Provenienzforschung: So fand ein Gebetbuch den Weg zurück zur Besitzerin

Provenienzforscher Sebastian Braun bei der Übergabe von zwei Büchern an den Kulturdezernenten Marc Grünbaum
Provenienzforscher Sebastian Braun bei der Übergabe von zwei Büchern an den Kulturdezernenten Marc Grünbaum der Frankfurter jüdischen Gemeinde © Jüdisches Museum Westfalen
Lesezeit

Die Provenienzforschung in Museen gewann seit 1998 mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung an großer Bedeutung. Die Unterzeichnerstaaten, auch Deutschland, verpflichteten sich, während der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke, in ihren Beständen ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer zu suchen und gerechte Lösungen für den Umgang mit den Objekten zu finden.

Viele Kunstwerke lagern unerkannt in Archiven

Die den meist jüdischen Opfern zwischen 1933 und 1945 entzogenen und geraubten Kunstwerke gingen vielfach in den Besitz von öffentlichen und privaten Sammlungen über. In der Nachkriegszeit fanden nur unzureichende Rückgaben statt, sodass sich auch heute noch mehrere tausend Kunstwerke aus ursprünglich jüdischem Eigentum, oft unerkannt, in den Museen befinden.

Mit der Verpflichtung, diese ungeklärten Provenienzen aufzudecken, wurde die Erforschung der Geschichte und Herkunft eines Kunstwerks zum arbeitsintensiven zentralen Forschungsfeld der Museumsarbeit, denn alle Kunstwerke, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 angekauft oder übernommen wurden, können theoretisch aus Raubkunstbeständen stammen.

Das Titelbild der Broschüre © Jüdisches Museum Westfalen

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, eine Stiftung des Bundes, fördert diese Untersuchungen finanziell und berät mit ihrem Fachpersonal die beteiligten Museen. Auch das Jüdische Museum Westfalen profitierte von dem Förderprogramm und konnte ein 18-monatiges Forschungsprojekt mit einem eigens angestellten Wissenschaftler durchführen. Mithilfe der Unterstützung der Sparkasse Vest Recklinghausen können Ergebnisse nun in einer 60-seitigen Broschüre einer interessierten Öffentlichkeit und Fachkolleginnen und -kollegen präsentiert werden.

Forschung steht vor besonderen Herausforderungen

Wie anhand von Beispielen gezeigt wird, steht die Forschung im Bereich der Judaica und Alltagsgegenstände vor besonderen Herausforderungen. Ritualgegenstände aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, Kerzenleuchter, Besamindosen, aber auch Medaillons sind Massenware. Wenn sie nicht aus Edelmetall sind, haben sie keine Punze, keine Marke des Herstellers, oft tragen sie keine Inschriften. Wem also könnten sie gehört haben? Selbst bei Gegenständen mit Inschriften aber ohne gesicherten Herkunftsort ist es schwer, Besitzerinnen und Besitzer zu identifizieren.

Jüdisches Gebetbuch ging nach England

Dennoch gelang es, diese im Falle einiger Bücher anhand von Inschriften, Notizen, Exlibris und Stempeln zu identifizieren. Neben Restitutionen an die jüdischen Gemeinden in Frankfurt und München konnte ein jüdisches Gebetbuch nach England vermittelt werden.

Susanne Schlome mit ihrem Großvater Hermann Schlome am 3.7.1939
Susanne Schlome mit ihrem Großvater Hermann Schlome am 3.7.1939, einen Tag vor ihrer Abreise mit einem Kindertransport nach England © Jüdisches Museum Westfalen

Die Empfängerin ist die Enkelin des ehemaligen Besitzers. Einen Tag vor ihrer Abreise mit einem Kindertransport im Juli 1939 hatte sie sich von ihrem Großvater verabschiedet, ein Abschied für immer. Ihr Großvater wurde später deportiert und ermordet. Umso größer war die Freude, als die über 90-Jährige im Oktober 2020 das Gebetbuch in den Händen halten konnte.

Susanne Schlome mit dem Gebetbuch ihrers Großvaters nach der Übergabe
Susanne Schlome mit dem Gebetbuch ihrers Großvaters nach der Übergabe © Jüdisches Museum Westfalen

Einiges konnte ermittelt werden, zu manchen Exponaten gibt es neue Erkenntnisse. „Wenn wir uns in diesem Projekt leider von etwas verabschieden mussten, so war es die Idee, dass alle Fälle aufgeklärt werden würden“, wird Dr. Kathrin Pieren, die Museumsleiterin, in einer Pressemitteilung zitiert.

„Viele Fragen bleiben auch nach Abschluss offen. Anhand einer lückenlosen Dokumentation der Recherchen in der Sammlungsdatenbank und dem transparenten Umgang mit offenen Fragen sowie mit der Pflege der Netzwerke hoffen wir aber, in Zukunft weitere Fälle zu lösen und Objekte ihren rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzer zurückgeben zu können, das sind wir ihnen schuldig.“

Die Broschüre kann ab Montag, 25. Juli, für 6 Euro beim Jüdischen Museum Westfalen erworben werden (postalische Versendung zuzüglich Porto).