Handy-Verbote sind Alltag an Dorstens Schulen

dzHandy-Verbot

Schulen in NRW können selbst entscheiden, wie sie die Nutzung privater Handys regeln. In Dorsten geht die Tendenz klar zum Verbot. Ist das anno 2018 noch zeitgemäß?

Dorsten

, 25.09.2018, 18:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Max Logermann hat keine Lust auf Stress. Der Zwölfjährige besucht die St.-Ursula-Realschule in Dorsten und weiß: Handys sind hier nicht erlaubt. Bevor sich Max morgens von seiner Mutter verabschiedet und zum Unterricht geht, gibt er sein Handy ab.

Max’ Schule ist aber kein Einzelfall . An vielen weiterführenden Schulen in Dorsten geht die Tendenz klar zum Handyverbot. Aber es geht auch beides: Eine strenge Reglementierung muss einen offenen Umgang mit Smartphones in der Schule nicht automatisch ausschließen.

Die weiterführenden Schulen in Dorsten reglementieren die Nutzung des privaten Handy während der Schulzeit streng.

Die weiterführenden Schulen in Dorsten reglementieren die Nutzung des privaten Handy während der Schulzeit streng. © dpa

So sind die Regelungen an Dorstens Schulen

Fast genauso alt wie die bayerische Verordnung aus dem Jahre 2006 ist das strikte Handyverbot an der St.-Ursula-Realschule. „Bestimmt schon zehn Jahre“ gelte die Regelung, die Schülern aller Jahrgangsstufen die Nutzung im Unterricht und auf dem Schulgelände verbietet, sagt Schulleiterin Miriam Baumeister. „Es wird einfach zu viel Unfug damit getrieben, Bilder gemacht, Nachrichten verschickt – da ist so viel unterwegs, sodass wir gesagt haben: Das wollen wir nicht! Der Vormittag dient dem Lernzuwachs.“ Hält sich ein Schüler nicht an die Regelung, wird das Handy vorübergehend konfisziert.

Vor jedem Schuljahr beraten Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler in der Schulkonferenz über das Thema. Dann spricht sich auch Susanne Logermann regelmäßig für ein Verbot aus. Nach Ansicht der 47-jährigen Schulpflegschaftsvorsitzenden, deren Sohn Max die siebte Klasse der Realschule besucht, ist die Ablenkung im Unterricht durch die privaten Geräte einfach zu groß. Hinzu komme die Gefahr des Mobbings, wenn Schüler ständig Fotos und Videos machen und sich untereinander zuschicken, sagt sie. „Und auf dem Schulgelände ist es wichtig, dass Schüler sich untereinander beschäftigen.“

Realschule bevorzugt Nutzung der PC-Räume und schuleigenen Tablets

Das Miteinander gehe verloren, wenn alle nur noch auf ihre Smartphones starren. Im Unterricht dürfen die Realschüler das Handy nur nach ausdrücklicher Erlaubnis des Lehrers nutzen, etwa zur Recherche. Bevorzugt wird im Unterricht aber die Nutzung der Computer in den beiden PC-Räumen der Schule oder der schuleigenen Tablets.

Ähnlich verfahren auch viele andere weiterführenden Schulen in Dorsten. Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule untersagt die Handynutzung während der Schulstunde, sofern sie nicht ausdrücklich Bestandteil des Unterrichts ist. Auf dem Schulgelände ist die Nutzung ausschließlich während der Übermittagspause erlaubt. Dieser Kompromiss habe sich laut Schulleiter Johannes Berger bewährt: „Ansonsten gelten strenge Regeln. Kinder und Jugendliche legen großen Wert auf die Wahrung der Persönlichkeitsrechte und wir als Schule sind verpflichtet, diese zu schützen.“

An der Geschwister-Scholl-Schule gilt ein Handyverbot während des Unterrichts und in allen Pausen. „Wir hatten vor Jahren mal den Fall, dass Unterricht gefilmt und Tonaufnahmen gemacht wurden, die dann in den Sozialen Medien veröffentlicht wurden“, berichtet Schulleiter Dirk Börger. Schüler, die sich nicht ans Verbot halten, müssen ihr Handy abgeben und bekommen es später zurück.

Schüler müssen von Angesicht zu Angesicht kommunizieren

„Schule besteht im Wesentlichen aus Kommunikation“, betont der stellvertretende Schulleiter des St.-Ursula-Gymnasiums, Benedikt Wieschhörster. „Dafür treffen wir uns hier. Wenn von acht Leuten fünf nur mit dem Handy beschäftigt sind, ist das nicht gut.“ Schüler müssten die klassische Kommunikation von Angesicht zu Angesicht lernen. „Da stört das Handy nur.“ Für die Klassen 5 bis 9 gilt am Gymnasium St. Ursula ein generelles Handyverbot. Oberstufenschüler dürfen ihre Geräte ausschließlich in der Cafeteria nutzen.

