Haus Henschel in Dorsten lädt ein zur kulinarischen Auszeit vom Alltag

dzRestaurant-Check

Gut essen an schönen Orten - aber wo? In unserem Restaurant-Check testen wir die Lokalitäten in unserer Stadt. Da überrascht Haus Henschel am Gemeindedreieck nicht nur mit langer Tradition.

Dorsten

, 02.06.2019 / Lesedauer: 6 min

Wer sich kurz vor dem TV-Tatort noch mal eben den knurrenden Magen vollschlagen will, ist im Haus Henschel fehl am Platz. „Wir laden unsere Gäste dazu ein, bei gutem Essen und gutem Wein einige Stunden vom Alltag abzuschalten“, lautet das Konzept von Leonore und Marco Henschel, das sie im Gespräch zum Restaurant-Check bestätigen.

1963 eröffneten Alfred und Leonore Henschel ihre gastliche Stätte an der Borkener Straße 47. „Das war damals eher eine Kneipe mit rustikalem Essen, wie Schnitzel und Sülze“, erzählt die Chefin. Heute bringt sie mit mehrgängigen Gourmet-Menüs Feinschmeckerzungen zum Schnalzen.

Küchenchefin kocht seit 56 Jahren

Nach dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren führt sie das familiäre Restaurant mit Sohn Marco - ein eingespieltes Team mit klarer Aufgabenteilung: „Marco ist als Mâitre und Sommelier überwiegend im Service und ich mache die Küche. Denn die hat sich in gemeinsamen 56 Jahren sehr an mich gewöhnt“, erklärt Leonore Henschel. Nach ihrem Alter befragt, zwinkert sie kurz und sagt: „Ich bin Rentnerin.“ Eine Rentnerin, die immer noch für die gehobene französisch-internationale Kochkunst brennt und mit ungebrochenem Elan ihr klassisches Repertoire kreativ und jung komponiert.

Haus Henschel in Dorsten lädt ein zur kulinarischen Auszeit vom Alltag

Seit 1963 ist Leonore Henschel in ihrem Restaurant die Küchenchefin. © Anke Klapsing-Reich

Samstagabend, 18.30 Uhr: Wir sind pünktlich zur Öffnung da und nehmen als erste an einem einladend gedeckten Tisch Platz. Im Laufe des Abends sollen sich bis auf einen auch alle anderen Tische im Restaurant füllen. Im Schnitt können 20 bis 25 Personen gleichzeitig bewirtet werden. Eine Reservierung ist also empfehlenswert. Mintfarbenes Mobiliar, Sitzbänke und Stühle, gepolstert in floralem Design, an den Wänden gerahmte Reproduktionen von farbenfrohen impressionistischen Werken - die Wohlfühl-Atmosphäre in schlichter Eleganz entspricht dem unaufgeregten „Auszeit-Leitbild“ des Familienbetriebes.

Angenehm fallen auch die Schallschlucker - Decke, Teppichboden, Gardinen - auf, die ein babylonisches Sprachgewirr im Keim ersticken und jeder Tischgemeinschaft ungestörte Gespräche ermöglichen. Porzellan, Besteck und Ausstattung dienen weniger dem Ästhethik verliebten Designer-Auge als dem praktischen Zweck. Messer und Gabel in Mehrfach-Reihung sowie polierte Weingläser wecken Vorfreude auf einen abwechslungsreichen lukullischen Abend.

Haus Henschel in Dorsten lädt ein zur kulinarischen Auszeit vom Alltag

Ein Blick ins Restaurant: 20 bis 25 Gäste können hier in gediegener Wohlfühl-Atmosphäre eine schmackhafte Auszeit vom Alltag genießen. © privat

Wir lassen uns drauf ein. Haben Zeit mitgebracht. Auch genügend Geld? Nach kurzer Diskussion entscheiden wir uns dann doch beide für das „Große Gourmet-Menü“ ab zwei Personen, das mit 79 Euro pro Person zwar 20 Euro mehr als das kleine kostet, dafür aber einen verlockenden Fisch-Gang mehr bietet. Wer sich sein Menü „a la carte“ selbst zusammenstellt, liegt kaum günstiger. Das Angebot von Vor-, Fisch-, Fleisch- und Nachspeisen dort ist recht übersichtlich. Auf Nachfrage beim Chef kommentiert Marco Henschel später: „Einer, der 20 Hauptgerichte hat, der kann nicht alles frisch zubereiten.“ Und frische Zubereitung ist den Henschels wichtig.

