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Dorstens Bürgermeister über ehrliche Worte, pauschale Kritik und einen neuen Stadt-Slogan

dzTobias Stockhoff

In Dorsten ist nichts los? Bürgermeister Tobias Stockhoff sieht das beim Blick in den Terminkalender anders. Im Interview sagt der 37-Jährige auch, warum er sich als „Stadtvater“ versteht.

Dorsten

, 02.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Herr Stockhoff, haben Sie eine Ahnung, wie viele öffentliche Termine Sie 2018 bei Vereinen und Veranstaltungen in Dorsten absolviert haben?

Ich schätze es waren 1200 Termine, wenn man alles zusammenzählt: Theaterstücke, Konzerte, Schützen- und Heimatfeste, KiTa- und Schulbesuche, Vereinsjubiläen, Geburtstage und Ehejubiläen, Bürgermeister-Sprechstunden bei meinen „Vor-Ort-Terminen“, Stadtteilkonferenzen sowie Trauungen. Also durchschnittlich 25 Termine pro Woche. Da sind Termine und Besprechungen im Rathaus oder mit anderen Behörden noch gar nicht mitgezählt. Wer also sagt „In Dorsten ist ja nichts los!“, dem erlaube ich gerne mal einen Blick in meinen Terminkalender. Unsere Stadt überrascht immer wieder, wie vielfältig und aktiv die Menschen hier sind. Darauf können wir stolz sein.


Und wie viele haben Sie Ihren beiden Stellvertretern überlassen?

Christel Briefs hat als erste stellvertretende Bürgermeisterin sicherlich mehrere hundert Termine im Jahr. Sie übernimmt gerade als Urlaubs- und Abwesenheitsvertretung und bei zeitlich parallel stattfindenden Veranstaltungen die meisten repräsentativen Termine für mich. Ohne ihr Engagement und das unseres zweiten stellvertretenden Bürgermeister Jan Kolloczek wären die vielen Besuche zu Altersjubiläen gar nicht zu schaffen. Daneben ist Christel Briefs auch noch als ehrenamtliche Standesbeamtin unterwegs und dürfte auch dort die Hitliste anführen. Natürlich gibt es auch zahlreiche Termine, bei denen wir zu zweit oder zu dritt sind. Neben den beiden stellvertretenden Bürgermeistern übernimmt auch unser Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst immer wieder Termine und springt dankenswerterweise ein.

Ganz ehrlich: Wie oft denken Sie schon an die Kommunalwahl und Ihre neuerliche Kandidatur?

Natürlich denkt man ab und an das Jahr 2020. Aber das ist kein Gefühl der Angst. Man blickt vielmehr mit Respekt auf das anstehende Wählervotum der Bürgerinnen und Bürger. Ich versuche mein Amt so engagiert, gewissenhaft und gerecht wie möglich zu erfüllen. In der Bürgerkommunikation versuche ich, offen und ehrlich zu sein. Manchmal bin ich dabei auch sehr direkt. Ich halte das für wichtig. Einige Politiker versprechen mir an zu vielen Stellen, dass Politik die Probleme allein durch Regeln von oben lösen kann. Politik kann aus meiner festen Überzeugung aber Herausforderungen nur gemeinsam mit dem Engagement der Menschen lösen. Als Bürgermeister ist man quasi „Stadtvater“ wie in einer Familie: Man muss versuchen, die Bedürfnisse der Familienmitglieder zu erkennen, zu bewerten und dann die Mittel so gerecht wie möglich zu verteilen. Nicht immer ganz einfach…

Dorstens Bürgermeister über ehrliche Worte, pauschale Kritik und einen neuen Stadt-Slogan

Beim Lichterfest im November appellierte Tobias Stockhoff an die Dorstener, sich für Menschenwürde, Toleranz und Demokratie einzusetzen. © Anke Klapsing-Reich

2020 zieht wahrscheinlich die AfD in den Stadtrat ein. Wird das „Regieren“ in Dorsten schwieriger?

Wir sind kein Kaninchen, das vom Schock gelähmt auf irgendeine extrem giftige Schlange starren sollte. Wir haben es als Stadtrat selbst in der Hand, durch unser Engagement die Menschen zu überzeugen, damit wir auch nach 2020 einen Stadtrat haben, in dem die Menschen über Parteigrenzen hinweg für die Bürgerinnen und Bürger in Dorsten wirken: zu den Menschen gehen, Politik erklären, Ideen aufnehmen, für den Zusammenhalt unserer Stadtgesellschaft werben, sich unangenehmen Fragen stellen und am Ende Kompromisse und Lösungsansätze entwickeln und umsetzen – das ist unsere Aufgabe.

In Dorsten lohnt sich ehrenamtliche Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird reichlich Geld verteilt für Projekte in den Stadtteilen. Bedarf es tatsächlich eines finanziellen Ansporns, um mehr Menschen für die Entwicklung ihrer Stadt zu begeistern?

