Rettungssanitäter angefahren: Feuerwehr-Chef warnt vor „Eskalation der Aggressivität“

dzRettungsdienst

Zum ersten Mal ist in Dorsten ein Rettungssanitäter im Einsatz möglicherweise bewusst angefahren und schwer verletzt worden. Die Betroffenheit ist groß, der Feuerwehr-Chef warnt.

Dorsten

, 30.01.2020, 19:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Rettungssanitäter der Stadt Dorsten ist nach Angaben der Polizei am Mittwoch vor dem St.-Elisabeth-Krankenhaus angefahren worden. Nach einem Disput mit einem Taxifahrer, der mit seinem Wagen zum wiederholten Mal die Liegendanfahrt des Krankenhauses blockierte, wurde der erfahrene Sanitäter laut Zeugenaussage mit Absicht angefahren. Er erlitt eine Gehirnerschütterung und eine Beckenprellung.

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Feuerwehr-Chef Andreas Fischer hat den Verletzten noch am selben Abend mit einem Blumenstrauß im Krankenhaus besucht. „Er ist emotional sehr angegriffen“, bestätigte Fischer am Donnerstag. „Die Betroffenheit bei allen Kollegen ist groß. So etwas hat es in Dorsten noch nicht gegeben.“

Verbale Übergriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Notärzte gibt es immer wieder. „Beleidigung, Bedrohung - im Einsatz fällt schon mal das ein oder andere Wort“, sagt Andreas Fischer. Jetzt haben die Attacken eine neue Dimension erreicht.

„Die Eskalation der Aggressivität ist in dieser Ausprägung neu und nicht vorhersehbar.“
Feuerwehr-Chef Andreas Fischer

Fischer hat am Donnerstagmorgen eine E-Mail geschrieben. „Ich bitte alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Vorsicht in ähnlichen Situationen, da offensichtlich die Eskalation der Aggressivität in dieser Ausprägung neu und nicht vorhersehbar ist.“

Dafür spricht auch, dass Feuerwehrsprecher Dirk Heppner am Donnerstagmorgen nach einer Kollision in Lembeck beklagte, dass viele Autofahrer an der Unfallstelle rücksichtslos und mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhren und die Einsatzkräfte gefährdeten. Beim Schützenfest in Wulfen fühlten sich Rettungssanitäter im vergangenen Jahr von einer Menschenmenge bedrängt, als sie Verletzten helfen wollten.

Die Stadt Dorsten hat am Mittwoch Strafanzeige gegen den Taxifahrer erstattet. Unterschrieben hat sie Bürgermeister Tobias Stockhoff. Rückendeckung von höchster Stelle für die Mitarbeiter, die anderen Menschen in Dorsten helfen wollen.

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Feuerwehrleute und Sanitäter sind angehalten, Beleidigungen und Bedrohungen konsequent anzuzeigen, aber vieles wird wohl auch erduldet. Strafanzeige, sagt Andreas Fischer, wird „etwa fünfmal im Jahr“ gestellt. Vielleicht macht es dem ein oder anderen auch zu viel Mühe, den mehrseitigen „Erfassungsbogen für Übergriffe“ auszufüllen.

„Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, Prioritäten festzulegen.“
Bürgermeister Tobias Stockhoff

Für den Bürgermeister ist das aggressive Verhalten gegenüber Rettungskräften „völlig inakzeptabel“, aber eben auch Ausbruch einer gesellschaftlichen Entwicklung. „Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, Prioritäten festzulegen“, glaubt Tobias Stockhoff, „und abzuwägen, was in diesem Moment wichtiger ist: die persönlichen Interessen oder die anderer Menschen.“ Blaulicht müsse immer die höchste Priorität haben, denn dann gehe es darum, Menschen in Not zu helfen.

Und manchmal auch darum, Leben zu retten. Um der Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr mehr Anerkennung zu geben, hat der Stadtrat im vergangenen Jahr eine einmalige Prämie im Ruhestand („Feuerwehr-Rente“) beschlossen. Das soll Dank und Motivation sein, doch die zunehmende Aggressivität kann auch zermürben. Andreas Fischer gibt zu: „Das sagt niemand offen, das ist eher eine Abstimmung mit den Füßen. Die Kollegen kommen dann einfach nicht mehr.“

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