Dr. Max Rohde: Ein Dorstener Junge in den Wirren von zwei Weltkriegen

dzElternhaus am Marktplatz

Max Rohde hat seine Kindheit in Dorsten verbracht. Obwohl er schon als junger Mann fortzog, füllen seine Erinnerungen ein ganzes Buch. Das hat er vor seinem Tod auf Band gesprochen.

Dorsten

, 28.06.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Max Rohde 1904 als Sohn des Kupferschmiedemeisters Ludwig Rohde und seiner Frau Katharina geboren wurde, war Dorsten noch eine Kleinstadt mit 8000 Einwohnern, aber einem Lehrerseminar, einem Gymnasium und einem Amtsgericht. Sein Elternhaus stand am Marktplatz, direkt gegenüber vom Rathaus. Auch wenn Max Rohde seine Heimatstadt Dorsten schon vor 1933 verlassen hat - in seinen Lebenserinnerungen, die er wenige Jahre vor seinem Tod 1976 auf Band gesprochen und die seine Enkelin Alexandra jetzt aufgeschrieben hat, spielt die Lippestadt eine große Rolle.

Der junge Max spielte in der Musikkapelle des Petrinums

Max Rohde hatte drei Brüder und eine Schwester, und die Jungs besuchten in Dorsten das Petrinum. Max trat der schulischen Musikkapelle bei: „Wir waren damals im Krieg die einzige Kapelle, die einzigen Leute, die noch Musik machen konnten, bei Prozessionen und nachher im Krieg bei den Siegmeldungen“, erinnerte er sich als älterer Herr.

Kupferschmiede Rohde am Markt

Das Elternhaus (rechts) von Max Rohde stand ganz in der Nähe des Rathauses. © Archiv Günter Grau

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges zog 1918 die Spanische Grippe übers Land, an der Rohdes Vater und die Mutter erkrankten. Während der Vater überlebte, erlag die Mutter einer Herzschwäche. Max Rohde: „Das war natürlich ein großes Unglück, denn die Mutter war die Seele, der Motor des Hauses.“ Unter ihrem Tod litt besonders die zwölfjährige Schwester Ulla.

In der Untersekunda war erstmal Schluss mit Schule

Als Max Rohde in der Untersekunda (heute 8. Klasse) war, warb ein Offizier der Reichswehr im Turnsaal der Schule mit einer zündenden Ansprache für Mitstreiter im Kampf gegen die Spartakisten. Viele Schüler meldeten sich, unter ihnen auch Max Rohde. Einen einzigen Lohn bekam er beim Panzerzug, dann hatten die Spartakisten Dorsten erreicht, und die Helfer der Reichswehr wären in ihrer Heimatstadt womöglich in Gefahr geraten. Mit seinen 20 Mark in der Tasche folgte Max Rohde deshalb auf einer abenteuerlichen Reise Freunden nach Münster.

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Dort studierte damals sein älterer Bruder Wilhelm und tat Dienst in einer akademischen Wehr. Dorthin wollte der 16-jährige Max auch. Ein bisschen geschwindelt beim Alter, und schon war er Mitglied beim Freikorps Lichtschlag, das im Februar mit brutaler Waffengewalt die Spartakus-Unruhen in Dorsten, Holsterhausen und Hervest niederschlug, während der junge Soldat Max als Funker in der Kaserne blieb.

Das Handwerk erfüllte den ehemaligen Gymnasiasten nicht

Als Max nach Hause kam, ging er zunächst ins elterliche Geschäft, das sich inzwischen von der Kupferschmiede zu einer Klempnerei weiterentwickelt hatte, wie sein Onkel Heinrich auch eine führte. Gemeinsam brachten sie neue Rinnen am Schloss Lembeck an, während sein Bruder Wilhelm in den Semesterferien mit dem Altwarenhändler Leink unterwegs war.

Als die Inflation am höchsten war, trat Max die Nachfolge seines Bruders beim Altwarenhändler an, aber so richtig Spaß hatte er am Handwerk nicht. Auch eine Stippvisite auf Leopold unter Tage machte ihn nicht glücklich, und nach fünf schulfreien Jahren wuchs bei ihm die Erkenntnis: „Am besten fängst du da wieder an, wo du aufgehört hast.“

Nach fünf Jahren Pause ging es wieder auf die Schulbank

Als Gastschüler trat er erneut in die Untersekunda ein und drückte inmitten der deutlich jüngeren Mitschüler wieder die Schulbank - wohlwollend unterstützt zum Beispiel von Studienrat Knocher (Latein und Griechisch), aber auch skeptisch beäugt von Lehrern wie Professor Haberland.

