Hebamme bietet Geburtsvorbereitungskurse für Großeltern an

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Wie wickelt, badet, füttert man ein Baby richtig? Die Meinung hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Deswegen bietet Claudia Müffler Geburtsvorbereitungskurse für Großeltern an.

Dorsten, Haltern

, 20.04.2019, 13:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Uschi hat die Hosen voll. Was nun? Stephan Nolte schaut halb amüsiert, halb skeptisch auf die Puppe vor sich hinab. Er weiß eigentlich, wie wickeln funktioniert. Jedenfalls, wie er es früher bei seinem Kind gemacht hat. Aber macht man das heute noch genauso? Das wollen er, seine Frau Christina und zwei weitere Paare beim „Geburtsvorbereitungskurs für werdende und frischgebackene Großeltern“ von Claudia Müffler erfahren.

Die Hebamme mit 27 Jahren Berufserfahrung arbeitet in der Halterner Hebammenpraxis und ist neben Hilde Jaschek eine der beiden Leiterinnen des Hebammenteams im Dorstener St.-Elisabeth-Krankenhaus. Seit rund zehn Jahren bietet sie die Kurse für Großeltern in der Halterner Hebammenpraxis an. „Ich habe bei einer Fachtagung eine Kollegin aus Süddeutschland kennengelernt, die das angeboten hat, und fand es direkt eine richtig gute Idee.“

Denn ihr war schon aufgefallen, dass die „verschiedenen Generationen von Eltern bei der Säuglingspflege im besten Fall übereinander stutzen“. Manchmal gebe es aber auch gut gemeinte Ratschläge, die die jungen Eltern verunsichern oder auch zu Konflikten zwischen den Eltern und ihren Kindern, die jetzt plötzlich selbst Eltern sind, führen. Damit es gar nicht erst zu diesen Missverständnissen kommt, bietet sie den Kurs gemeinsam mit einer Kollegin viermal im Jahr an. Am ersten Abend lernen die Großeltern die Erste Hilfe beim Baby, am zweiten den Umgang mit dem Baby im Alltag.

„Die Entwickelung ist weitergegangen“

„Wichtig ist, dass Sie wissen: Sie haben es damals nicht falsch gemacht, sondern so, wie man es Ihnen beigebracht hat und wie der Stand der Wissenschaft damals war“, beruhigt Claudia Müffler gleich zu Beginn die Großelternpaare. „Ich benutze dafür gern den Vergleich mit dem VW Käfer. Der war damals ein tolles Auto. Aber die Entwicklung ist weitergegangen. Man weiß heute mehr über Technik, Sicherheit und Ausstattung. Genauso ist das bei der Säuglingspflege, beim Handling und Stillen auch.“

„Beim Stillen bin aber raus, oder?“, fragt Jutta Oeldemann lachend. Genau wie die anderen beiden Paare haben sie und ihr Mann den Kurs von ihren Kindern beziehungsweise ans Herz gelegt bekommen. Auf den Schlips getreten fühlen sie sich davon nicht. „Es ist nicht verkehrt, sein Wissen aufzufrischen, wenn man jetzt mal öfter aufs Kind aufpassen wird“, sagt die mehrfache Oma Christina Nolte.

50 Prozent weniger Fälle von plötzlichem Kindstod

Dazu gehört auch, dass Babys heute anders schlafen sollen als noch vor 30 Jahren, als die kleinen Kinder noch in süßen Wiegen mit Himmel und Nestchen und am besten noch mit Kuscheltieren rundherum schliefen. „Die Empfehlungen gegen den plötzlichen Kindstod raten für einen guten Sauerstoffaustausch kein Nest und keinen Himmel zu nutzen“, erklärt Claudia Müffler. Der wichtigste Rat, um den plötzlichen Kindstod zu verhindern, ist aber: kein Schlafen in Bauchlage. „Als man angefangen hat, den Eltern zu sagen, dass die Kinder nicht auf dem Bauch schlafen sollen, ist die Rate der Kinder, die am plötzlichen Kindstod gestorben sind, um 50 Prozent gesunken“, sagt die Hebamme.

Die Angst war früher, dass die Kinder in der Rückenlage an Spucke oder Erbrochenem ersticken können. „Aber das passiert nicht. Die Speiseröhre liegt hinter der Luftröhre, wenn die Kinder auf dem Rücken liegen. Das Kind schluckt das Erbrochene also entweder runter oder es dreht sich zur Seite und spuckt es aus.“

Hebamme bietet Geburtsvorbereitungskurse für Großeltern an

Die Speiseröhre liegt hinter der Luftröhre. Deswegen erstickt das Baby in Rückenlage nicht an Erbrochenem. © Jennifer Uhlenbruch

