Ein Besuch in der geheimen „Schatzkammer“ der Stadt Dorsten

dzFundbüro

Manchmal werden Menschen zu Verlierern. Fahrrad, Regenschirm oder Brille - einfach futsch! Die letzte Hoffnung könnte das Fundbüro sein. Ein Besuch in Dorstens geheimer „Schatzkammer“.

Dorsten

, 01.04.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ordentlich aufgereiht hängen die etwa ein Dutzend Bademäntel an einer Kleiderstange. Große und kleine, altmodisch gestreifte und schneeweiße. Irgendjemand hat sie im Freizeitbad Atlantis vergessen. Wer, das wird Birgit Küpers wohl nie erfahren.

„Das muss doch auffallen, wenn man zu Hause die Tasche auspackt“, sagt die Frau, die seit 2011 für das Fundbüro der Stadt Dorsten zuständig ist. „Aber niemand hat sich die Mühe gemacht, hier mal nachzufragen.“ Weil man den Glauben an ehrliche Finder verloren hat? Weil man das „gute“ Stück ohnehin loswerden wollte? Weil man zu bequem ist? Birgit Küpers zuckt mit den Achseln. Sie weiß es nicht.

„Manchmal ist der Job echt ekelhaft.“
Birgit Küpers

Eigentlich ist Birgit Küpers für Gewerbeanmeldungen zuständig. Die Fundsachen, die bei ihr abgeben werden und die sie katalogisieren muss, sollen zehn Prozent der Arbeitszeit ausmachen. So steht es in der Stellenbeschreibung. „Das klingt interessant“, dachte sich die langjährige Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Inzwischen hat sie ihre Meinung geändert. „Das ist eine Menge Arbeit“, sagt sie. „Und manchmal ist der Job echt ekelhaft.“

Kleidungsstücke will niemand haben

Damit meint sie nicht die Fahrräder, die drei Räume im Rathaus-Keller füllen. Auch nicht die Uhren und Schmuckstücke, die sie in einem Safe aufbewahrt. Sondern verdreckte Kleidungsstücke, gebrauchte Unterwäsche und einiges mehr, über das sie nicht so gerne reden mag. Der Besitzer wird sich niemals melden, weiß sie, und ein neuer niemals gefunden werden.

Manfred Hürland schenkt den Kleidungsstücken, die im Untergeschoss des Rathauses aufbewahrt werden, wenig Aufmerksamkeit. Er versteigert am nächsten Freitag (5. April) auf dem Marktplatz in der Altstadt zwar Fundsachen, aber Kleidung kommt nicht unter dem Hammer. „Die will ohnehin keiner haben“, weiß Birgit Küpers aus Erfahrung. „Was hier nicht abgeholt wird, kommt eines Tages in den Müll.“

Ein Besuch in der geheimen „Schatzkammer“ der Stadt Dorsten

Was nicht dem Besitzer übergeben oder versteigert werden kann, wird ausgesondert und landet meistens im Müll. © Stefan Diebäcker

„Ausgesondert“, steht auf einem Schild, das an einem Einkaufswagen klebt. Dort wird eines Tages auch die Allwetter-Jacke der Marke Helly Hansen landen, die jetzt noch auf einem Bügel neben den Bademänteln hängt. Sie gehörte augenscheinlich einem Kind und ist nahezu neuwertig.

Die meisten Fahrräder sind noch fahrtüchtig

Oldtimer-Liebhaber Hürland schaut sich trotzdem lieber die Fahrräder an und ist beeindruckt. „Die meisten sind fahrtüchtig, einige müssten ein wenig repariert werden“, sagt er mit fachmännischem Blick. Die Räder wird er wohl problemlos für kleines Geld unters Volk bringen. Lautsprecher, Schwimmflossen, Schmuck und ein Navigationsgerät stehen auch auf seiner Auktionsliste. Und ein Rollator. Manfred Hürland rätselt: „Was ist wohl mit dem Besitzer passiert?“

Ein Besuch in der geheimen „Schatzkammer“ der Stadt Dorsten

Manfred Hürland sichtet, was er am Freitag versteigern soll. Ein elektrisches Hoverboard kommt auch unter den Hammer. © Stefan Diebäcker

Wenn sie sprechen könnten, würden manche Fundsachen bestimmt tolle Geschichten erzählen. Birgit Küpers weiß aber auch die ein oder andere Anekdote zu berichten. Von einem Koffer beispielsweise, auf dem der Name einer Verstorbenen stand. Das hat Birgit Küpers im Internet recherchiert und schließlich den Enkel ausfindig gemacht. In der Schweiz. „Er hat sich unheimlich gefreut, dass er den Koffer bekommt.“

Einmal pro Woche fährt die Nordwestbahn vor

Rund 850 Fundsachen werden pro Jahr im Rathaus abgegeben. Einmal wöchentlich bringt die Nordwestbahn vorbei, was in den Waggons des RB 43 vergessen wurde. Schlüssel und Brillen werden an der Information aufbewahrt, alles andere landet zunächst auf dem Tisch von Birgit Küpers. Auch Handys, die allerdings nicht auf dem Dorstener Marktplatz, sondern bei einer Online-Auktion versteigert werden, wenn sich der Eigentümer nicht meldet. „Aber vorher werden von einer Spezialfirma alle Daten gelöscht.“

Ein Besuch in der geheimen „Schatzkammer“ der Stadt Dorsten

Wertvollere Fundsachen wie diese Unterwasserkamera bewahrt Birgit Küpers in einem Safe auf. © Stefan Diebäcker

Birgit Küpers nimmt ihren Job ernst - und mit der Buchführung sehr genau. Ehrlichen Findern rät sie, „möglichst zeitnah“ vorbeizukommen. Denn manchmal fragt ja doch jemand nach, meist in den ersten Tagen nach dem Verlust. Und wenn sich der Besitzer bedanken möchte, vielleicht auch mit einem Finderlohn? „Die Daten des Finders gebe ich nicht heraus, aber wenn ein Kontakt gewünscht wird, finden wir eine Möglichkeit.“

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