Für Gert Kreytenberg gehört Dorsten wie Florenz zum Lebensmodell

Zum Tee bei...

Seinen Namen vor den Toren Dorstens zu erwähnen, kann durchaus zur Folge haben, dass man gefragt wird: Gert Kreytenberg? Der Kreytenberg? Der international renommierte Gotik-Spezialist, dem die Kunstkenner in Florenz den roten Teppich ausrollen, der lebt in Dorsten? Ja, genau der.

DORSTEN

von Fragen von Marion Taube

, 17.04.2012, 13:11 Uhr / Lesedauer: 3 min
"Mit der Kunst lernt man, eine große Freiheit zu leben" - Gert Kreytenberg öffnet die tägliche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Kunstwerken immer neue Türen der Erkenntnis.

"Mit der Kunst lernt man, eine große Freiheit zu leben" - Gert Kreytenberg öffnet die tägliche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Kunstwerken immer neue Türen der Erkenntnis.

Da gibt es gar keinen Gegensatz. Das ist eher eine spannende Ergänzung. Da kraxelst Du zum Beispiel jahrelang am Dom in Florenz herum und forschst und dokumentierst und dann machst du genau am Schreibtisch in Dorsten Entdeckungen, das glaubst Du nicht…

Das ist ja das Wunderbare. Man braucht den Rückzug. Ich glaube, ich habe in guten Stunden in Dorsten mehr entdeckt als Kollegen in Monaten vor Ort. Die Distanz öffnet erst die Augen. Immer in der Fülle sein, da reagiert der Mensch nicht mehr so. Das ist wie eine Übersättigung der Sinne.

In der Tat gibt es einen großen Schatz in meinem Keller. Über 4000 Fotodokumente, die das Bildprogramm des Florentiner Domes von allen Seiten zeigen, hier gibt es jede Skulptur, jedes Detail von allen Seiten systematisch fotografiert. Dem Kamera-Auge ist nichts entgangen. Wir haben monatelang Fotokampagnen mit einer alten Hasselblatt veranstaltet, mit Kranwagen die Domfassaden hinauf, bis auch das letzte, von Ferne nicht zu deutende Detail abgelichtet war. Wenn man diese Dokumente dann abseits des Geschehens in aller Ruhe studieren darf, kommt man zu ganz anderen Erkenntnissen. Da begreifst Du plötzlich, dass ein Königskopf mit Krone aus dem Museum Bargello auf eine Statue im Dommuseum gehört, und zu guter Letzt ist der König auch noch ein Papst gewesen. Dorsten sei Dank.

Mit der Kunst jedenfalls lernt man, eine große Freiheit zu leben. Man kann sich nie in eingefahrenen Bahnen bewegen. Immer gibt es eine neue Begegnung, die dich an ein Kunstwerk bindet, dir eine Auseinandersetzung abverlangt, und dann reicht es nicht, zu schwafeln, dann musst du dich dem stellen. Dorsten ist dazu ein gutes Pflaster. Auch ich bin in meinem Leben ja durch die Kunstgeschichte hin und her gewandert, aus der Moderne im Studium mitten hinein in das Mittelalter gerutscht, wo ich 30 Jahre verbracht habe, und aktuell muss ich mit der Arbeit im Museum DKM in Duisburg japanische, koreanische und vorderasiatische Kunstwerke „pauken“. Wieder aufregend.

Ingrid und ich haben das einfach immer mit den Kindern gelebt. Ausstellungen, Theater, Konzerte, malen und zeichnen, aber ohne Zeigefinger, ohne Programm. Da schlief der eine Sohn auch schon mal ein, wenn vorne Riccardo Muti dirigierte. Die Kinder gingen mit Ingrid in die Uffizien, aber schauten sich jeweils nur ein Bild an, keine Überforderung, kein Lernenmüssen, eher eine Ermunterung, sehen zu lernen, eigene Blickwinkel aufzutun. Die Kunst ist einfach ein Teil unseres Lebens, das färbt natürlich schon ab. Aber nein, die Söhne sind keine Künstler geworden, wenn Sie das meinen, einer Ökonom, der andere Jurist, beide zuvor eine Banklehre absolviert, vermutlich haben Sie beim Vater gesehen, dass man mit Schreiben kein Geld verdienen kann (lacht). Aber beide haben eine große Nähe zur Kunst, weiterhin. Ingrid, die Kinder und ich sind einander immer nah, obschon uns teilweise tausende von Kilometern trennen (Anm. der Red.: Sohn Till ist mit einer Chilenin verheiratet und lebt in Santiago de Chile). So gesehen bleibt Dorsten auch weiterhin unsere Basisstation und die Auseinandersetzung mit der Kunst eine wichtige Verbindung.

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