Ein historisches Gebetbuch aus dem Bestand des Jüdischen Museums ist wieder zurück in der Familie, der es gehört. Susanne Woodin aus Großbritannien freut sich über ein Stück Familiengeschichte. © Leonie Sauerland / Jüdisches Museum
Holocaust-Gedenktag

Erbin (90) erhält historisches Buch aus Bestand des Jüdischen Museums zurück

Susanne Woodin aus Großbritannien freut sich, ein historisches Familiendokument wieder in Händen halten zu können. Das Gebetbuch wurde im Bestand des Jüdischen Museums in Dorsten entdeckt.

Nach über 80 Jahren hat ein Gebetbuch den Weg aus Dorsten zurück zu der Familie gefunden, der es rechtmäßig gehört. Susanne Woodin (90) aus Großbritannien freut sich, das historische Familiendokument wieder in Händen halten zu können. Seit 1991 befand sich das Buch im Bestand des Jüdischen Museums.

Sebastian Braun hat es entdeckt und monatelang die Geschichte dahinter recherchiert. Braun ist Provenienzforscher. Er untersucht die Herkunft von Kulturgütern, sein Spezialgebiet ist NS-Raubgut. Objekte also, die ihren Eigentümern während der Verfolgung durch das NS-Regime entzogen wurden.

Gebetbuch für das Jahr 1851

„Ich bin im August auf das Buch gestoßen“, erzählt Sebastian Braun. Er recherchierte zunächst den Kontext, um das Buch zeitlich einordnen zu können. Es handelt sich um ein Gebetbuch für das Jahr 1851, das einem Hermann Schlome gehörte.

Sebastian Braun erforscht die Geschichte, die sich hinter den Sammlungsgegenständen des Jüdischen Museums Westfalen verbergen. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Schlome war Holzhändler und stammte aus einer kleinen Stadt in der ehemaligen preußischen Provinz Posen, wie Braun herausfand. Gemeinsam mit seiner Frau Auguste hatte Hermann Schlome vier Kinder, die Söhne Paul, Arthur und Julius sowie Tochter Clara.

Inniges Verhältnis zwischen Opa und Enkelin

Vermutlich direkt nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Kinder nach Berlin. Um 1933 herum zogen auch Hermann Schlome und seine Frau dorthin. Ein besonders inniges Verhältnis hatte Hermann Schlome zu seiner Enkelin Susanne Schlome (heute Woodin), der Tochter seines ersten Sohnes Paul.

Ein Foto zeigt die junge Susanne auf dem Schoß ihres Großvaters. Es entstand im Jahr 1939. Juden bekamen die repressiven Maßnahmen der Nationalsozialisten zu dieser Zeit schon immer stärker zu spüren. Nur durch einen Kindertransport nach Großbritannien entkam Susanne der Verfolgung durch die Nazis. Das Foto mit ihrem Opa entstand am Tag vor der Abfahrt: „Frau Woodin hat mir erzählt, dass es der letzte Tag war, an dem sie zusammen waren“, sagt Sebastian Braun.

Hermann und Auguste Schlome wurden am 1. September 1942 gemeinsam mit 100 Jüdinnen und Juden mit dem „54. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert. Zwei Wochen später starb Hermann Schlome an den Folgen des Transports, seine Frau Auguste starb im Oktober 1942. Viele weitere Familienangehörige verloren durch den Holocaust ihr Leben. Jedes Jahr am 27. Januar wird der Opfer des Holocaust gedacht.

Briefkontakt zur Mutter bricht 1942 ab

Susanne Schlome wurde von einer Familie in einem kleinen Dorf im Nordosten Englands aufgenommen. Bis 1942 hielt sie Briefkontakt zu ihrer Mutter, dann erloschen die Nachrichten. Ihre Eltern wurden 1942 nach Riga deportiert, wo heute Stolpersteine an sie erinnern.

Abgesehen von ein paar Fotos blieb Susanne Woodin nichts aus dem Familienbesitz. Umso bewegender sei es gewesen, als sie das Buch, das einst ihr Großvater hielt, nun selbst wieder in die Hand nehmen konnte, berichtet Sebastian Braun.

Über den Autor
Redakteur
Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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Robert Wojtasik

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