Dorstener Schüler in der Gedenkstätte Bergen-Belsen: Am Ende kichert niemand mehr

dzGedenkstätte Bergen-Belsen

Oberstufenschüler des Gymnasium St. Ursula haben die Gedenkstätte Bergen-Belsen besucht. Die hautnahe Begegnung mit der deutschen Vergangenheit lässt niemanden kalt.

von Stefanie Witte

Dorsten

, 27.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Johlen der Jugendlichen hallt von Betonwänden wider. Die Sonne scheint auf das ehemalige Lagergelände wenige Meter entfernt. Mehr als 50 000 Menschen liegen dort begraben. Darunter Anne Frank und ihre Schwester Margot, die bei ihrem Tod nur wenig jünger waren als diese Schüler.

„Eine Gedenkstätte ist ein Ort des Nachdenkens“

„Ich muss mal eben eine Ansage machen“, sagt Lehrer Henner Maas den Jugendlichen, als sich die Gruppe einige Meter weiter gesammelt hat. „Eine Gedenkstätte ist ein Ort des Nachdenkens und der Trauer. Kein Ort, wo man so grölend herzieht“, mahnt er. Die Schüler sehen betreten zu Boden. Einige überspielen die Ansage mit einem Grinsen.

Zwei Tage verbringen die Oberstufenschüler des St.-Ursula-Gymnasiums in der niedersächsischen Gedenkstätte Bergen-Belsen, die rund 250.000 Besucher pro Jahr zählt. Die Teilnahme ist freiwillig. Die Erwartungen der 17- bis 18-Jährigen ähneln sich: „Nähere Einblicke in die damalige Zeit“, „berührende Erlebnisse“, es solle „nicht so theoretisch sein wie im Unterricht“.

Dorstener Schüler in der Gedenkstätte Bergen-Belsen: Am Ende kichert niemand mehr

Seit 2013 besucht eine Gruppe des St.-Ursula-Gymnasiums jedes Jahr die Gedenkstätte Bergen-Belsen. © Stefanie Witte

„Bereits seit 2013 fahre ich mit meinen Schülern aus der Q1 und weiteren Interessierten und Schülern aus dem Geschichte-Leistungskurs in die Gedenkstätte Bergen-Belsen“, berichtet Religionslehrer Henner Maas. Die Idee sei von Schülern im Unterricht gekommen, als sie sich mit dem Thema Theologie nach Auschwitz beschäftigten: „Können wir nicht auch mal in ein KZ fahren?“

2013 war es eine zunächst eintägige Fahrt, seit 2014 fahren die Dorstener zwei Tage und übernachten im Anne-Frank-Jugendgästehaus des CVJM in Oldau. „Für die beiden Studientage stellt uns die Gedenkstätte zwei Guides für jeweils zwei Tage zur Verfügung, so dass wir aus den 40 Schülern, die mitfahren, zwei 20er-Gruppen bilden können, die dann von je einem pädagogischen Mitarbeiter der Gedenkstätte begleitet werden“, berichtet Maas.

Ich hoffe, dass die Schüler die richtigen Lehren aus dem Besuch ziehen.“
Henner Maas, Lehrer

David Reinicke, ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, der eine Gruppe an diesem Tag führt, hatte die Schüler zu Beginn vor emotionaler Überlastung gewarnt und ihnen geraten, gut auf sich zu achten. Aber in den nächsten Stunden fließt keine Träne. Henner Maas hatte zuvor den Wunsch vieler Pädagogen formuliert: „Ich hoffe, dass der Besuch hier nachhaltig ist, dass er ein bisschen auf eure Einstellungen wirkt, und dass ihr die richtigen Lehren daraus zieht.“

Am Vormittag passiert die Gruppe eine Mauer inmitten der weiten Heidelandschaft. Einige Mädchen machen Witze darüber, dass ein Mitschüler in kurzer Hose friert. Zwei Jungs unterhalten sich über Spiderman. Nur wenige nehmen die großen Lettern auf einer der Mauern wahr: „Hier ruhen 2500 Tote.“ Der Name von Anne Frank fällt nur in Nebensätzen. Die Verladerampe sehen die Jugendlichen erst am nächsten Tag.

Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte

Gegen Mittag sitzen die Schüler in einem Stuhlkreis. Während Reinicke die Geschichte des Lagers nacherzählt, fallen einem Mädchen immer wieder die Augen zu. Die Jugendlichen sind schon viereinhalb Stunden Bus hierher gefahren. Einigen knurrt der Magen. Vorne referiert der Historiker, dass die Wehrmacht in Bergen-Belsen zuerst Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien untergebracht hatte. Dann kamen Gefangene aus der Sowjetunion.

Im April 1943 übernahm die SS einen Teil des Geländes und sperrte dort jüdische Häftlinge ein. Am Ende wurden Tausende Gefangene aus den frontnahen Konzentrationslagern hierhergebracht.

„Das ist eine andere Form von Mord. Das ist Mord durch Vernachlässigen.“
David Reinicke, Historiker

Das Lager versank in Chaos und Tod. Bis zur Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945 starben in Bergen-Belsen von rund 120000 Häftlingen mehr als 52000 Männer, Frauen und Kinder aus fast allen Ländern Europas. Vor allem an Hunger und Krankheiten. „Das ist eine andere Form von Mord. Das ist Mord durch Vernachlässigen“, sagt der Historiker.

