So berichteten die beiden Dorstener Zeitungen über die Besetzung und den Abriss des ehemaligen Amtshauses in Wulfen. © Montage Martin Klose
Stadtgeschichte

Hausbesetzer können altes Standesamt nicht vor dem Abriss retten

Eine spektakuläre Aktion beschäftigte vor 40 Jahren wochenlang die Öffentlichkeit in Dorsten: Eine Gruppe von Jugendlichen besetzt ein leer stehendes altes Amtsgebäude. Hier die Geschichte.

Nach spektakulären und schlagzeilenträchtigen ähnlichen Aktionen in Zürich, Freiburg und Berlin geschah es vor genau 40 Jahren auch im beschaulichen Dorsten: Eine Gruppe von zunächst elf jungen Leuten hielt über Wochen ein leer stehendes Gebäude besetzt. Ort: das ehemalige Verwaltungsgebäude des Amts Lembeck an der Dülmener Straße in Wulfen – auch „Altes Standesamt“ genannt, weil dort bis 1975 Ehen geschlossen werden konnten.

„Eine heiße Zeit“

„Das war eine heiße Zeit“, erinnert sich Frank Maibaum an die Geschehnisse Mitte Mai/Mitte Juni 1981, die schließlich mit dem Abriss des Amtshauses ein krachendes Ende finden sollten.

Der Lembecker war damals als Diplom-Pädagoge im sogenannten „Gruppenpfarramt“ der Evangelischen Kirchengemeinde in Wulfen-Barkenberg mit pfarramtlichen Aufgaben betraut – und stand als „Kümmerer“ in engem Kontakt zu den Instandbesetzern.

Frank Maibaum erzählt, dass die später 15 bis 20 Besetzer aus drei unterschiedlichen Gruppen stammten, da habe es durchaus „heftige Auseinandersetzungen“ untereinander gegeben. Die größte Fraktion gehörte zu jenen wohnungs- und obdachlosen und zum Teil aus anderen Städten stammenden Jugendlichen, von denen damals etliche im Schultenfeld campierten.

Das 1907 errichtete Amtshaus in Wulfen, rechts daneben das alte Standesamt, das von den Jugendlichen besetzt wurde. © Stadtarchiv Dorsten © Stadtarchiv Dorsten

„Einige von ihnen hatten sich an der Hausbesetzung beteiligt, weil sie hofften, so eine Wohnung zu finden“, sagt Frank Maibaum. „Denn das Gebäude war von der Bausubstanz her gesund.“

Eine andere Gruppe bestand aus jungen Leuten mit bürgerlichem familiären Hintergrund, für die es „ein gesellschaftliches Anliegen war“, ein solch repräsentatives und dennoch leer stehendes Gebäude aus dem Jahr 1877 wieder mit Leben zu füllen.

„Ein Schuss Romantik“

„Bei denen war sicherlich auch ein Schuss Romantik und Selbstverwirklichung dabei“, so Maibaum. Und dann waren da noch die Älteren, „die von der Jugendarbeit her kamen“ und in den Räumlichkeiten einen geeigneten Platz sahen, pädagogische Konzepte umzusetzen.

Die friedliche Hausbesetzung begann am 16. Mai 1981. Zwei Jahre zuvor hatte der Dorstener Stadtrat entschieden, das „Alte Standesamt“ gemeinsam mit dem direkt daneben stehenden großen Amtsgebäude, das 1907 gebaut wurde und zwischenzeitlich Verwaltungssitz für das gesamte Amt Hervest-Dorsten war, abzureißen – um dort einen Parkplatz für die vergrößerte Matthäusschule (heute Montessori-Campus) zu schaffen.

„Nicht dulden, aber helfen“

Die Dorstener Stadtverwaltung machte den Besetzern zwar deutlich, „dass sie eine derartige rechtswidrige Aktion nicht dulden werde“, wollten den Hausbesetzern aber weiterhelfen. Der damalige Stadt-Kämmerer Gerd Willamowski schätzte, dass in Barkenberg allein 40 Sozial-Wohnungen leer stünden.

