Annette Kock (l.) und Claudia Schwanzlberger (r.) von Ernsting's Family stellten einige Kleiderständer wieder vor die Ladentür. © Bianca Glöckner
Coronavirus

Freude über unbeschränktes Einkaufen währte in Dorsten nur kurz

Nachdem das OVG Münster die Beschränkungen im Einzelhandel vorläufig aufgehoben hatte, reagierten zahlreiche Händler in Dorstens Innenstadt schnell. Doch dann gab es eine neue Ansage.

In der Altstadt hatten am Montag zur Mittagszeit die meisten Geschäftsleute vom aktuellen Urteil gehört – und auch direkt umgesetzt. So wie Ernsting‘s Family in der Essener Straße. Claudia Schwanzlberger und ihre Kollegin Annette Kock waren von ihren Gebietsleiter per WhatsApp informiert worden.

Die beiden Frauen räumten direkt einige Kleidungsständer vor die Ladentür und drehten das Schild zur Terminvereinbarung um. Das weist jetzt auf die aktuellen Hygieneregeln hin und dass „nur ein Kunde pro zehn Quadratmeter in den Laden darf“, wie Schwanzlberger erläuterte.

Neuer NRW-Erlass kam zwei Stunden später

Zwei Stunden später reagierte die NRW-Landesregierung mit einer neuen Corona-Schutzverordnung – und machte die Hoffnung vieler Händler schneller als gedacht wieder zunichte: „Da das Oberverwaltungsgericht eine unzulässige Ungleichbehandlung darin gesehen hat, dass Schreibwarengeschäfte, Buchhandlungen und Gartenmärkte ab dem 8. März ohne Beschränkungen öffnen durften, gelten die Pflicht zur Terminvereinbarung und die 40 qm-Begrenzung mit der jetzt geänderten Verordnung auch für diese Geschäfte.“ In Kraft tritt die neue Verordnung um 0 Uhr am Dienstag (23.3.).

„Umsätze macht man nicht durch Schließungen, sondern durch Öffnen“, hatte Helmut Koprian, Geschäftsführer des Centermanagements für die Mercaden, am Vormittag betont. Das OVG-Urteil kam für den Hamburger wie gerufen. „Wir werden alle gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, die ein Öffnen wie vor Corona erlauben.“ Seit dem 8. März sind alle verbliebenen Geschäfte in dem Einkaufszentrum geöffnet, einige aber nur mit Terminvereinbarung, Registrierung und begrenzter Kundenzahl.

„Ich hatte eigentlich heute mit dem Gegenteil gerechnet“

Stefanie Dornhege war im ersten Moment irritiert, als sie von der Aufhebung der Beschränkungen erfuhr: „Ich hatte eigentlich heute mit dem Gegenteil gerechnet“, sagt die Inhaberin des Schuhhauses Pelkmann. Die Entscheidung des Gerichts freue sie und sei auch nachvollziehbar – im Gegensatz zu den Regelungen, die nun kassiert wurden: „Meiner Meinung nach waren das sehr willkürliche Entscheidungen.“

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Dornhege hofft, dass das Auf und Ab endet: „Wir wollen irgendwo mal ein bisschen Ruhe reinbekommen, dass Kunden auch wieder Freude haben, in die Stadt zu kommen und nicht alles unter Zwang und Angst machen müssen.“ Sie bemühe sich, unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen auch wieder ein bisschen Willkommenskultur zu schaffen.

Zuletzt hatte die Angst überwogen

„Ich denke das Gerichtsurteil hat bei den Einzelhändlern erst mal für ein Aufatmen gesorgt“, sagt Lorenzo Köller, Vorsitzender der Dorstener Interessensgemeinschaft Altstadt (DIA) und Inhaber des Uhren- und Schmuckgeschäfts Luxus Spot an der Essener Straße. Zuletzt habe im Austausch mit anderen Händlern eher die Angst überwogen, dass bald wieder alles dicht gemacht wird.

Vereinzelt sei auch Unmut über die Ungleichbehandlung geäußert worden, so Köller. „Das Unverständnis ist aber eh da, in vielerlei Hinsicht. Manches versteht man einfach nicht.“

Lorenzo Köller ist seit 27. März 2019 Vorsitzender der Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt.
Lorenzo Köller ist seit 27. März 2019 Vorsitzender der Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt. © Stefan Diebäcker (A) © Stefan Diebäcker (A)

Maximal 19 Kunden parallel im Laden

Zurück zu Ernsting’s Family: Bei der Ladenfläche von 190 Quadratmeter durften maximal 19 Kunden gleichzeitig im Geschäft sein. „Das finde ich auch gut, schon allein wegen der eigenen Gesundheit“, betonte Claudia Schwanzlberger. Mit der bisherigen Regelung der Terminvergabe sei man bisher aber auch ganz gut gefahren.

