zur Bekämpfung beauftragt

Die Stadt habe sich laut Ludger Böhne mit der Ausschreibung der EPS-Beseitigung auf einen ähnlichen Befall wie im vergangenen Jahr eingestellt. Dabei habe man zwischen einer ausreichenden Kapazität und einem teuren Übermaß wirtschaftlich abwägen müssen. Nun habe die Stadt auf den starken Befall reagiert und zwei weitere Firmen beauftragt.

„Das konnte in dem Ausmaß im Vorfeld tatsächlich keiner ahnen“, sagt der Geschäftsführer einer Kirchhellener Firma, die unter anderem für die Stadt Dorsten tätig ist. Der Geschäftsführer, der nicht namentlich genannt werden möchte, hat seine Kolonnen zur EPS-Beseitigung verdoppelt und setzt nun statt drei sechs ein. Trotzdem stößt er gerade an seine Kapazitätsgrenze. Termine für Privatpersonen gibt es erst ab Mitte Juli.

Invasion der Eichenprozessionsspinner - Stadt kommt im Kampf gegen die Raupen kaum nach

An vielen Bäumen an der Gerlicherheide sind die Nester des Eichenprozessionsspinners zu finden. © Manuela Hollstegge

Der Geschäftsführer glaubt, dass seine Firma noch bis mindestens Ende August mit dem Thema zu tun haben wird. „Wenn es warm wird, ist das sehr anstrengend für unsere Mitarbeiter. Die müssen sich ständig abwechseln, sonst kippen die in ihren Schutzanzügen und Masken um“, sagt er.

Mitarbeiter haben oft Ausschlag an den Händen

Jörg Kortenbruck bestätigt das: „Die Arbeit ist schweißtreibend, kaum einer möchte sie machen. Trotz Schutzanzügen haben unsere Mitarbeiter am Ende des Tages oft Ausschlag an den Händen.“

Um der Lage Herr zu werden, hatte die Stadt nach eigenen Angaben mehrfach erwogen, Mitarbeiter des Grünflächenamtes bei der EPS-Bekämpfung einzusetzen. Dazu hätten diese jedoch geschult und mit Ausrüstung ausgestattet werden müssen. Außerdem habe die Stadt lediglich zwei eigene Hubsteiger. Bei Fachfirmen seien Infrastruktur und geschultes Personal vorhanden, so Böhne.

Chemische Mittel würden auch andere Raupenarten töten

Die Stadt habe sich aus verschiedenen Gründen gegen die biologische oder chemische Bekämpfung der Eichenprozessionsspinner entschieden. Als Gründe führt Böhne die aufwendige Aufbringung des Mittels sowie die Tatsache an, dass solche Mittel auch andere Raupenarten töten würde.

Hinzu komme, dass die Stadt nur Nester an städtischen Bäumen bekämpfen könne. „Die Auswirkungen der Brennhärchen können also nur wirksam eingedämmt werden, wenn neben der Stadt auch Privateigentümer die Nester an ihren Bäumen beseitigen“, so Böhne. Dazu gebe es aber keine Pflicht.

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An erster Stelle bei der Beseitigung stünden sensible Stellen wie Schulen, Kindergärten, Spiel- und Sportplätze sowie Altenheime. Spätestens im Juli verpuppen sich die Raupen, doch die Gefahr ist dann noch nicht gebannt, wie Jörg Kortenbruck erklärt: „Die Nester bleiben da und dort sitzen die Härchen drin, die die Reaktionen bei Mensch und Tier auslösen.“

Viele Kunden klagen in der Apotheke über Atemwegsprobleme

Ferda Hömke, Inhaberin der Achtsam-Apotheke in den Mercaden, hat täglich Kunden in ihrem Geschäft, die Kontakt mit Raupen beziehungsweise deren Haaren hatten. „In diesem Jahr ist es extrem. Neben dem Hautausschlag klagen viele Kunden über Atemwegsprobleme“, erzählt sie.

Die Apothekerin rät, betroffene Hautstellen erst einmal zu kühlen. Vielen helfe dann aber in Absprache mit der Apotheke oder dem Arzt nur ein Anti-Allergikum oder ein Kortisonprodukt.

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Die ehemalige Allgemeinmedizinerin und Dorstenerin Christa Keding hat noch einen Tipp für alle Leidgeplagten parat: „In den Wochen der Flugzeit von Raupenfäden sollte man keinesfalls seine Wäsche draußen trocknen.“ Die Stoffe würden wie Filter in der Luft wirken und die Fäden festhalten, die dann beim Tragen der Kleidung oder beim Abtrocknen mit Handtüchern auf die Haut weitergegeben würden.

  • Nester können vorzugsweise per Mail gemeldet werden. Dabei sollten Standort, Name und Rufnummer angegeben werden. Telefonisch geht das unter Tel. (02362) 66 44 43.
  • Durch die tägliche Priorisierung sei es nach Angabe der Stadt allerdings nicht möglich zu sagen, wann welche Nester durch die beauftragten Firmen beseitigt werden können.
  • Melden Sie uns vom Eichenprozessionsspinner betroffene Stellen per Mail (am besten mit genauer Adresse) und wir fügen sie in unsere Karte ein.
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