Marco Henschel zuckt nicht mit der Wimper, als wir kleine Änderungswünsche anfragen: „Könnte ich vielleicht als Hauptgang anstelle des Kalbsfilets mit Pfifferlingen das Stück aus dem Rehrücken haben?“ Mein Begleiter zieht zudem den Zander auf der Haut gebraten dem vorgesehenen Bretonischen Steinbutt vor. Kein Problem, alles notiert. Der Gast ist König. Und was darf´s zu trinken sein?

Die Weinkarte „beglückt“

Eine Frage, die im Hause Henschel nicht auf die Schnelle beantwortet werden kann. Denn wer die imposante Weinkarte - nein, eigentlich eher ein gewichtiges Weinbuch - aufschlägt, der kann für Stunden in die faszinierende Welt des Rebensaftes eintauchen. Dabei überzeugt Sommelier Marco Henschel als kenntnisreicher und begeisterter Führer durch alle Lagen, Jahrgänge und Sorten.

Selbst die Tester des Gault Millau gerieten ins Schwärmen, wie in der aktuellen Ausgabe 2019 des bekannten Restaurantführers nachzulesen ist: „Einen so hochkarätigen, kenntnisreichen und begeisterten Weinservice erleben wir - auch in deutlich höher dekorierten Häusern - nur sehr selten. Die Weinkarte beglückt mit einer ungewöhnlichen Jahrgangstiefe und einer gastfreundlichen Kalkulation.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Von der Flasche Riesling um die 30 Euro bis zum Chateau Mouton Rotschild 2006 für 920 Euro ist die Preisskala weit gespannt.

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Getauchte Jakobsmuscheln, Rahmgurken und Radieschen © Anke Klapsing-Reich

Mit knusprigen Reibeküchlein im Talerformat, edel-würzig belegt, grüßt Leonore Henschel das erste Mal aus der Küche. Der zweite Gruß lässt nicht lange auf sich warten: ein Tässchen Paprikasuppe, umlegt von einem Klecks Shrimpssalat und einem Parfait vom Spargel. Das grün gefärbte Bärlauchbrot ist selbst gemacht. So schlemmen wir schon ein gutes Stündchen, bevor der erste „offizielle“ Gang des Menüs aufgetischt wird: Getauchte Jacobsmuscheln mit Rahmgurken und Radieschen. Hmmh, da schwimmen die beiden Pilgermuscheln, auf den Punkt gebraten, im aufgeschäumten Saucen-See, von würzig mariniertem Gemüse eskortiert.

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Bretonischer Steinbutt gebraten mit weißem Spargel, Spinat und einer Curry -Hollandaise © Anke Klapsing-Reich

Der nachfolgende gebratene Steinbutt schwimmt dagegen nicht in der Curry-Hollandaise: Er nutzt die weißen Spargelstangen quasi als Brücke. Der dunkelgrüne Farbtupfer entpuppt sich als Spinat. Eine gelunge Kombination der milden Art, während der saftig auf der Haut gebratene Zander auf dem Teller meines Nachbarn mit seinem mediterranen Gemüsebett würziger daherkommt. Darauf ein Schlückchen gut gekühlen Grauburgunder!

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Kalbsfilet mit Pfifferlingen, Bamberger Hörnchen (Kartoffeln) und Sauce von Pilzen © Anke Klapsing-Reich

Perfekt gebraten und mit Pfifferlingen garniert kitzelt als Fleischgang der Kalbsfilet-Klassiker den Gourmet-Gaumen. Pfifferlinge sind auch die Beilage des rosigen Rehrückenstücks, das von Kirschen und Brokkoli begleitet meine Zunge zum heißen Tanz auffordert. Da kühlt das fruchtige Dessert - Eis von dunkler Schokolade mit eingelegten Gewürz-Blutorangen und Blutorangen-Sorbet - aufgewühlte Gourmet-Gemüter wieder herrlich erfrischend ´runter.

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Das Dessert: Eis von dunkler Schokolade mit einem Hauch Chili, eingelegte Gewürz-Blutorangen und Blutorangen-Sorbet © Anke Klapsing-Reich

Moment mal, vielleicht hätte einer von uns doch die Dessert-Alternative „Waltmanns Käse-Auswahl vom Wagen“ wählen sollen. Das opulente Käsebrett, das Marco Henschel zum Nachbartisch rollt, zieht beeindruckte Blicke und Nasen auf sich. Ziegen-, Schafs- und Kuhmilchkäse, in Cidre gewaschen, in Calvados getränkt, in Champagner gewendet, gebürstet oder auf Stroh gereift - bis zu 30 europäische Käse-Sorten (überwiegend Rohmilch) duften auf Henschels Käseplatte.

