Dorsten ist Energiestadt. Ein Lembecker kann sich vorstellen, dass Windenergie aus Dorsten der Stadt wirtschaftlichen Aufschwung bringt.

Dorsten, Lembeck

, 03.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Dorsten war lange Jahrzehnte Stadt der Kohleförderung. Die Bewohner der Lippestadt sorgten dafür, dass andere Städte mit Steinkohle versorgt wurden. Jetzt hat Dorsten eine große Chance, mit Energie made in Dorsten die Stromproduktion für die Region anzukurbeln und sicherzustellen.

„Die fossile Energiewelt geht zu Ende, den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft. Der Klimawandel fordert von uns allen große Anstrengungen. Das sind wir unseren Kindern schuldig“, sagt Heinz Thier und meint: „Die alte Kohlestadt Dorsten kann wieder Energiestadt werden.“

Der Lembecker Geschäftsführer der BBWind in Münster ist überzeugt: Mit dem Kohle- und Atomkraftausstieg (bis 2022) werden Photovoltaik und Windenergie in den kommenden Jahren die Belieferung der Haushalte mit Strom zunehmend übernehmen. Und in der Flächenstadt Dorsten gebe es gute Voraussetzungen, die Energiewende mit Windenergie zu beflügeln.

Heinz Thier von der BBWind sieht Dorsten als Energiestadt der Zukunft

Heinz Thier, Geschäftsführer BBWind. © Foto privat

Windenergie fasziniert den Lembecker Geschäftsführer der Bäuerlichen Bürger Wind, das verbirgt sich hinter der Abkürzung BBWind, seit jeher. Bei einem Familienurlaub in Greetsiel an der Nordsee in den 1990er-Jahren beschloss Heinz Thier, selbst zum Windmüller zu werden. Greetsiel, das malerische Städtchen in der Krummhörn, hat nicht nur seit ehedem die historischen Zwillingsmühlen vorzuweisen, sondern gehört mit zu der Region, in der sich die Flügel der ersten Windräder schon Ende der 1980er-Jahre drehten.

Zusammen mit seinem Bruder plante Heinz Thier nach dem Familienurlaub dann den Bau einer Windmühle auf eigenem Grund in Lembeck. „Das haben wird im Jahr 2000 gemacht, nachdem wir bei sehr skeptischen Beratern unseres Finanzinstitutes einen Kredit dafür bekommen konnten“, sagt Thier.

Garantierte Einspeisevergütung und gute finanzielle Rendite

Die kleine „Windmühle“ mit einer Nennleistung von 600 kWh liefert seitdem zuverlässig Strom und beschert aufgrund der 20 Jahre garantierten Einspeisevergütung gute finanzielle Erträge, wie Thier sagt.

„Heutige Windräder bringen im Vergleich zu unserer alten Anlage aber eine vielfache Leistung.“ Zurzeit überlegt Heinz Thier, die alte Anlage zu repowern. So nennt man den Ersatz von Altanlagen durch neue, effizientere Windenergieanlagen, um mehr Strom zu erzeugen.

Die erste Thiersche Windmühle in Lembeck regte weitere Lembecker an, sich vom frischen Wind alternativer Energieerzeugung treiben zu lassen. Zusammen mit Landwirt Bernhard Dahlhaus und 30 Miteigentümern entstand 2002, zehn Jahre vor der Gründung der BBWind, der erste Windpark in Dorsten auf dem Lehmberg in Lembeck.

Heinz Thier: „Die drei Anlagen gingen damals mit jeweils 1500 kwh-Leistung in Betrieb.“ Die Miteigentümer hätten ihre Investitionen nicht bereut, weiß Thier, der zusammen mit Bernhard Dahlhaus Geschäftsführer der „Windenergie Lehmberg“ ist.

Weil die Erträge attraktiv sind und die Nachfrage nach erneuerbaren Energien nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 rasant anstieg, wurde die BBWind, eine Tochter des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), 2012 ins Leben gerufen. Seitdem hat Heinz Thiers BBWind, die zunächst aus nur drei Leuten bestand, mächtig Aufwind bekommen. Heute arbeitet ein 30-köpfiges junges Team in Münster für mehr Bäuerlichen Bürgerwind in der Region. Über die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde direkt nach ihrem Universitätsabschluss eingestellt.

Heinz Thier von der BBWind sieht Dorsten als Energiestadt der Zukunft

Simon Lins, Dipl.-Ing. Raumplanung und Projektentwicklung, und Kai Solinski (r.), Dipl. Geograph Projektentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit bei der BBWind, vor einer Karte, die gespickt ist mit Nadeln, die den Standort von Windkraftanlagen im Münsterland anzeigen. © Claudia Engel

Denn die BBWind hat im Münsterland den Bau von über 100 Windanlagen in Windparks begleitet. „Die meisten stehen schon, einige sind noch im Bau“, sagt Heinz Thier. Die BBWind hat sich darauf spezialisiert, solche Projekte zu betreuen. „Wir bieten Beratungsleistungen rund um Windenergieanlagen an“, betont Heinz Thier.