Auch am Gymnasium Petrinum gilt die generelle Verabredung, dass Smartphones während der Schulzeit ausgeschaltet sein müssen. Ausnahmen gelten für Schüler der Oberstufe, die ihre Geräte an bestimmten Orten nutzen dürfen, für den Einsatz im Unterricht, wenn es der Lehrer für notwendig erachtet sowie im Sekretariat, wenn Schüler zu Hause anrufen wollen. „Das Verbot haben wir nicht aus Jux und Dollerei“, sagt Schulleiter Markus Westhoff. „Sondern weil in der Vergangenheit immer mehr Konflikte im Bereich Mobbing und Verletzung des Rechts am eigenen Bild beobachtet wurden.“

Und was sagen die Schüler? „Im Gespräch mit den Schülersprechern wird schon hin und wieder der Wunsch geäußert, die Handys zu nutzen“, berichtet Schulleiterin Miriam Baumeister von der St.-Ursula-Realschule. „Letztlich sehen sie es aber ein.“

Bis zu acht Bücher auf einmal im Rucksack

Max Logermann hätte nichts gegen eine Lockerung der Regeln. An manchen Tagen schleppt der 12-Jährige bis zu acht Bücher in seinem Rucksack mit sich rum. „Und manches ist auf dem Handy einfacher schneller nachgeguckt“, sagt Max. In der Pause käme er aber auch ohne Handy gut klar.

Die Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen (LSV NRW) fordert beim Thema Handy Mitbestimmung statt Verbote: „Erstens brauchen wir keine Verbote, sondern Regeln, die durch demokratische Mitbestimmung auch der Schüler legitimiert sind“, sagt Nikita Grünwald aus dem LSV-Vorstand. Andernfalls halte sich ohnehin niemand daran.

Nur wer verstehe, dass es pädagogische und soziale Gründe gibt, sein Handy auch in der Pause in der Tasche zu lassen, werde auch so handeln. „Und zweitens bekämpft man weder Langeweile in der Pause noch Mobbing mit Verboten, sondern indem man Möglichkeiten für eine sinnvolle Pausengestaltung bietet und in der Schule eine Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung schafft.“

Gesamschule Wulfen hat eine Smartphone-Ordnung verabschiedet

Wie so ein demokratisches Modell aussehen kann, zeigt die Gesamtschule Wulfen. Eltern, Schüler und Lehrer verständigten sich im Sommer 2017 auf eine Smartphone-Ordnung, über die anschließend in der Schulkonferenz abgestimmt wurde. Ergebnis: ein für die gesamte Schülerschaft verbindlicher Rahmen mit den drei Blöcken „Grundsätze“, „Ausnahmen“ und „Konsequenzen“, innerhalb dessen Lehrer wiederum viel Spielraum für Entscheidungen haben.

„Smartphones sind inzwischen massiv alltagsprägend und lassen sich nicht wegdiskutieren“, sagt Hermann Twittenhoff, Leiter der Gesamtschule Wulfen.

„Smartphones sind inzwischen massiv alltagsprägend und lassen sich nicht wegdiskutieren“, sagt Hermann Twittenhoff, Leiter der Gesamtschule Wulfen. © Foto: Claudia Engel

Laut Smartphone-Ordnung der Gesamtschule bleiben Handys an Schultagen grundsätzlich zwischen 7 und 16.30 Uhr auf dem gesamten Schulgelände aus. Die Schüler sollen ihre Geräte aber keinesfalls zu Hause lassen, sondern sich vielmehr Gedanken über einen sinnvollen Einsatz im Unterricht machen und mit den Lehrern abstimmen. „Smartphones sind inzwischen massiv alltagsprägend und lassen sich nicht wegdiskutieren“, sagt Schulleiter Hermann Twittenhoff.

Laut der repräsentativen JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest besaßen im vergangenen Jahr 92 Prozent der 12- bis 13-Jährigen in Deutschland ein Smartphone. Spätestens ab 14 Jahren hat quasi jeder Jugendliche so ein Gerät in der Tasche.

BYOD - sinnvolle Nutzung des Privatgeräts im Unterricht

Eine wichtige Rolle im Medienkonzept der Gesamtschule spielt deshalb das Modell „Bring Your Own Device“ (BYOD). Dabei geht es darum, das eigene mobile Endgerät sinnvoll im Unterricht zu einzusetzen. Kommt das Handy im Unterricht zum Einsatz, können sich die Gesamtschüler ruckzuck ins schuleigene WLAN einloggen und mit ihren Geräten arbeiten. „Das funktioniert“, sagt Schulleiter Twittenhoff. „Die Schüler kennen und halten sich an die Regeln. Sie haben ihr Smartphone dabei, nutzen es im Unterricht und können in großer Mehrheit sehr gut damit umgehen.“

In der Schulkonferenz der St.-Ursula-Realschule seien sich die meisten Eltern beim Thema Handyverbote einig, sagt Schulpflegschaftsvorsitzende Susanne Logermann. „So um die 95 Prozent sind für ein Verbot.“ Bei Diskussionen etwa in den Sozialen Medien wird aber immer wieder auch Kritik an einem allgemeinen Verbot laut. Es gibt Eltern, die es stört, dass sie ihre Kinder nicht durchgehend erreichen können.