Die Bilder die britische Militärfotografen und Kameraleute nach der Befreiung in Bergen-Belsen aufgenommen haben, Bilder von Leichenbergen und Massengräbern, prägen heute das Bild von den Konzentrationslagern.

Mit iPads über das Gelände der Gedenkstätte

In der Mittagspause diskutieren Schülerinnen über Abiballkleider. Es gibt Brote und Salate. Eine halbe Stunde später führt der Seminarleiter die Gruppe zum ehemaligen Lagergelände. Windböen fegen über die Heidelandschaft.

Auf den ersten Blick lässt nichts erahnen, was hier vor mehr als 70 Jahren passiert ist. Der Historiker verteilt iPads. Auch Simon, Lukas und Moritz bekommen eins. Simon hält es hoch, schwenkt es über die Landschaft. Die Kamera nimmt das Bild auf und fügt das 3-D-Modell eines Gebäudes in die Aufnahme ein. „Ach, sehr cool“, sagt Simon.

Dorstener Schüler in der Gedenkstätte Bergen-Belsen: Am Ende kichert niemand mehr

Mit einem iPad erkunden Simon, Lukas und Moritz das Gelände. © Stefanie Witte

„Ihr sollt drei bis fünf Dokumente bookmarken und hinterher in der Gruppe erklären, was zu sehen ist, warum ihr es ausgewählt habt und welche Bedeutung das für Bergen-Belsen hat“, weist der Seminarleiter an. Einige Minuten später ziehen Simon, Lukas und Moritz los. Simon navigiert über die Karte auf dem iPad. „Ich glaube, hier kommt jetzt ‚ne Küche“, sagt er und hält das iPad auf Kopfhöhe. Der Weg führt in den Wald. Hölzer knacken unter den Füßen der Schüler. Die drei stapfen durch hohes Gras und Disteln.

Holocaust-Überlebende kommt in den Unterricht

An einem Feld öffnet Simon einen Erklärtext. „Wie die Heringe aneinandergepackt, so stopfte man in jede Baracke sieben bis achthundert Mann hinein“, liest er. „Alter…“, schiebt er entgeistert hinterher. „Das ist schon ‚ne Menge“, sagt Moritz.

Lehrer Henner Maas und seine Kollegin Heike Terlau kreuzen den Weg der Jungs. „Habt ihr die Entlausungsanlage gesehen?“, fragt der Pädagoge. Die drei folgen ihm, treffen auf einer Lichtung im Wald auf das Fundament eines Gebäudes, auf Backsteinmauern und Holzbohlen.

In Dorsten sei einmal im Jahr eine Holocaust-Überlebende zu Gast, erzählt Moritz später. „Das ist krass, das ist aus erster Hand. Sonst liest man sowas nur in Geschichtsbüchern.“ Simon ergänzt: „Wir sind die letzte Generation, die das noch miterleben kann.“

„Manchmal ist das ein bisschen viel...“

Der Schüler erinnert sich an einen Besuch am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Ist Erinnerung wichtig für ihn? „Ja, das ist schließlich ein Teil der deutschen Geschichte“, sagt Simon. Im Unterricht werde viel dazu gemacht. „In Deutsch, Reli, Geschi…“ Moritz meint: „Im Unterricht ist das manchmal ein bisschen viel.“ Lukas findet: „Du kennst es ja irgendwann.“

Dorstener Schüler in der Gedenkstätte Bergen-Belsen: Am Ende kichert niemand mehr

Die Gedenkstätte stellt den Besuchern aus Dorsten Guides zur Verfügung, die den Schülern Erläuterungen geben. © Stefanie Witte

15.35 Uhr. Die Gruppe sitzt wieder im Seminarraum. Engagiert tragen die Schüler Texte vor, ordnen Fotos ein. Der Ton ist sachlich. Vermutlich würde es sich nicht anders anhören, ginge es hier um Physikreferate. Ein Schüler spricht über Kinder, die Typhus hatten. Das Wort „Typhus“ spricht er ungelenk aus, kann es offenbar nicht ganz einordnen. Schon auf dem Gelände hatten Simon, Lukas und Moritz gerätselt, was denn die „Ruhr“ sein könnte.

Am Nachmittag erkunden die Schüler das Dokumentationszentrum von Bergen- Belsen. Einen Betonkasten, dessen nackte Wände den Fokus zulassen auf die zahlreichen Originaldokumente, den Besitz von Häftlingen und Filme mit Schilderungen von Überlebenden. Reinicke warnt vor schockierenden Aufnahmen, die im schwarz verhüllten Filmturm gezeigt werden.

Schockierende Aufnahmen lassen niemanden kalt

Wenige Minuten später sitzen alle Schüler aus Dorsten dort und sehen, wie SS-Männer ausgemergelte Leichen in Massengräber werfen. „Egal was ich sage, die meisten gehen da rein“, sagt Reinicke. Die Jugendlichen verharren minutenlang vor den Filmaufnahmen. Simon verlässt den dunklen Raum als Dritter. Kurz danach steht ein blondes Mädchen im weißen Top auf, zwei Freundinnen folgen ihr.

Das Mädchen schluchzt. Zwei Freundinnen tätscheln ihm den Rücken. Niemand kichert mehr.

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