Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

dzSiechenkapelle

Den Namen kennt fast jeder, den Standort fast niemand: Wir haben das versteckteste Schmuckstück von Dorsten besucht. Und trafen auf einen Mann, der sich liebevoll um das Bauwerk kümmert.

Dorsten

, 19.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Von außen weiß getüncht steht das kleine Gebäude, an dessen Nordwand eine mannshohe Christusfigur hängt, im Wohngebiet Dorsten-Südwest, dicht umlagert von Ein- und Mehrfamilienhäusern und Garagen. Ein Metallzaun fasst das Grundstück an zwei Seiten ein, der Rest ist zu den Nachbarn hin mit hohen Hecken eingefriedet. Keine Frage: Dieses Bauwerk am Birkhahnweg ist sicherlich das versteckteste Kleinod der Stadt.

„Pfleger“ seit 40 Jahren

„Gerade deswegen habe ich vor vielen Jahren vier kleine Hinweisschilder zur Siechenkapelle an den Straßenlaternen anbringen lassen“, sagt Johannes Klapheck. Ein unbekanntes Geheimnis sind diese Kapelle und deren Geschichte dennoch für viele Dorstener bis heute geblieben. Der 83-jährige Johannes Klapheck, ein Feldmärker Ur-Gestein, kennt das Gebäude, das der nahe gelegenen Straße „An der Seikenkapelle“ seinen Namen gab, aber wie kein Zweiter.

Seit mehr als 40 Jahren pflegt er das Bauwerk, das der katholischen St.-Agatha-Gemeinde gehört, drinnen wie draußen und das alles ehrenamtlich im Auftrag der Kirchengemeinde von St. Agatha. „Ich kümmere mich darum, als wäre es Familieneigentum“, betont der Rentner, der früher als Polier bei der Baufirma Greiling tätig war.

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

Johannes Klapheck (rechts) übergibt seine ehrenamtliche Tätigkeit zum 1. Mai offiziell an seinen Sohn Ludger, der ihm schon seit Jahren bei der Pflege des Gebäudes hilft. © Michael Klein

Der Name der Kapelle weist auf die Historie dieses Ortes hin. Als „Siechen“ wurden früher die Kranken, die Aussätzigen bezeichnet, „Seiken“ ist die plattdeutsche Variante dieses Wortes. Auf vier handschriftlich und eng beschriebenen DIN-A-4-Seiten hat Johannes Klapheck die Geschichte des Ortes niedergeschrieben, die weit zurückreicht in dunkle Zeiten, in denen todbringende Epidemien wie Pest und Lepra, gegen die es keinerlei Heilmittel gab, über die Menschen hereinbrachen.

Kranke wurden isoliert

Im Mittelalter stand hier - weit vor den Stadtmauern Dorstens - ein Siechenhaus samt kleinem Hospital, dessen zeitliche Ursprünge im Dunkeln liegen. Bis ins 17. Jahrhunderte wurden hier die Aussätzigen der Stadt gepflegt. Die Erkrankten sind damals von der Bevölkerung wegen der hohen Ansteckungsgefahr räumlich isoliert worden.

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

Dieses Foto zeigt die Original-Kapelle, die 1945 zerstört worden war. © Michael Klein

Sie waren ganz auf sich allein gestellt, hatten aber bis zu ihrem qualvollen Tod ein geregeltes Leben. Sie durften nämlich umliegende Felder bewirtschaften, die Kirche gab Spenden, es wurde ein Armenfonds eingerichtet, Bürger legten Naturalien als Almosen für sie ab. „Wahrscheinlich am Bildstock, der neben der jetzigen St.-Ursula-Realschule steht“, schreibt Britta Lange, die die Vergangenheit des Ortes im Jahr 2014 für einen mehrseitigen Artikel im Pfarrbrief von St. Agatha recherchiert hat.

Im Siechenhaus wohnten die Aussätzigen. Und in der dazu gehörigen Kapelle nebenan beteten sie. Sie stammt ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert, gehörte bis 1583 zu Kirchhellen, dann wurde sie der Dorstener Kirchengemeinde übereignet. In der Kapelle stand einst eine barocke Pieta sowie eine Madonna aus Sandstein, die heute beide in der St.-Agatha-Kirche am Mark zu bewundern sind.

Beim Bombenangriff 1945 zerstört

Das Original-Gebäude der Kapelle wurde 1945 beim Bombenangriff zerstört. Die jetzige Kapelle ist also ein Neubau. Sehr alt ist allerdings die kleine Glocke neben dem Gebäude, sie stammt aus dem Jahr 1673, zierte früher das Haupt der Original-Kapelle, steht heute auf der Denkmalschutzliste der Stadt. „Dass die neue Kapelle 1962 an gleicher Stelle errichtet wurde, ist einem Gelübde von Heinrich Krietemeyer zu verdanken“, erzählt Johannes Klapheck.

