Gemeinden wollen Täter abschrecken und Opfern Gehör schenken

dzMissbrauch

Die Katholische Kirche will aus den Missbrauchsskandalen lernen. Auch im Dekanat Dorsten gibt es jetzt ein Schutzkonzept, das Täter abschrecken und Opfern Gehör verschaffen soll.

Dorsten

, 03.09.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ob man es Grenzverletzung nennt, Übergriffigkeit oder sexualisierte Gewalt - im Grunde geht es um sexuellen Missbrauch. Ein bekanntes Problem nicht nur in der Katholischen Kirche, aber dort endlich ein erkanntes.

„Augen auf! Hinsehen und Schützen!“ Unter dieses Motto hat das Bistum Münster seine Bestrebungen und Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt gestellt. Auf dieser Grundlage hat inzwischen auch die Jugendseelsorgekonferenz des Dekanates ein „Institutionelles Schutzkonzept“ (ISK) erstellt.

Auch über ein „komisches Gefühl“ darf man reden

Was sperrig klingt, soll Tätern ihre Taten schwer machen und Opfer ermutigen, um Hilfe zu bitten. Und zwar nicht erst dann, wenn schwerwiegende Taten bis hin zu Verbrechen passiert sind und die Beweislage eindeutig ist.

Kai Kaczikowski, Pastoralreferent und Präventionsbeauftragter für St. Paulus Hervest, stellt sich gemeinsam mit den ebenso geschulten Kollegen aus jeder Pfarrei als qualifizierter Ansprechpartner zur Verfügung im Falle vermuteter, beobachteter oder selbst erlebter Übergriffe oder Ungereimtheiten im Verhalten, die auch mal nur ein „komisches Gefühl“ sein können.

„Je aufmerksamer Einrichtungen und ihre Beschäftigten sind, je mehr aus dem verunsicherten Wegschauen eine Kultur des Hinhörens wird, umso eher wird sexuelle Gewalt bei Kindern aufgedeckt oder von vorneherein vermieden.“
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts München.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene können sich künftig vertrauensvoll an einen Ansprechpartner wenden, der das Hinhören gelernt hat, der weiß, dass leider auch das sein kann, was eigentlich nicht sein darf, und der sie im schlimmsten Fall bei der Weiterverfolgung einer Tat unterstützt.

Sensible Prävention soll es Tätern schwer machen

Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der Prävention und dort schon auf vermeintlichen Kleinigkeiten. Annegret Lewin, Pastoralreferentin aus Holsterhausen: „Wir haben zum Beispiel nach sogenannten ,blinden Flecken’ in Gemeinderäumen gesucht. Wo könnten Täter es leicht haben und Opfer sich möglicherweise unwohl fühlen?“ Wo man die Räumlichkeiten nicht verändern oder austauschen könne, helfe es manchmal schon, auf Türen zu verzichten oder für mehr Licht zu sorgen.

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Das ISK hat selbstverständlich die Opfer im Blick und damit auch die Täter, aber auch die vielen vertrauenswürdigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bei ihrer haupt- und ehrenamtlichen Arbeit in falschen Verdacht geraten könnten. „Entsteht zum Beispiel die Situation, dass der Pfarrer plötzlich mit einem Messdiener allein in der Sakristei ist, sollte er einfach die Tür geöffnet lassen“, rät Annegret Lewin. Schon sei die Lage deutlich unverfänglicher.

Nicht jeder Kontakt darf unter Verdacht stehen

Im Ferienlager ein heimwehkrankes Kind zu trösten oder in der Kita ein verletztes Kind in den Arm zu nehmen, diese Art von Nähe soll trotz der Diskussion über Missbrauchsfälle weiterhin möglich sein. Kai Kaczikowski: „Wir haben inzwischen alle Mitarbeiter geschult, Messdiener, Pfadfinder, Erzieherinnen, Jugendarbeiter, alle sind beteiligt. Sie kennen den Verhaltenskodex, Risiken und schwierige Situationen.“ Das sorge nicht für 100-prozentige Sicherheit, aber auf jeden Fall für Sensibilität im Umgang miteinander, schaffe sichere Räume und vertrauensvolle Beziehungen.

Missbrauch soll auch in der Kirche kein Tabu-Thema sein

Und wenn dann doch einmal etwas passiert, sollen Täter sicher sein, dass ihre Taten nicht vertuscht, verschwiegen und hingenommen werden. Die Opfer sollen sicher sein können, dass ihnen Glauben geschenkt und Hilfe zuteil wird. Daran hat es gerade in der Katholischen Kirche oftmals skandalös gemangelt.

Mit Flyern und Plakaten soll die Aktion „Augen auf! Hinsehen und Schützen!“ jetzt bekannt gemacht werden. Möglichst jedes Gemeindemitglied soll die Aktion wahrnehmen und wissen, wo es in der Gemeinde und darüber hinaus geschulte Ansprechpartner findet.

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