Hebamme erlebt Wöchnerinnen seit Corona viel entspannter

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Corona und der Lockdown haben auch die Hebammen schwer getroffen. Dagmar Feldmann praktiziert in Dorsten-Lembeck. Sie ist zweifache Mutter und sieht auch positive Veränderungen.

Dorsten

, 12.07.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Anfang wusste ich nicht, wo oben und unten ist", erinnert sich Hebamme Dagmar Feldmann an den Moment, als der Lockdown alles auf den Kopf stellte. Kinder, Familie und Beruf - der Alltag musste neu geplant werden. Charlotte (7) und Helena (5) konnten nicht mehr in die Grundschule und Kita. Und auch Vater Andreas Feldmann hatte plötzlich andere Arbeitszeiten.

Ein neuer Plan für den Familien- und Berufsalltag

Da es zuerst hieß, dass freischaffende Hebammen nicht systemrelevant und damit keinen Anspruch auf eine Notbetreuung hätten, organisierten die Feldmanns ihren neuen Alltag kurzerhand um. Erste Anschaffung: eine über drei Meter lange Schreibtischplatte für den Heimunterricht. So konnte Dagmar Feldmann die Aufgaben mit Charlotte durcharbeiten und gleichzeitig die jüngere Helena beschäftigen. Wenngleich der Deutsche Hebammenverband kurze Zeit später bekannt gab, dass die Berufsgruppe sehr wohl als systemrelevant einzustufen ist, blieb die Familie bei ihrem Konzept.

Wöchnerinnen tragen das System mit

Die Vormittage nutzt die Hebamme eigentlich für die Wochenbettbetreuung. Dann besucht sie die Wöchnerinnen nach der Entlassung zuhause, behält bei den anfangs mehrmals wöchentlich stattfindenden Besuchen beispielsweise die Entwicklung des Neugeborenen im Blick. So konnte sie die Wochenbettbetreuung aber erstmal nicht mehr anbieten.

„Ich hatte zwei ganz tolle Frauen", erinnert sich Feldmann an die Zeit. Die boten kurzerhand an, zu ihr zu kommen, damit die Hebamme sie im Raum, in dem eigentlich Schwangerschaftskurse stattfinden, betreuen konnte. Feldmann funktionierte den Raum im Souterrain ihres Einfamilienhauses um. Sie sorgte für kuschelige Temperaturen und einen mobilen Wickeltisch.

„Ich ziehe den Hut vor diesen Frauen, die in der ganzen Zeit mein System getragen haben." „Das System" sieht im Alltag mittlerweile so aus: Das Ehepaar plant gemeinsam die kommenden Woche und richtet sie größtenteils nach den Arbeitszeiten des Ehemannes aus. Videokonferenzen, die er im Homeoffice erledigt, sind beispielsweise Zeiten, in denen die Hebamme keine Termine planen kann. Mit ihren Terminangeboten fragt sie die Mütter an und besucht sie entsprechend vor Ort.

Flitterwochen mit dem Kind gehören nur der jungen Familie

Obwohl die Corona-Maßnahmen viele Einschnitte bedeuten, sieht die Hebamme auch positive Aspekte, vor allem bei den Müttern im Wochenbett. Sie seien viel entspannter und mit dem Stillen klappe es häufig besser, hat Feldmann beobachtet. Sie vermutet dahinter, dass Mutter und Kind durch die Besuchsregelungen nun viel mehr Zeit haben, sich aneinander zu gewöhnen. Denn vor Corona habe sie häufig überforderte Mütter erlebt. Der Grund: Zu viel Besuch; und das schon am ersten Tag nach der Geburt. Dabei fluten nach der Geburt Hormone den Körper, die alles durcheinanderbringen. Die sogenannten Heultage kennen wohl die meisten Frauen, die schon entbunden haben. „Man muss sich darauf einstellen, dass alles anders wird als vorher, und dann klappt es auch", spricht Feldmann werdenden Eltern Mut zu.

Die ersten Tage nach der Geburt nennt Feldmann „Flitterwochen mit dem Kind". Und diese Zeit sollte der jungen Familie gehören. „Oder habt ihr in den Flitterwochen Besuch empfangen", fragt sie die schwangeren Frauen oft, um zu verdeutlichen, dass es okay ist, sich Zeit zu nehmen.

Sie selbst habe erst drei, vier Wochen nach der Geburt ihre Geschwister zu einem Lasagne-Abend eingeladen. „Da war ich soweit", erinnert sie sich. „Ich will aber nicht, dass die Frauen sich abschotten. Sie sollen das tun, was ihnen gut tut. Ein Baby bedeutet einen schönen, aber anstrengenden Umbruch."

Wiegetücher selbst nähen

Die Wochenbett-Besuche kann Feldmann unter normalen Hygienestandards durchführen. Aus Nachhaltigkeitsgründen hat sie sich nun zusätzlich ans Nähen begeben. Mund-Nase-Schutz-Masken fertigte sie eh schon an der heimischen Nähmaschine an - Stoff und Garn waren also vorhanden - da kam sie eines Tages auf die Idee, zusätzlich Wiegetücher zu nähen. Im Handel kosten die zwischen 15 und 30 Euro. Hebammen legen die Säuglinge bei den Besuchen in das spezielle Tuch, um die Babys mittels einer Handwaage zu wiegen. Die bunten Tücher lässt sie bei den Eltern vor Ort. „Ich muss dann nur meine Waage mitbringen und hinterher desinfizieren", erklärt Feldmann.

Kurs-Alternativen und neue Termine

Seit zwei Wochen dürfen Hebammen auch wieder Kurse anbieten. Die Online-Variante, die während des Lockdowns von der Krankenkassenvereinigung eingeführt wurde, kam für Feldmann nicht infrage. Und auch ein Kurs mit drei bis vier Teilnehmerinnen im 34 Quadratmeter großen Kursraum hätte sich für sie wirtschaftlich nicht gerechnet. Also setzte sie die Kurse aus.

Manche Frau habe Angst vor der Geburt gehabt wegen des fehlenden Geburtsvorbereitungskurses. Aber diese Sorge konnte Feldmann nehmen: „Die Frauen werden nicht besser gebären, nur weil sie solch einen Kurs gemacht haben. Ich kann den Schwangeren nicht sagen, wie die Geburt sein wird, jedoch, dass sie in jedem Kreißsaal gut aufgehoben sein werden." Das Rüstzeug für die Geburt bekommen die Frauen nun per Mail, Skype oder Telefon.

Ab Ende August möchte die Hebamme wieder mit Rückbildungskursen starten. Nach und nach will sie dann auch wieder Geburtsvorbereitungskurse und Babymassagen anbieten.

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