Die Trauerrednerin hält professionelle Distanz zum Todesfall und weint nicht

dzGabriele Jöhren

Die Beisetzung von Tante Ruth brachte Gabriele Jöhren einst die Erkenntnis: „Ich will Trauerrednerin werden.“ Über 2000-mal hat sie inzwischen auf Trauerfeiern gesprochen.

Dorsten

, 19.01.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte sie Professorin werden, für Geschichte oder Philosophie. Was an der Uni gelehrt wurde, entsprach aber so gar nicht ihren Vorstellungen. „Das war alles so weit weg vom Leben und seinen Fragen.“ In ihrem Beruf als Trauerrednerin ist Gabriele Jöhren heute ganz nah dran am Leben - und am Tod.

Hauswirtschaft und Versicherungswesen

Bis zu einem erfüllten Berufsleben hat sie ein paar Umwege genommen, die sie über die Hauswirtschaft und das Versicherungswesen geführt haben. Immer habe sie die Suche nach der Wahrheit durchs Leben begleitet, erzählt die 57-Jährige, und beim Tod ihrer Tante Ruth sei ihr die berufliche Wahrheit in Gestalt eines Trauerredners begegnet.

In der Ausbildung wurden auch eigene Erfahrungen mit Tod und Trauer wach

„Das will ich auch machen“, verkündete die Mutter eines Grundschulkindes vor etwa 20 Jahren entschlossen und absolvierte eine einjährige Ausbildung zur Trauerrednerin. Eine Zeit, in der sie auch eigene Erfahrungen mit Tod und Trauer aufarbeiten musste. „Meine wilde Familiengeschichte mit Krankheiten und Tod und das teilweise schwierige Verhältnis zu meinen Eltern hat mich in dieser Zeit noch einmal eingeholt“, erinnert sich Gabriele Jöhren.

Am eigenen Leib habe sie erfahren, dass die Zeit keineswegs alle Wunden heile, sondern allenfalls schwächer werden lasse. Und so würde sie Trauernden auch nie mit dem Spruch von der heilenden Zeit Trost zu geben versuchen.

„Weint Eure Tränen, empfehle ich allen Trauernden“, sagt Gabriele Jöhren. Sie selbst weint nicht, wenn sie dienstlich eine Beisetzung begleitet. Sie wahre stets professionellen Abstand. Über 2000-mal ist ihr das seit ihrer ersten Trauerrede schon gelungen.

Auch Negatives darf in die Trauerrede einfließen, aber niemals verletzen

Ihr erster Einsatz fand in Krefeld statt, ihrem langjährigen Wohnort. „Als ich in der Trauerhalle vor dem Sarg stand“, erzählt Gabriele Jöhren, „wusste ich direkt, das ist mein Platz. Ich tue etwas Sinnvolles, mache eine Arbeit, die mir Freude macht.“ Diese Arbeit beginnt in der Regel mit einem Erstkontakt durch den Bestatter. Trauerredner kommen meist dann zum Einsatz, wenn eine kirchliche Trauerfeier nicht erwünscht ist.

Bei einem Hausbesuch erfährt Gabriele Jöhren dann vieles über den Verstorbenen, nicht immer nur Positives. „Manchmal kann und sollte auch Negatives nicht unter den Tisch gekehrt werden“, beschreibt Gabriele Jöhren ihren bodenständigen Ansatz. „Man kann so etwas aber auch durch die Blume sagen und sollte niemals vergessen, dass jeder Mensch eine Lebensleistung hat, die es wert ist, erwähnt zu werden.“ Ehrlichkeit und Fakten sind wichtige Grundlage für eine Trauerrede, niemals jedoch Verletzungen.

Auch ohne den Pastor darf bei der Trauerfeier gebetet werden

Wenn Hinterbliebene es wünschen, dürfen sie die Trauerrede vor der Beisetzung lesen. Und auch, wenn kein Geistlicher als Trauerredner erwünscht ist, dürfen Gebete gesprochen werden. „Ich kann mit der Trauergemeinde beten oder in einem rein philosophischen Rahmen bleiben, ganz nach Wunsch“, erklärt Gabriele Jöhren.

Nach 14 Jahren als Trauerrednerin in Krefeld und Duisburg ist sie jetzt seit vier Jahren auch in Dorsten und Umgebung unterwegs. Der Beruf ihres Ehemannes führte das Paar dorthin und Gabriele Jöhren seither auf die Friedhöfe dieser Region. Hin und wieder wird sie auch noch nach Krefeld oder Duisburg gerufen. Vor allem von Familien, die sich gern an sie als Rednerin auf den Trauerfeiern längst verstorbener Familienmitglieder erinnern. „Dann scheint es mir wohl gelungen zu sein, bei den Menschen eine positive Erinnerung an den Abschied hinterlassen zu haben.“

Auch Hochzeitspaare können Gabriele Jöhren buchen

Ab und zu wechselt Gabriele Jöhren inzwischen auch das Metier. Dann setzt sie ihr Talent als Rednerin bei Hochzeiten ein. Auch hier ist sie nicht fürs Süßholzrapseln zu haben: „Mich interessieren auch die Ecken und Kanten der Brautleute.“ Die baut sie gern in ihre Rede ein und sorgt damit beim Paar und seinen Gästen häufig für ein Schmunzeln. Das müsse auf Hochzeiten und Trauerfeiern gleichermaßen erlaubt sein.

Wenn Gabriele Jöhren nicht gerade auf Trauerfeiern oder Hochzeiten spricht, sitzt sie gern am Schreibtisch und schreibt. Nach einer „Beileidsfibel“ mit Textvorschlägen, Zitaten und Gedichten für Kondolenzpost, einer kleinen Trauerfibel mit wichtigen Informationen für den Todesfall, dem Buch „Euch zum Trost“ mit bewährten Ritualen und Ausdrucksmöglichkeiten für die Ausnahmesituation der Trauer, schreibt sie jetzt an „Sorge für Dich und lebe“.

Die eigenen Bedürfnisse nicht vergessen

Wer lange und gesund leben will, davon ist Gabriele Jöhren überzeugt, dürfe sich selbst und seine Bedürfnisse nicht vergessen, das gehe dann irgendwann über die eigene Kraft. Daran halte sie selbst sich auch. Zehn bis zwölf Trauerreden im Monat kosten Kraft und Zeit, da müsse man sich Auszeiten und Themenwechsel schaffen. Schriftstellerisch befasst sie sich gerade parallel zum nächsten Ratgeber mit den Koch- und Backrezepten ihrer Oma, überträgt sie aus der Sütterlinschrift, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Gabriele Jöhren ist erreichbar unter Tel. (02362) 7852255 oder 0163 4209162. E-Mail: gabriele.joehren@gmx.net; Homepage: www.abschied-trauer-trost.de
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