Max Rohde in seinen Erinnerungen: Als ich damals wieder zur Schule ging nach den fünf Jahren, da hat das in der Kleinstadt Dorsten ziemliche Wellen geschlagen.“ Der Architekten-Sohn Otto Hofstetter sei in einer ähnlichen Lage gewesen, wollte nach einer kaufmännischen Lehre doch noch Architektur studieren: „Wir beide waren ein schönes Gespann.“

Beide schafften das Abitur, und Max Rohde bewarb sich als Militärarzt, um die Kosten des Studiums zu sparen. Doch sein Bruder Wilhelm war 1928 Chefarzt der Inneren Abteilung am Krankenhaus in Osterfeld geworden, unterstützte den kleinen Bruder und bewahrte ihn so davor, 1939 als Militärarzt in den Krieg ziehen zu müssen.

Nach dem Studium ging es an eine psychiatrische Klinik

Rohde studierte zunächst in Freiburg, dann zwei Semester in Bonn und dann eins in Wien. Das Physikum legte er in Münster ab, famuliert wurde bei Bruder Wilhelm in Osterfeld, weiterstudiert in Düsseldorf. Nach einem kurzen Abstecher in die Anstalt Hadamar legte er sein Staatsexamen ab und ging danach als Medizinalpraktikant nach Osterfeld ans Krankenhaus. Nebenbei promovierte er und ergatterte sofort eine Stelle an einer psychiatrischen Klinik in Düsseldorf.

Beim gleichen Professor promovierte auch die Medizinstudentin Hilde, die Max schließlich - so würde man es heute wohl nennen - seinem Freund Heinz ausspannte und um deren Hand er schließlich in ihrem Düsseldorfer Elternhaus anhielt.

Dr. Max und Dr. Hilde Rohde im Pass von 1953

Dr. Max und Dr. Hilde Rohde im Pass von 1953 © privat Familie Rohde

Man heiratete 1938 und zog in eine Dienstwohnung nahe der Anstalt Langenfeld. Tochter Hilde kam 1939, die Söhne Max, Hans, Reiner und Klaus zwischen 1941 und 1946 zur Welt. 1943 wurde Dr. Max Rohde nach Lemberg in Polen abkommandiert, in eine Anstalt für deutsche Geisteskranke.

Nach dem Krieg wurde Anklage gegen den Mediziner erhoben

Diese Tätigkeit brachte den Facharzt für Neurologie nach dem Krieg ins Gefängnis. Sein Sohn Hans, heute 78 Jahre alt und in Köln lebend, erinnert sich: „Das war eine harte Zeit. Meine Mutter, die wegen der Kinder ihren Beruf aufgegeben hatte, musste sehen, wie sie mit fünf Kindern und der Anklage gegen meinen Vater zurechtkam. Mein Vater wurde dann freigesprochen.“

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er seit den 1950er-Jahren im Landeskrankenhaus in Langenfeld, dort baute die Familie ein Haus. Hilde Rohde hat ihren Mann Max, der 1976 an Lungenkrebs starb, um etliche Jahre überlebt. An seinen 1970 diktierten Erinnerungen hat sie aktiv mitgewirkt: Sie ließ es sich nicht nehmen, die Geschichte ihres Kennenlernens und der „Brautschau“ aus ihrer Sicht zu erzählen.

Über die Zeit des Nationalsozialismus wurde wenig gesprochen

Die Kinder der beiden erinnern sich bis heute daran, wie der Vater am Mittagstisch über seine Schulzeit erzählte, mit welchen Besonderheiten er als fünf Jahre älterer Schüler, der über die anderen körperlich herausragte, zu kämpfen hatte und wie er sich mit Nachhilfestunden für die jüngeren Schüler das vergessene Wissen wieder angeeignet hat.

Über die Zeit des Nationalsozialismus sei dagegen zu Hause wenig geredet worden, sagt sein Sohn Hans, der die erst gesprochenen und dann aufgeschriebenen Kindheitserinnerungen seines Vaters dem Dorstener Stadtarchiv hat zukommen lassen. Sie können auf Anfrage dort eingesehen werden.

Nach Auskunft von Hans Rohde leben heute noch Verwandte der Familie in Dorsten. Menschen wie die Lehrer Tölpel, Rumpaul, Knocher, Pfeil, Prof. Myssen und Prof. Haberland, der Chirurg Dr. Timpus, Mitschüler wie Georg Hortmann, Jüppken Hungerschulte und Otto Hofstetter werden wohl nicht nur in den Familienerinnerungen der Rohdes eine Rolle spielen, da ist Hans Rohde ganz sicher.

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