Die Sonne scheint vom blauen Himmel auf einen Blühstreifen an einem Feldrand (Symbolbild). © picture alliance/dpa

Gegen das Insektensterben: Landwirte gewinnen Bürger als Blühpaten

Um gegen das Insektensterben anzugehen, legen auch zwei Landwirte in Dorsten auf ihren Äckern Wildblumen-Flächen an. Bürger können dafür Blühpatenschaften übernehmen. So funktioniert es.

Insektensterben, Artenvielfalt, Bio-Diversität – diese Begriffe bestimmen immer mehr die Schlagzeilen. Blühstreifen und Wildpflanzenfelder können helfen, das Nahrungsangebot für Bienen und andere Tiere zu verbessern. Doch Bauern, die solche Lebensräume schaffen, fehlen dadurch Erträge. Zwei Dorstener Landwirte wollen deswegen Bürger als zahlende Blühpaten gewinnen.

Hof und Felder nahe der Hürfeld-Halde

Matthias Schulte-Hemming bewirtschaftet einen Hof an der Altendorfer Straße in Altendorf-Ulfkotte. Von hier sind die Hürfeld-Halde und auch seine Felder am Polsumer Weg nur einen Steinwurf weit entfernt. Viele Spaziergänger und Radfahrer sind hier unterwegs, „alles potenzielle Blühpaten, die sehen und erleben könnten, wie sich ihre Flächen entwickeln“, sagt er.

Mit Ehefrau Bettina hat er Ende des letzten Jahres Info-Flyer erstellt, sie liegen in einigen Geschäften und öffentlichen Einrichtungen aus. „Allein 70 Blühpaten haben sich in den ersten Wochen gemeldet.“ Inzwischen seien es noch mehr. Auf einem drei Hektar großen Feld in Hofnähe soll ab Frühjahr eine Wildblumenwiese entstehen, auf der interessierte Bürger für einen Euro pro Quadratmeter Fläche eine Patenschaft übernehmen können.

Das Ehepaar Schuklte-Hemming
Das Ehepaar Schuklte-Hemming © Christian Sklenak © Christian Sklenak

Gesät wird die „Soester Mischung“, die Samen von 30, 40 heimischen Wildblumenarten beinhaltet. Mindestfläche: fünf Quadratmeter, nach oben hin offen. „Ist auch eine schöne Geschenkidee“, sagt Matthias Schulte-Hemming. Das Feld will er künftig immer auf zwei Jahre einsäen, doch die Patenschaft könne auch verlängert werden, betont er.

Honig für Großgrundpaten

Und „Großgrundpaten“ mit 100 Quadratmetern bekommen sogar ein Präsent oben drauf: ein Glas Honig von der Dorstener Imker-Familie Möllers, die auf dem Hof zehn Bienenvölker hat.

Auf dieser Fläche nahe dem Hof Schulte-Hemming in Altendorf-Ulfkotte soll die Aussaat für die Blühpatenschaften erfolgen. © Privat © Privat

Matthias Schulte-Hemming hat sich schon vor Jahren Gedanken zum Schutz der Umwelt gemacht. Er kooperiert mit dem Kreis Recklinghausen im Projekt „Vertragsnaturschutz“. Es verfolgt das Ziel, durch Extensivierung der Flächenbewirtschaftung auf freiwilliger Basis einen Beitrag zur Erhaltung der Lebensgrundlagen von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten zu leisten. Weitere Sechs Hektar Fläche hat er dafür reserviert.

„Seitdem sind die Scheiben meines Treckers wieder schwarz von Insekten, wenn ich da entlangfahre“, sagt Matthias Schulte-Hemming. Er gehörte übrigens zu den Landwirten, die mit der Firma Odas ein Projekt betrieben hatten. Ziel: Energie aus Wildkräutern zu gewinnen. „Hat sich aber nicht gelohnt“, sagt er.

Ein Blühstreifen der Holsterhausener Landwirtschaftsfamilie Giebing – mit Insekenhotel. © Privat © Privat

In Sachen Naturschutz ist auch der Dorstener Landwirt Michael Giebing unterwegs. Kein Wunder: Sein Hof befindet sich am Kreskenhof im Dorf-Holsterhausen, unweit der Trinkwasserbrunnen und des Wasserwerks der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerke (RWW). Der Vorsitzende der Ortslandwirte Holsterhausen betreibt deswegen schon länger „ökologisches Flächenmanagement“, wie er sagt.

