Homeoffice und Schulkinderbetreuung: Das ist kein Spaß. In vielen Familien hat der Lockdown eine hochexplosive Stimmung bewirkt. © picture alliance/dpa
Coronavirus

„Es ist eine schreckliche Zeit“: Familien sind am Ende ihrer Kräfte

Der Lockdown treibt Familien in den Wahnsinn. Die hochexplosive Stimmung bekommen Therapeuten zu spüren. „Es ist eine schreckliche Zeit“, heißt es in der Dorstener Familienpraxis.

Natascha Schäfer ist Inhaberin und Leiterin der Familienpraxis in Dorsten. Seit dem zweiten Lockdown bekommen sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unmittelbar zu spüren, was in den Familien los ist.

„Unsere Fallzahlen sind regelrecht explodiert, wir sind mittlerweile die ganze Woche für unsere Klienten zu erreichen“, so Schäfer. Zurzeit laufen Stellenausschreibungen. „Wir brauchen weitere Therapeuten und Psychologen, die unser Team verstärken.“

Natascha Schäfer ist Inhaberin der Familienpraxis in Holsterhausen.
Natascha Schäfer ist Inhaberin der Familienpraxis in Holsterhausen. © privat © privat

Am Montagmorgen hatte Natascha Schäfer bereits um 8 Uhr einen Vater am Telefon – das Wochenende im Lockdown scheuert die Nerven der Beteiligten wund. Eltern, aber auch Kinder seien fix und fertig. „Die Familien sind total vergessen worden“, sagt Natascha Schäfer. Das zeige sich jetzt an der riesigen Nachfrage, mit der Jugendamt und Therapeutenpraxen überschwemmt werden.

Eheleute trennen sich, Kinder ziehen sich zurück

Sie spricht über Eheleute, die sich trennen. Kinder, die sich zurückziehen. Jugendliche, die ohne geregelten Schulalltag ganze Tage vor dem Fernseher verbringen oder im Internet surfen, weil sie sich nicht mit Gleichaltrigen treffen können.

Natascha Schäfer spricht von „Schulversagern“, die jetzt erst recht durchs Netz rutschen. Sie redet über Ängste, die von Eltern auf die Kinder übertragen werden. Und nicht zuletzt über Familien, die mit schulischen Aufgaben neben ihrer beruflichen Tätigkeit überfrachtet werden. „Wenn es wenigstens einheitliche Aufgabenstellungen gäbe. Aber jede Schule hat für jede Altersklasse eigene Anforderungen“, hat Schäfer von den Eltern erfahren.

Acht Stunden Homeoffice und Vollzeitbetreuung der Schulkinder

Heißt für Väter und Mütter, die acht Stunden im Homeoffice präsent und tätig sein sollen und „nebenbei“ noch zwei oder drei Schulkinder betreuen: „Eigene Arbeiten erledigen. Aufgabenstellungen für die Kinder herunterladen. Videokonferenzen mit Schulen begleiten, Rückmeldungen geben. Manche Kinder haben bis nachmittags mit ihren Aufgaben zu tun, andere nur ein paar Minuten“, so Schäfer. Väter, Mütter oder alleinerziehende Elternteile seien am Ende. Und auch Paare schenkten sich nichts: „Viele Eheleute oder Partner gehen zurzeit auseinander.“

Familienpraxis und Jugendamt versuchen, auf Nachfrage Konfliktlösungen aufzuzeigen. Doch längst nicht alle Familien suchen professionelle Hilfe aus dem Dilemma. Das fördert die explosive Stimmung hinter verschlossenen Türen noch. Die Familientherapeuten sind sich sicher, dass sie im Sommer, falls der Lockdown dann beendet ist, erst wirklich zu sehen bekommen, was sich in den Familien abgespielt hat.

Notbetreuung an der Schule nur in besonderen Fällen

In der Notbetreuung der Schulen werden nur Sonderfälle aufgenommen. Die Grüne Schule etwa hat zurzeit 35 von 281 Schulkindern im Haus. In vier Gruppen, so Schulleiterin Ulrike Goliath, werden die Kinder begleitet, die besser in der Schule als daheim aufgehoben sind, weil die Not zu Hause groß ist. Das kann verschiedene Gründe haben. Mutmaßliche Kindeswohlgefährdung ist das eine, aber auch fehlende Kompetenz von Eltern: „Es gibt ein paar wenige schwarze Schafe, die resistent sind gegen Angebote“, so Goliath.

Auch sie weiß um die besonderen Problemlagen in Familien, vor allem bei Alleinerziehenden. „Sie erleben jetzt noch mehr als vorher ihre Grenzen, große Frustration, Ohnmacht, aber auch Resignation“, hat die Schulleiterin in vertraulichen Gesprächen festgestellt. Die Alleinerziehenden wüssten natürlich, dass sie da durch müssen. „Aber einige Eltern haben mir anvertraut: Ich kann nicht mehr.“

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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