Elternverein NRW kritisiert „Digitalisierungswahn“

Regine Schwarzhoff vom Elternverein NRW mit Sitz in Recklinghausen hält das für ein falsch verstandenes Kontrollbedürfnis: „Kinder brauchen Freiräume. Sie darauf zu konditionieren, jederzeit abrufbar zu sein, ist mit Sicherheit schädlich – genau wie für Erwachsene auch.“ Der Elternverein vertritt die Meinung, dass der „überall betonte Digitalisierungswahn“ kontraproduktiv sei. „Kinder lernen analog. Je jünger sie sind, desto schädlicher ist die Nutzung für sie.“

Der Elternverein sieht vor allem die Eltern in die Verantwortung. „Gerade ältere Eltern-Generationen, zu der ich mich auch zähle, sind ziemlich naiv und unbedarft in diese ganze Internet-Geschichte reingerutscht“, sagt Regine Schwarzhoff. „Wir haben als Eltern die Gefahren des Internet unterschätzt, weil niemand Erfahrungen damit hatte. Eltern sollten ihr eigenes Nutzungsverhalten kontrollieren, bevor sie beginnen, die Kinder zu kontrollieren.“

Siebtklässler Max lässt sein Handy an Schultagen gleich ganz zu Hause. Sein Schulweg ist auch nur ein paar hundert Meter lang. Daheim darf er sein Smartphone auch schon mal nutzen, wenn er bei den Hausaufgaben nicht weiterkommt, aber nur im Beisein mindestens eines Elternteils. „Das geht einfach schneller, als jedes Mal den Computer hochzufahren“, sagt Mutter Susanne Logermann. Wenn die Hausaufgaben nicht erledigt sind, ist Max sein Handy aber auch schnell mal für ein paar Stunden los. Vater Dirk Logermann würde sich „manchmal eine verbindliche Regelung zu Hause wünschen“, das sei am Ende aber „nicht umsetzbar“.

Tipps der schulpsychologischen Beratungsstelle Dorsten

Die Schulpsychologische Beratungsstelle der Stadt Dorsten rät dazu, sich Gedanken über einen konstruktiven Umgang mit dem Smartphone zu machen. „Hierzu gilt es, kreativ vor Ort nach individuell tragbaren Lösungen zu suchen“, so Leiterin Monika Goerigk. Die Tipps der Beratungsstelle:

  • Förderung der Medienkompetenz im Rahmen des Unterrichts

  • Aufklärung über die Folgen der ständigen Nutzung auf psychischer und körperlicher Ebene

  • Welche Informationen, die für Schüler wichtig sind, können über das Handy an ihre Adressaten verteilt werden? Wo kann das Handy also für schulische Zwecke genutzt werden, um den Informationsfluss im Alltag zu erleichtern?

  • Ideen entwickeln, wie die Nutzung im Unterricht unterbunden werden kann (z.B. Handys vor Unterrichtsbeginn im Korb auf dem Pult einsammeln).

Wann Kinder die erforderliche Reife für eine verantwortungsvolle Nutzung eines Mobiltelefons erreichen, lässt sich laut Diplompsychologin Monika Goerigk nicht an einer Altersgrenze festmachen. Das sei stark abhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes und seinem sozialen Umfeld. „Auch hier erscheint eine Förderung der Medienkompetenz bereits in der Grundschule ein sinnvoller Weg, um die Kinder im Umgang mit diesem Medium stark zu machen.“

Süchtig nach sozialen Medien: Tipps für Eltern
  • Permanente Erreichbarkeit und durchgehener Austausch mit anderen über soziale Medien können süchtig machen. Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK zeigen 2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen ein Suchtverhalten nach Facebook, Instagram und Snapchat. Patentrezepte zur Vorbeugung gibt es nicht. Die Initiative Klicksafe gibt folgende Tipps:
  • Handyverbote vermeiden: Verbote bringen niemanden weiter und nehmen Kindern eine zentrale Möglichkeit zum Austausch. Besser gemeinsam überlegen, zu welchen Zeiten es sinnvoll ist, dass alle Familienmitglieder das Handy beiseite legen. Es hilft, wenn Eltern dabei ehrlich zugeben, dass ihnen das auch schwerfällt.
  • Benachrichtigungen ausschalten: Jedes Piepen weckt die Aufmerksamkeit und schürt Erwartungshaltung, dass etwas Lustiges oder Spannendes passiert ist. Daran gewöhnt sich das Gehirn. Eltern sollten gemeinsam mit den Kindern überlegen, welche Benachrichtigungen auf dem Smartphone deaktiviert werden können.
  • Selbsttest: Viele Apps zeigen dem Nutzer an, wie viel Zeit er am Handy verbringt. Die Ergebnisse überraschen oft. Im Netz gibt es einen Selbsttest der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
  • Sobald es Anzeichen von Suchtverhalten bei Kindern gibt - sie essen nicht mehr, gehen nicht mehr in die Schule, ziehen sich komplett zurück - sollten sich Eltern an professionelle Beratungsstellen wenden.
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