Positive Resonanz von Nachbarn

Deswegen hatte er vor Jahren probehalber angefangen, einen Blühstreifen anzulegen. „Meine ganze Familie hatte so Spaß daran bekommen, auf diese Art und Weise der Natur etwas zurückzugeben“, sagt er. „Und auch von den Nachbarn im Neubaugebiet haben wir viel positive Resonanz bekommen.“

Eigentlich beschäftigt sich der Holsterhausener eher mit großen Tieren. „Neben der Rinderhaltung mit 180 Mastbullen betreiben wir eine Pferdepension mit 20 Pferden und bauen auf 120 Hektar Getreide und Mais in Reinkultur an“, erzählt er. Im vergangen Jahr begann er damit, Paten für größere Blühflächen zu gewinnen. .

Viel weniger Nahrungsangebot

Um wieder mehr Nahrungsquellen für Insekten sicherzustellen, stellt er 50.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung: mehrere Blühstreifen und ein vier Hektar großes Blühfeld am Bruchdamm. „Wir sehen das Projekt als Gemeinschaftsprojekt, an dem sich jeder mit einem kleinen oder großen Betrag beteiligen und somit transparent für den Artenschutz engagieren kann.“

Der Blühstreifen am Kreskenhof wird vorbereitet. © Privat © Privat

Mehr als 60 Blühpaten haben im vergangenen Jahr mitgemacht, in dieser Saison soll es ab April/Mai weitergehen. Die Blühmischung besorgt Michael Giebing, „beraten hat uns dabei die Landwirtschaftskammer“. Pro Quadratmeter Fläche zahlen die Blühpaten einen Euro, bis zu 100 Quadratmeter pro Saison können „gebucht“ werden.

Kein chemischer Pflanzenschutz

„Anlegen und Pflege übernehmen wir, die Blühstreifen bleiben bis mindestens September 2021 bestehen“, sagt der Landwirt. Chemischer Pflanzenschutz bleibt außen vor, genauso Dünger. Bewässert wird mit Regenwasser, eine Notbewässerung bei Dürre gibt es nicht.

Die Vermarktung erfolgt durchaus professionell: mit Homepage samt kleinem Blog, Instagram- und Facebook-Auftritten, YouTube-Videos, Sponsorentafeln, Gutscheinen und auch Insektenhotels hat Familie Giebing auch schon aufgestellt.

„Die Blühpatenschaften sind auch eine Form der Öffentlichkeitsarbeit, durch die wir Landwirte und Verbraucher wieder näher zueinander bringen möchten“, sagt Michael Giebing. Die Leute sind neugierig und machen sogar Tagesausflüge auf unseren Hof.“

Willkommenes Taschengeld

Weil er die Blühflächen nicht bewirtschaftet, sondern brach liegen lässt, bekommt er eine Ausgleichsförderung. „Die deckt aber nicht die Ausfälle, die ich habe. Und auch auf Brachland liegen Kosten wie Versicherungen und Abgaben für Berufsgenossenschaften.“ Die Beiträge der Blühpaten seien deshalb ein willkommenes „Taschengeld“ für ihn.

  • Die Patenschaft bei Matthias Schulte-Hemming kann direkt unter der Handynummer: 0172/5191120 oder per Mail unter schulte-hemming@gmx.de bestellt werden. Die Zertifikate können bei Bedarf entweder ausgedruckt, persönlich abgeholt oder auch versendet werden.
  • Wer Blühpate bei der Holsterhausener Familie Giebing werden will, der kann sich auf der Homepage (www.bluehstreifen-dorsten.de) über alle Modalitäten informieren, dort gibt es auch ein Kontaktformular.
Über den Autor
Redaktion Dorsten
Geboren 1961 in Dorsten. Hier auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach erfolgreich abgebrochenem Studium in Münster und Marburg und lang-jährigem Aufenthalt in der Wahlheimat Bochum nach Dorsten zurückgekehrt. Jazz-Fan mit großem Interesse an kulturellen Themen und an der Stadtentwicklung Dorstens.
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Michael Klein

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