Ein Schaffell gehört ebenfalls nicht ins Bett. „Als ich meine Ausbildung gemacht habe, war jeder verpönt, der kein Schaffell hatte. Schlafen Sie mal auf einem Schaffell. Das ist viel zu warm.“ Im Winter im Kinderwagen, da könnte es für schöne Wärme sorgen. Frieren soll das Kind im Bett natürlich auch nicht. „Dafür ist wichtig, dass der Schlafsack der Größe des Kindes angepasst ist. Zu große Schlafsäcke können von Kindern nicht ausreichend aufgewärmt werden. Der Abstand von den Füßen des Kindes bis zum Ende des Sacks soll maximal zehn Zentimeter betragen.“

Angeborene Reflexe nutzen

Das richtige Schlafen können die Großeltern in der Hebammenpraxis mit dem Baby nicht ausprobieren. Richtiges Aufnehmen und Hinlegen des Kindes schon. Jeder bekommt eine Puppe vor sich auf den Tisch. Uschi, die Puppe, die Claudia Müffler selbst als Kind geschenkt bekam, schlackert ganz schön rum, aber Stephan Nolte bekommt sie trotzdem gut gegriffen. „Um die Kinder hochzuheben oder zu mobilisierien, nutzen wir die angeborenen Reflexe des Kindes und schonen so ihre Knochen und Gelenke“, erklärt Claudia Müffler.

Was das bedeutet, zeigt sich beim Drehen auf die Seite. „Dazu legt man den Zeigefinger der rechten Hand in die Handinnenfläche der rechten Hand des Säuglings. Damit wird der Greifreflex ausgelöst. Mit dem Mittelfinger und dem Daumen unterstützen wir das Handgelenk. Der Säugling wird die Muskelspannung aufbauen und sich auf die Seite drehen lassen.“

Hebamme bietet Geburtsvorbereitungskurse für Großeltern an

© Jennifer Uhlenbruch

Auch beim Wickeln haben sich die Griffe in den vergangenen Jahrzehnten verändert. „Sie haben wahrscheinlich früher noch den Hasengriff gemacht und die Beine hochgzogen“, sagt Claudia Müffler. „So ist es“, bestätigen einige Omas und Opas. „Wir machen das heute zur Schonung der Hüften nicht mehr, sondern drehen die Kinder entweder über die Seite oder wir greifen mit der linken Hand unter dem rechten Oberschenkel des Kindes durch und umgreifen den linken Oberschenkel. Dann wird die Hüfte Richtung Bauch gebeugt, sodass der gesamte Po gereinigt werden kann. Mit einem Feuchttuch oder warmen Waschlappen.“ Und keine Pflege? „Wir haben Penaten genommen“, berichten die Großmütter. „Keine Creme, keinen Puder. Wir wollen den natürlichen Hautschutzmantel erhalten. Nur, wenn der Po wund ist, dann darf Wundcreme dünn aufgetragen werden“, sagt Claudia Müffler.

Stillen nach Bedarf und nicht nach festem Zeitplan

Auch andere Pflegeprodukte ordnet sie ein, erklärt die richtigen Griffe in der Badewanne und die optimale Temperatur, die passende Bekleidung im Sommer und im Winter und wie man richtig Fingernägel schneidet. Aber ums Stillen kommen die Omas und Opas dann doch nicht herum. „Das erkläre ich, einfach weil es früher anders war. Heute wird in der Regel nach Bedarf und nicht nach festem Zeitplan gestillt“, sagt Claudia Müffler und gibt Wissen weiter, mit dem die Großeltern die jungen Eltern beruhigen können. „Wachstumsschübe lassen die Kinder nach etwa 14 Tagen, nach sechs Wochen, nach drei Monaten und nach sechs Monaten einen häufigeren Trinkrhythmus haben. Etwa alle zwei Stunden. Das kann sehr anstrengend sein für die Mutter. Aber nach ein paar Tagen geht das vorbei, weil die träge Brust dann gemerkt hat, dass sie mehr produzieren muss, um das Kind satt zu bekommen. Das ist also alles völlig normal und kein Grund zum Verzweifeln.“

Klappt es mit dem Stillen nicht oder will die Mutter nicht stillen, ist Pre-Nahrung oder bei Allergien Pre-HA die Nahrung der Wahl. „Die Mütter stehen oft vor dem Regal und sind überfordert von dem, was die Industrie ihnen alles verkaufen will. Pre-Nahrung als Milchnahrung reicht, bis das Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres beginnt, vom Tisch mitzuessen.“

„Man macht so schnell nichts kaputt“

„Es ist viel, was wir früher anders gemacht haben. Aber dieses Wissen, das wir jetzt haben, gibt uns auf jeden Fall mehr Sicherheit“, ziehen die Großeltern am Ende des Kurses Bilanz. Was sie sich immer sagen können, wenn sie doch mal unsicher werden? „Die Kinder haben während der Geburt sehr viel Druck ausgehalten. Sie sind sehr widerstandsfähig, so schnell macht man nichts falsch“, sagt Hebamme Claudia Müffler.

Informationen zum Kurs in der Halterner Hebammenpraxis gibt es auf der Homepage
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