Wir sollten es als eine Form der Wertschätzung der Stadtgemeinschaft und als politisches Statement für die Zukunft sehen. Wenn Menschen ihre Talente und Fähigkeiten unentgeltlich und uneigennützig in einem nicht unerheblichen Umfang einsetzen, dann ist ein kleiner Zuschuss der Stadt ein klares Bekenntnis zu diesem notwendigen Engagement für eine Stadtgesellschaft, die von den Bürgerinnen und Bürger getragen wird. Wir machen damit deutlich: Wir werden dieses Engagement niemals mit hauptamtlichen Kräften stemmen können. Wir werden es auch nicht mit Geld bezahlen können. Die Stadt ist nicht die Verwaltung und der Stadtrat – die Stadt, das sind wir alle, 76.000 Menschen, die in unserer Stadt leben. Ich will mir eine Stadt ohne Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement nicht vorstellen. Und ich bin dankbar, dass viele 1000 Menschen in Dorsten das ähnlich sehen und an einer echten Bürgergesellschaft mitwirken.


Die neue Stadtagentur sucht noch einen griffigen Slogan. Wie wär’s mit „Dorsten – die Bürger-Stadt“?

Klingt schon sehr gut. Vielfältiges Bürgerengagement – das vereint alle elf Stadtteile, alle Quartiere und alle Aktiven in unserer Stadt. Dieses Engagement macht die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, macht damit unsere Stadt im besten Sinne als Kommune aus. Wer aber Engagement fördern will, kann das nur mit Bürgerbeteiligung in Kombination tun. Und deshalb werden wir gemeinsam mit den Menschen in Dorsten in verschiedenen Veranstaltung in 2019 gemeinsam unser Marketingkonzept entwickeln. Dazu sind natürlich auch Sie und die Dorstener Zeitung herzlich eingeladen. Machen Sie mit, Herr Diebäcker?

Dorstens Bürgermeister über ehrliche Worte, pauschale Kritik und einen neuen Stadt-Slogan

Paul Michael, Bürgermeister von Antrim and Newtownabbey, begrüßte Bürgermeister Tobias Stockhoff und die Dorstener Gruppe in der nordirischen Partnerstadt. Die Radtour dorthin war für Stockhoff aber ein privates Vergnügen.

Da sind wir gerne dabei. Anderes Thema: Der Personalrat hat kürzlich scharfe Kritik geübt an der Personalpolitik im Rathaus. Wie sehr hat sie das geärgert?

Ich fand sowohl in Teilen die Darstellung in der Zeitung als auch die ursprüngliche Stellungnahme unglücklich, weil sie nicht differenziert genug waren. Genauso wie mich Pauschalkritik der Bürger ärgert: „Im Öffentlichen Dienst sind alle faul.“ Die Wahrheit ist niemals pauschal. Als Stadtrat und als Bürgermeister müssen wir die berechtigten Interessen des Personals, aber auch die berechtigten Anliegen der Bürgerschaft, maßvoll mit deren Geld umzugehen, unter einen Hut bekommen. Beispielsweise haben wir zahlreiche Abteilungen, da gehen die engagierten Kolleginnen und Kollegen aufgrund von unbesetzten Stellen und Erkrankungen auf dem Zahnfleisch. An anderen Stellen werden wir von Menschen aus der Privatwirtschaft beneidet. Wer nicht differenziert genug eine Situation betrachtet, der wird sie aus meiner Sicht nicht verändern können. Ich bin aber als Bürgermeister angetreten, um Dinge zu verbessern. Da bin ich mir sicher, dass das der Personalrat auch will, aber genau wie ein Bürgermeister bestimmten Zwängen unterliegt.

Das Rathaus soll in den nächsten Jahren für etwa 40 Millionen Euro saniert werden und einen Anbau bekommen. Wie stemmen Sie eigentlich dieses Projekt personell?

In der nun angestrebten Variante sind die Kosten für zusätzliches Personal im Vergleich zur Mietvariante eingerechnet. Dafür sind zwei Stellen im Stellenplan 2019 vorgesehen. Am Ende werden wir durch die Maßnahme Mittel einsparen. Die Erklärung dafür ist einfach. Jeder, der irgendwann ein Haus gebaut hat, hat sich die Frage gestellt: „Will ich weiter mit der Miete auch zusätzlich Rendite an den Vermieter zahlen, die ich mir bei einem Eigenheim sparen kann?“


Der schönste Moment im letzten Jahr war…

Privat: Ein toller Tagesausflug mit meiner Freundin und ihrem Patenkind zum Eisenbahnmuseum nach Bochum-Dahlhausen. Männer bleiben halt in allen Altersstufen bei Eisenbahn doch irgendwie Kinder. Und als Bürgermeister: die schnelle Rückmeldung während meines Herbsturlaubs in Rom, dass beim Großfeuer in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Wulfen alle Mitarbeiter und Beschäftigten wohlauf sind.

Was wünschen Sie sich für 2019?

Als Bürgermeister wünsche ich mir, dass viele Menschen unter dem Motto „Dorsten steht für Menschenwürde, Demokratie und Respekt“ an einem besseren Miteinander engagiert mitwirken. Als Mensch wünsche ich uns allen Gottes Segen für unser gemeinsames und vielfältiges Wirken in unserer Stadt und für unsere Stadt.

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