Viele freiwillige Helfer

Krietemeyer, dessen Familie noch heute in der Nähe beheimatet ist, hatte während des Zweiten Weltkrieges geschworen, sich für den Bau einer Kapelle einzusetzen, sollte er gesund nach Hause kommen. Er nahm die Finanzierung in die Hand, engagierte Dorstener Bürger und viele freiwillige Helfer machten den Wiederaufbau mit eigenen Kräften möglich. „Der Architekt Zschoch zeichnete die Pläne, der Holzhändler Albert Böhmer besorgte die Bohlen für das Dach, meine Verwandten Wilhelm und Johann Klapheck sorgten für den Transport und die Bauaufsicht“, so Johannes Klapheck.

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

Das Innere der Kapelle, in der am 1. Mai um 7 Uhr eine Heilige Messe gefeiert wird. © Michael Klein

Ungefähr 70 Quadratmeter ist die Kapelle groß. Sie hatte mal eine Empore, diese gibt es heute nicht mehr. Die Jesusfigur außen hatte früher mal auf dem St.-Agatha-Friedhof ihren Platz, der Altar und die Kirchenbänke stammen aus der Kapelle des alten Krankenhauses an der Gahlener Straße, die vor rund 30 Jahren abgerissen worden war. Die Dorstener Künstlerin und Ordensfrau Schwester Paula (Tisa von der Schulenburg) schuf an der Giebelseite das sehenswerte Bleiglasfenster zur Schöpfung. Und auch die Beton-Reliefs an den Wänden, darunter zwei der beiden Schutzpatrone der Kapelle, Philippus und Jakobus.

Früher allein auf weiter Flur

Als die Kapelle 1962 gebaut wurde, gab es das jetzige Wohngebiet noch nicht. Es wurde erst in den 1970er-Jahren errichtet. „Und so stand die Kapelle ganz allein auf weiter Flur, nur einen Steinwurf entfernt vom Kinder- und Altenheim St.-Anna-Stift“, schreibt Britta Lange in ihrem Pfarrbrief-Artikel. Aber ein Bauernhof existierte nebenan, und zwar der von Bauer Börmann. „Der war mein Patenonkel, auf dem Hof habe ich schon als Kind gespielt“, sagt Johannes Klapheck, dessen Familie einen Hof an der Straße „Auf dem Beerenkamp“ bewirtschaftet und in dem er heute noch lebt.

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

Die Reliefs der Apostel Philippus und Jakobus hat die Dorstener Künstlerin Tisa von der Schulenburg geschaffen. © Michael Klein

Familie Börmann, deren Bauernhof später abbrennen sollte, kümmerte sich jahrelang um die kleine neuen Kapelle, zog aber 1977 nach Montabaur. „Weil ich erster Hof-Nachbar war, war klar, dass ich mit meiner Ehefrau Agnes die Nachfolge übernehme“, erzählt Johannes Klapheck. „Lange diskutiert wurde damals nicht, es wurde einfach gemacht“, sagt der 83-Jährige, der zeit seines Lebens gemeinnützig aktiv gewesen ist: bei den Schützen, im Kirchenvorstand, in der Kolpingfamilie, im Pfarrgemeinderat, im Tennisverein, in der Schießgruppe.

Einmal im Monat Messen

Ulrich Franke, Pfarrer von St. Agatha, ist froh über das jahrzehntelange Engagement von Johannes Kapheck. „Ohne seine Unterstützung wäre ein Gemeindeleben hier nicht möglich.“ Denn die Gläubigen nutzen die Kapelle regelmäßig. Von Mai bis Oktober findet hier jeden ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr die Werktagsmessen der Gemeinde statt, 25 bis 30 Besucher versammeln sich dann regelmäßig im Gebäude. Und seit jeher wird am 1. Mai (der früher der Tag der Apostel Philippus und Jakobus gewesen ist) morgens um 7 Uhr die Heilige Messe in der „Siechenkapelle“ gefeiert.

Ein Besuch im verstecktesten Schmuckstück von Dorsten

Vier kleine Schilder an Straßenlaternen weisen im Wohngebiet auf das Schmuckstück hin. © Michael Klein

Und dann wird Johannes Klapheck wieder die Hostien besorgt, den Blumenschmuck drapiert, die Fenster geputzt, den Boden gewischt, die Grünlagen geharkt, die Gehwegfliesen mit einem Sandstrahler gereinigt und eine Menge mehr gemacht haben, damit die kleine Kapelle wie ein Schmuckstück aussieht. Sohn Ludger Klapheck (55) unterstützt ihn dabei seit Jahren - und er wird am 1. Mai offiziell das Ehrenamt von seinem Vater übernehmen, der aus Altersgründen kürzer treten will. Lange diskutiert wurde übrigens über die familieninterne Nachfolgeregelung nicht. „Bei uns wird einfach gemacht“, sagt Ludger Klapheck.

Lesen Sie jetzt