Haus Henschel in Dorsten lädt ein zur kulinarischen Auszeit vom Alltag

Eine Seltenheit, die im Haus Henschel noch gepflegt wird: Mehr als 20 Sorten duften auf dem Käsebrett, das Marco Henschel auf Wunsch der Gäste zu den Tischen rollt. © Anke Klapsing-Reich

„Ich beziehe den Käse von dem Erlanger Unternehmen Waltmann, das den Käse sozusagen als Rohling von kleinen Bauernhöfen, zum Beispiel aus Frankreich, bezieht und sie dann weiter veredelt. Das nennt man affinieren“, klärt der Kenner auf. Marco Henschel kennt jede Käsesorte und wird nicht müde, seinen Gästen den Charakter jeder einzelnen Spezialität zu erläutern. Ein Scheibchen von Brie de Meaux fermier hier, ein Stückchen von dem Höhlen-Greyerzer dort - „wenn ich die Zeit zusammenrechne, die ich an einem Abend mit Käseberatung und -servieren zubringe, dann komme ich gut und gerne auf anderthalb Stunden“, überschlägt der Gastronom. Doch die zufriedenen Gesichter seiner Gäste sind ihm den Aufwand wert.

Nach vierstündiger Pause vom Alltag treten wir gut gelaunt den Heimweg an. Mit wohligem Gefühl in Bauch und Seele. Und der überraschenden Erkenntnis, dass der Ausdruck „Alles Käse“ im Hause Henschel eine vollkommen andere Bedeutung gewinnt.

Restaurantinfos

Ambiente: schlichte Eleganz, gemütlich

Service: unaufdringlich freundlich, sehr kompetent, vorzügliche (Wein-)Beratung

Küche: gehobene französisch-internationale Küche

Karte: eine kleine, ca. alle 6 Wochen wechselnde Karte mit hochwertigen, frisch zubereiteten Gerichten, nach dem Motto „Weniger ist mehr“; zusätzlich das kleine und das große Gourmet-Menü. Vegetarisches Essen ist nach Absprache möglich.

Preise: Das Haus hat zwar keinen Stern, die Küche wird aber in einschlägigen Gastroführern, wie Der Feinschmecker und Gault Millau vorzüglich bewertet. Dem hohen Niveau entsprechen auch die Preise: Das große Gourmet-Menü kostet 79 Euro pro Person, das kleine 59 Euro. Die Vorspeisen a la carte bewegen sich um 20 Euro, die Hauptgerichte um 40 Euro.

Kinder: Eine spezielle Kinderkarte gibt es nicht. Für kleine Besucher werden auf Wunsch kleinere Portionen aus dem vorhandenen Repertoire zusammengestellt.

Parkplätze: 7 vor dem Haus, weitere in der nahen Umgebung

Barrieren: Die Toiletten sind im Keller und nur über eine Treppe erreichbar.

Besonderheiten: die imposante Weinkarte, perfekte Weinempfehlung. Außergewöhnlich gutes Käseangebot und eine Köchin, die dort seit 56 Jahren verlässlich „zaubert“.

Fazit: Wer gehobene französische Küche sowie ein edles Tröpfchen zu schätzen weiß und sich einen ausgedehnten Gourmetabend bei gutem Service in gemütlichem Ambiente gönnen will, ist im Haus Henschel bestens aufgehoben.

Internetbewertung: 5 Sterne (13 Bewertungen) bei Google; bei Tripadvisor 4,5 Punkte (13 Bewertungen)

Öffnungszeiten: mittwochs bis samstags ab 18.30 Uhr; So, Mo und Di geschlossen

Reservierungen: Haus Henschel, Borkener Straße 47, 46284 Dorsten; Tel. (02362) 62670; Mail: info@restaurant-henschel.de; www.restaurant-henschel.net

So funktioniert der Restaurant-Check Wir gehen ohne Vorankündigung in die jeweiligen Restaurants - als ganz normale Gäste. Wir sind keine Gastro-Experten, sondern einfach Menschen, die gerne an schönen Orten gut essen. Wir beschreiben die Lokalitäten so, wie wir über sie auch mit Freunden und Bekannten sprechen würden. Mit ihren Schwächen, mit ihren Stärken.
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