Spezialisiertes Team begleitet Bürger und Bauern

Die BBWind steuere ein spezialisiertes Team aus Ingenieuren, Kaufleuten, Geographen, Raumplanern, Landschaftsökologen, Bankern und Baufachleuten bei, damit Bürger, Grundstückseigentümer und Investoren ihre Windparks mit professioneller Hilfe errichten können. Über 3000 beteiligte Bürger profitierten von den über 100 von der BBWind betreuten Anlagen.

„Dahinter stehen Investitionen von circa 500 Millionen Euro, rund 100 Millionen Euro haben die Bürger aufgebracht, 400 Millionen Euro die lokalen Banken vor Ort über Kredite finanziert“, nennt Heinz Thier Summen. Das bedeutet über die gesamte Betriebslaufzeit der Anlagen eine Wertschöpfung von etwa 1,5 Milliarden Euro. „Das sind Gelder, die in die Region zurückfließen in Form von Gewerbesteuern und Ausschüttungen an die Gesellschafter. Sie kommen aber auch den Herstellern, den Banken, Servicefirmen und Grundstückseigentümern zugute“, betont Heinz Thier.

Stromerzeugung aus Wind und Sonne alternativlos

Außerdem werde Energie erzeugt, da wo sie gebraucht wird, „Für Dorsten könnten weitere Bürgerwindparks bedeuten, dass die Dorstener Anlagen den Stromverbrauch der Haushalte in der Stadt und über die Gemeindegrenzen hinaus sicherstellen.“

„Eine moderne Windenergieanlage liefert zukünftig Strom für über 6000 Elektroautos“ - eine für Heinz Thier wünschenswerte Vorstellung, da er Stromerzeugung aus Wind und Sonne momentan für alternativlos hält. Er spricht nicht nur darüber, sondern fährt selbst ein E-Auto, den Opel Ampera, mit Windstrom.

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In Dorsten sollten sich in diesem Jahr, wenn die Windvorrangzonenplanung genehmigt worden wäre, weitere Anlagen zu den 14 auf dem Stadtgebiet bestehenden hinzugesellen. Der Teilflächennutzungsplan Windenergie wurde aber Ende 2018 von der Bezirksregierung Münster zurückgewiesen, unter anderem deshalb, weil die Hürfeldhalde im Gesamtgebilde von neun Vorrangzonen als Vorrangzone nicht akzeptiert wurde.

Das war für alle Beteiligten, insbesondere für Investoren, ein harter Schlag. „Das ist sehr unglücklich gelaufen, aber nicht zu ändern. Wir wollen im Konsens mit der Stadt Lösungen suchen, wie der Bau von Anlagen doch noch zeitnah verwirklicht werden kann“, kommentiert Heinz Thier.

Windräder genießen in Lembeck hohe Akzeptanz

Er weiß aus seinem Dorf, welch hohe Akzeptanz die Windräder in weiten Teilen der Lembecker Bevölkerung genießen. Die Lembecker wollten mit der Gründung einer Bürgerstiftung das von neuen Lembecker Windenergieanlagen erzeugte Kapital kulturellen, sportlichen und sozialen Zwecken im Dorf Lembeck zufließen lassen.

„Die Oberfinanzdirektion und die Bezirksregierung haben der Bürgerstiftung gerade ihren Segen gegeben, sie könnte jetzt jederzeit gegründet werden“, erzählt Thier. 25.000 bis 30.000 Euro würden neue Windräder in Lembeck jährlich zur Beflügelung des Dorflebens über die Bürgerstiftung beisteuern.

Kritiker werden mit fundierten Argumenten überzeugt

Die hohe Akzeptanz der Windräder in Lembeck wird aber nicht allerorten in Dorsten geteilt. Kritiker bemängeln auf Informationsveranstaltungen insbesondere „Infraschall“, „Schattenwurf“ und „bedrohende Wirkung“ der Anlagen. „Unser Team redet mit allen interessierten Anliegern persönlich und verdeutlicht ihnen, womit sie zu rechnen haben“ - acht von zehn Menschen könne man erfahrungsgemäß mit guten, fundierten Argumenten und Berechnungen überzeugen. Das ist der BBWind wichtig: „Eine hohe Bürgerbeteiligung und Akzeptanz der Windenergie in der Region, denn: Die Energiewende fängt vor Ort an.“

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