Wer in Deutschland aus der Kirche austreten will, muss das beim örtlichen Amtsgericht zu Protokoll geben. © picture alliance / dpa
Kirchenaustritte

Dorstener Gemeindepfarrer blickt zornig und sorgenvoll nach Köln

Im Erzbistum Köln tobt eine Glaubwürdigkeitskrise und treibt Katholiken in Rekordzahl aus der Kirche. In Dorsten bleiben sie noch, aber Pfarrer Stephan Rüdiger sorgt sich trotzdem.

Der Blick vieler katholischer Gemeindepfarrer geht in diesen Tagen sorgenvoll in Richtung Köln. Das Krisenmanagement Kardinal Woelkis und sein stures Beharren auf Geheimhaltung einer Missbrauchs-Studie treibt die Katholiken in der Domstadt förmlich in Scharen zum Kirchenaustritt. Dort sind monatlich etwa 1.000 Austrittstermine online buchbar, bis Ende April sind bereits alle vergeben. Böse Zungen behaupten schon, die Corona-Impfung sei in Köln schneller zu bekommen als der Kirchenaustritt.

Während das größte deutsche Bistum eine beispiellose Vertrauenskrise erschüttert, verzeichnet das Dorstener Amtsgericht in diesen Wochen keine Auffälligkeiten in Sachen Kirchenaustritte. 2020 hätten 363 Menschen ihren Austritt aus der Kirche zu Protokoll gegeben, erklärte Amtsgerichtsdirektor Dr. Stephan-Robert Hillebrand auf Anfrage, 215 aus der römisch-katholischen und 148 aus der evangelischen Kirche. Allein im Dezember seien es 55 gewesen, 40 Katholiken und 15 Protestanten.

Die Kirchensteuer ist ein häufiger Austrittsgrund

Warum Menschen sich zu diesem Schritt entschließen, verraten sie beim Amtsgericht meist nicht. Vielfach seien es sicher fiskalische Beweggründe, vermutet Hillebrand. Das erkläre womöglich auch eine gewisse Häufung vor dem Beginn eines neuen Jahres. 2019 haben übrigens 422 Christen (259 katholische/ 163 evangelische) beim Amtsgericht ihren Kirchenaustritt erklärt, im Jahr zuvor waren es 285 (164/121).

Dass die Dorstener ihrer Kirche derzeit offenbar nicht verstärkt den Rücken kehren, kann Dr. Stephan Rüdiger von St. Agatha nur bedingt beruhigen. Ihn ärgern die Vorgänge rund um Kardinal Rainer Maria Woelki und die damit einhergehende Glaubwürdigkeitskrise der Kirche maßlos. „Wie sollen wir vor Ort eine Institution vertreten, die das, was sie predigt, selbst nicht umsetzt?“, fragt er kritisch.

Gemeindepfarrer hat Verständnis für den Kölner Unmut

„Ich kann verstehen“, fügt er hinzu, „dass die Kölner langsam die Nase voll haben von ihrer Kirche.“ Und er fürchtet, dass dieser Verdruss irgendwann auch da ankommt, wo Gemeindepfarrer an der Basis nicht müde werden, kritischen Gläubigen zu erklären, dass die Amtskirche die eine Seite der Medaille sei und die Botschaft des Glaubens die andere. Irgendwann könne man vor Ort den Vertrauensverlust nicht mehr wettmachen und sei die geleistete Arbeit auch noch so gut und engagiert.

Dr. Stephan Rüdiger von St. Agatha ärgert sich über Kardinal Woelki. © Bistum Münster © Bistum Münster

In St. Agatha bekommt übrigens jeder, der beim Amtsgericht seinen Kirchenaustritt erklärt hat, einen Brief vom Pfarrer. Mit einem Gesprächsangebot. Darin schreibt Stephan Rüdiger, dass er den Schritt respektiert. Und weiter: „Gleichzeitig macht mich – als Vertreter der Gemeinde hier vor Ort – dieser Schritt auch nachdenklich: Was kann der Grund sein, dass der Glaube oder die Glaubensgemeinschaft für Sie nicht mehr ansprechend ist? Gibt es einen konkreten Anlass aus unserem Gemeindeleben hier in St. Agatha?“

Wird der Papst den umstrittenen Kardinal zurückpfeifen?

Per frankiertem Rückumschlag können die Adressaten auf seinen Wunsch nach einem persönlichen Gespräch eingehen oder ihn ablehnen, und zumindest in Multiple-Choice-Kurzform angeben, woran es im Verhältnis zur Kirche gehakt hat: an der Gemeinde vor Ort, der Kirchenleitung, der Kirchensteuer oder sonstigen Gründen.

Schließlich versichert Pfarrer Rüdiger den Scheidenden, dass „die Gemeinschaft der Kirche jederzeit für Sie offen bleibt; dass Sie keine verschlossenen Türen finden würden, wenn Sie wieder ein neues Verhältnis zum christlichen Glauben und seiner Gemeinschaft gewinnen sollten.“

Er sei sich aber bewusst, räumt er im Gespräch mit der Dorstener Zeitung bedauernd ein, dass Vorgänge, wie die in Köln, diesen Weg sehr schwer machen. Seine Hoffnung ruht auf einem Machtwort aus Rom.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Geboren und geblieben im Pott, seit 1982 in verschiedenen Redaktionen des Medienhauses Lensing tätig. Interessiert an Menschen und allem, was sie anstellen, denken und sagen.
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Petra Berkenbusch

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