„Super“, kommentierte Stefan Scholten die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes Münster. Scholten betreibt auf der Hardt ein Geschäft für Raumausstattung, das monatelang geschlossen war und inzwischen mit Terminvereinbarung eingeschränkt wieder geöffnet ist.

Suzan Riehl stand mittags mit ihrem Sohn Noah vor der Ladentür von H&M. Sie hatte einen Termin zum Shoppen vereinbart und von der OVG-Entscheidung noch gar nichts mitbekommen – ebenso wie die H&M-Mitarbeiter. Suzan Riehl jedenfalls, die eigentlich nur neue Hosen für den Sohn kaufen wollte, wollte den Montag dann noch mal nutzen, um nach Schuhen zu schauen. „Mal gucken, wie lange das überhaupt noch geht“.

Suzan und Noah Riehl hatten einen Termin bei H&M vereinbart.
Suzan und Noah Riehl hatten einen Termin bei H&M vereinbart. © Bianca Glöckner © Bianca Glöckner

„Das ist mir alles zu gefährlich“

Christian Schirmer, der vor der Mensing-Tür auf seine Frau wartete, fand es nicht gut, dass das OVG die Regelung gekippt hat. „Das ist mir alles zu gefährlich“, so der Dorstener. Bis nicht alle geimpft seien, solle man sich zurückhalten. Er sei am Samstag auf dem Wochenmarkt gewesen und es sei sehr voll gewesen. Er habe beobachtet, dass viele Besucher in Grüppchen zusammengestanden hätten – ohne Abstand. „Nur weil das OVG jetzt etwas erlaubt, muss man es ja nicht machen“, sagte er kritisch.

Mensing ist am Dienstag geschlossen und öffnet dann am Mittwoch unter dem neuen Namen „Sinn“ wieder. Firmenchef Friedrich-Wilhelm Göbel freute sich über das OVG-Urteil zu der für ihn idealen Zeit. „Wir haben sofort alle Filialen in NRW geöffnet.“

Christian Schirmer aus Dorsten mit Hündin Bella wartete vor Mensing auf seine Frau.
Christian Schirmer aus Dorsten mit Hündin Bella wartete vor Mensing auf seine Frau. © Bianca Glöckner © Bianca Glöckner

Agatha-Christine Ochtrop vom Schuhhaus Ostermann hatte bereits am Morgen alle Zugangsbeschränkungen und Schilder zur Seite geräumt. „Wir sind heilfroh“, sagte sie. Sie freue sich – bis zum Abend, wenn die Beschlüsse des Corona-Gipfels verkündet werden. „Dann kommt wahrscheinlich der dicke Hammer“, vermutete sie mittags. Und sie hätte es gut gefunden, wenn das OVG schon am Freitag die Regelung gekippt hätte. „Das Wochenende hätte dem Handel gut getan!“

Blitz-Umfrage bei Facebook

Bei einer Blitz-Umfrage auf der Facebook-Seite dieser Zeitung war am Montag zur Mittagszeit viel Freude, aber auch Skepsis spürbar. „Nachdem Mallorca erlaubt ist, sind viele Dinge nicht mehr nachvollziehbar“, kommentierte ein User. Andere fürchten, dass die Infektionszahlen nun „durch die Decke gehen“.

Während manch einer sich wünscht, dass „nun auch das Maskenverbot gekippt wird“, ahnen andere: „Schauen wir mal, was heute beschlossen wird. Ich garantiere, es wird alles wieder dicht gemacht.“

Das OVG hat in seinem Urteil u.a. argumentiert:

„Die schrittweise und kontrollierte Öffnung weiterer Bereiche des Handels müsse aus Gründen der Gleichbehandlung nicht zwingend mit einer Verschärfung der Öffnungsbedingungen für die bereits bislang von der Schließung ausgenommenen Geschäfte einhergehen. Der Verordnungsgeber über­schreite aber seinen Spielraum, wo ein einleuchtender Grund für eine weitere Differenzierung fehle. Dies sei der Fall, soweit nunmehr auch Buchhandlungen, Schreibwarenläden und Gartenmärkte mit ihrem gesamten Sortiment unter vereinfachten Bedingungen (größere Kundenzahl, ohne Terminbuchung) betrieben werden dürften. Es erschließe sich nicht und werde durch den Verordnungsgeber auch nicht begründet, warum dessen Annahme, diese Betriebe deckten ebenfalls eine Art Grundbe­darf, für sich genommen andere Öffnungsmodalitäten rechtfertigen sollte als beim übrigen Einzelhandel.“

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Stefan Diebäcker
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Bianca Glöckner ist gebürtige Dortmunderin und lebt seit 1992 in Marl. Nach ihrer Ausbildung zur Verlagskauffrau bei Lensing Media und ihrem Redaktionsvolontariat arbeitete Bianca Glöckner zunächst zehn Jahre lang in der Lokalredaktion in Haltern, seit 2007 ist sie Redakteurin in Dorsten.
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Bianca Glöckner
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Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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