Heute befindet sich die Geschichtsstation Herrlichkeit Lembeck und ein Lehrer-Parkplatz dort, wo früher das besetzte alte Amtshaus stand.
Heute befindet sich die Geschichtsstation Herrlichkeit Lembeck und ein Lehrer-Parkplatz dort, wo früher das besetzte alte Amtshaus stand. © Guido Bludau © Guido Bludau

Die Stadt, so erinnert sich Frank Maibaum, hat daher schon während der Besetzung zwei Wohnungen in der Dimker Alle angemietet, in der sechs der Obdachlosen, die zum Teil Drogen- und Alkoholprobleme hatten, Unterkunft fanden. „Doch es kam schon in den ersten Tagen zu Zerstörungen und Auseinandersetzungen mit anderen Mietern.“

Immer mehr Kreise gezogen

Die Besetzung des alten Amtshauses zog derweil öffentlich immer mehr Kreise. Die Jugendlichen machten mit Info-Ständen auf ihr Anliegen aufmerksam, im Evangelischen Gemeindezentrum Wulfen-Barkenberg gab es eine große Podiumsdiskussion, vor allem die „Nordlichter“ der SPD um das Ehepaar Hans-Udo und Angela Schneider setzten sich ebenso für die Besetzer ein wie der Architekt Hans Stumpfl.

Wulfener Bürger spendeten den Besetzern Kuchen und Möbel. Und nachdem ein „Trägerverein Altes Standesamt gegründet“ wurde, räumten die Besetzer das Haus.

Doch dann ging es Schlag auf Schlag: Der Haupt- und Finanzausschuss beschloss in einer Sondersitzung am 1. Juni mit großer Mehrheit (15:2), das Amtshaus zügig abzureißen, woraufhin das Gebäude von einigen der Jugendlichen (die sich ausdrücklich als „Spontis“ bezeichneten und mit Politik nichts am Hut haben wollten) erneut kurzzeitig besetzt wurde.

Die Grafik des Wulfener Designers Horst Melles stellt den Abriss des Alten Standesamts dar. © Privat © Privat

Ein Tag später rückten die Bagger erstmals an, viele Bürger fanden sich vor Ort zum Protest ein. Nach einer hektischen Telefonkonferenz von Stadt und Fraktionschefs von CDU, SPD und FDP zogen sie wieder ab.

Gebäude in Trümmern

Und ohne Krawall und weitestgehend ohne Zuschauer kontrollierten dann am 12. Juni 1981, also vor genau 40 Jahren, gegen 8.20 Uhr Mitarbeiter der Stadt, ob sich noch jemand im Gebäude befindet. Zehn Minuten schlug der erste Baggerzahn ein, um 11 Uhr lag das Gebäude in Trümmern.

„Einige Wohnungslose brachte die Stadt nach dem Abriss des Alten Standesamts im Wulfener Hof unter“, sagt Frank Maibaum. „Wir als Evangelische Kirchengemeinde übernahmen eine der Wohnungen in der Dimker Allee, um drei Jugendliche einziehen lassen. Das ging fast zwei Jahre lang gut, bis unsere Jugendmitarbeiterin kündigte, wir mit der Betreuung überfordert waren und die Wohnung auflösten.“

Autonomes Jugendcafe

Andere Jugendliche und ihre erwachsenen Sympathisanten hatten da schon längst als „Trägerverein Altes Standesamt“ ein autonomes Jugendcafe im alten Bahnhof Wulfen eingerichtet.

Zur Gründung des „Verein Altes Standesamt“ waren vonseiten der Hausbesetzer nur die sozialpolitisch und jugendpolitisch Engagierten geblieben. Hier der Vorstand: Bernhard Schlusemann, Andreas Artmann, Susanne Zech (Hausbesetzer), Ute Schütze und Gerti Bungert (Verein „Frauen helfen Frauen“), Frank Maibaum (Dritter v.l,) und Architekt Hans Stumpfl. © Privat © Privat

Da ihre Bemühungen, Wohnungen für Jugendliche im Bahnhof oder an anderen Orten zu finden, fehlschlugen, verlagerte sich allmählich ihre Schwerpunkt-Arbeit.

Als nach zwei Jahren das Jugendcafé geschlossen werden musste, stellte die Evangelische Kirchengemeinde dem Verein die Alte Scheune am Rottmannshof (der 1986 zum Kinder- und Jugendzentrum umgebaut wurde) zur Verfügung.

Wo vor 40 Jahren junge Leute ihren Traum von einem selbst bestimmten Wohnen und Leben verwirklichen wollten, befindet sich heute ein Lehrer-Parkplatz. Davor die Tafel zur Geschichtsstation „Herrlichkeit Lembeck“. Zwar mit einem Bild des alten Amtsgebäudes versehen – aber keine Zeile über die Hausbesetzung, die 1981 Dorsten bewegte.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Geboren 1961 in Dorsten. Hier auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach erfolgreich abgebrochenem Studium in Münster und Marburg und lang-jährigem Aufenthalt in der Wahlheimat Bochum nach Dorsten zurückgekehrt. Jazz-Fan mit großem Interesse an kulturellen Themen und an der Stadtentwicklung Dorstens.
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Michael Klein
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