Jürgen Tenvorde (v.l.), Monir Ghorbani, Huda Ekbal und Susanne Huld treffen sich regelmäßig im privaten Kreis zu Andachten, bei denen aus Bahá‘u‘lláhs Schriften vorgelesen wird. Nach dem Austausch über das Gelesene pflegen die Gemeindemitglieder ihre Freundschaft bei Essen und alkoholfreien Getränken. © Petra Berkenbusch
Religion ohne Missionare

Die Suche nach Sinn führte Christen und Moslems zu den Dorstener Bahai

Acht Millionen Menschen folgen weltweit den Glaubensgrundsätzen von Bahá‘u‘lláh, 6.000 davon in Deutschland. In Dorsten gibt es vier Bahai. Ein Besuch in der vierköpfigen Gemeinde.

Jürgen war katholisch, ist irgendwann ausgetreten. Monir ist im Iran von konservativ muslimischen Eltern erzogen worden. Susanne war evangelisch, engagierte sich im Bibelkreis, haderte aber mit der Institution Kirche. Huda indes gehört schon seit ihrer Geburt im Irak einer Glaubensgemeinschaft an, die die anderen erst für sich entdecken mussten. Gemeinsam bilden die vier Männer und Frauen die Dorstener Bahai-Gemeinde.

Eine Religion ohne Klerus, die die Einheit der Erde und aller Menschen trotz aller Vielfalt anerkennt, die nicht missioniert, wenig Rituale hat, nicht der Vernunft und der Wissenschaft widerspricht, von demokratisch gewählten Räten geführt wird und sich nicht über andere Religionen erhebt, die daran glaubt, dass Gott seine Propheten in die jeweilige Zeit schickt – weltweit bekennen sich rund acht Millionen Menschen zu dieser anerkannten Weltreligion.

Das Bahaitum ist die jüngste der Weltreligionen

Der persische Religionsstifter Bahá‘u‘lláh lebte von 1817 bis 1892. Er hatte den Anspruch, Gottesbote für die heutige Zeit zu sein, wie vor ihm zu ihren Zeiten schon Buddha, Christus oder Muhammad. Alle Boten Gottes, davon geht seine Lehre aus, hätten jeweils den Bedürfnissen und Problemen ihrer Zeit entsprechend gelehrt. Daher gebe es in den Religionen unterschiedliche soziale Lehren, zum Beispiel zur Stellung der Frau oder zur Gesellschaftsordnung.

Die Bahai glauben, dass nach dem von ihnen verehrten Bahá‘u‘lláh irgendwann weitere Gottesboten erscheinen werden.

„Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.“

Bahá‘u‘lláh

Bahá‘u‘lláh hat, wie seine Anhänger, vom Weltfrieden geträumt, gerade sie haben aber oftmals leidvoll erfahren müssen, dass die Welt von Frieden und Toleranz noch weit entfernt ist. Die Dorstenerin Huda Ekbal zum Beispiel, Tochter eines Irakers und einer Deutschen, deren Familie bereits in fünfter Generation Bahai waren, ist 1979 nach dem Regimewechsel im Irak nach Deutschland gekommen. „Die Bahai waren plötzlich keine geduldete Minderheit mehr“, berichtet die Biochemikerin, „im Irak wurden Bahai fortan verfolgt.“ Ihre Eltern brachten die Tochter bei einer in Deutschland lebenden Bahai-Familie in Sicherheit. Nach Stationen in Berlin, Bayern und Bochum wurden Huda Ekbal und ihr aus dem Libanon stammender Ehemann schließlich in Dorsten heimisch.

Muslimische Eltern akzeptierten den „andersgläubigen“ Sohn nicht

Monir, der gerade am Paul-Spiegel-Berufskolleg sein Fachabitur mit einer Durchschnittsnote von 2,5 gemacht hat, war im Iran von seiner streng-religiösen Familie als Moslem erzogen worden. Durch einen Freund lernte er das Bahaitum kennen, nahm heimlich an Treffen teil und entschloss sich schließlich zur Flucht aus dem Heimatland, wo Bahai zum Beispiel nicht studieren dürfen und die Familie den Religionswechsel des Sohnes nicht akzeptierte. Von Passau aus kam er noch Dortmund, von dort aus nach Dorsten. Bahai sorgten für den Kontakt zur kleinen Dorstener Gruppe.

Bahai-Tempel Hofheim/Taunus
Das Haus der Andacht in Hofheim im Taunus: Es hat neun Eingänge, die symbolisch als eine Einladung an alle Menschen jedweder Glaubensrichtung betrachtet werden. © Nationaler Geistiger Rat der Bahai © Nationaler Geistiger Rat der Bahai

Der gehört Susanne Huld schon länger an. Auf der Suche nach einer religiösen Heimat, die die christliche Kirche ihr irgendwann nicht mehr bieten konnte, stieß die einstige Protestantin im Internet auf Informationen über die Bahai. Sie erinnert sich: „Die selbstständige Suche der Gläubigen nach Wahrheit, die Einheit der Menschheit, das Fehlen von Hierarchien – das alles hat mich angesprochen.“ Susanne Huld ist inzwischen überzeugte Bahai.

Die Katholische Kirche war irgendwann keine Heimat mehr

Erst seit März gehört Jürgen Tenvorde zu der Gruppe, nimmt an den regelmäßig stattfindenden Andachten im privaten Kreis teil, bei denen zunächst Texte vorgelesen werden, bevor sich die Gläubigen beraten. Im letzten Teil der Andacht wird gegessen, getrunken und die Freundschaft miteinander gepflegt. Tenvorde ist erst seit März Bahai, die Lehren Bahá‘u‘lláhs füllen seither die Leere, die er nach seinem Ausscheiden aus der Katholischen Kirche empfunden hat. „Mir hat nicht die Institution gefehlt, sondern der Glaube“, sagt Tenvorde, „das weiß ich jetzt.“

Die Andacht zur Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft sei ein sehr ergreifender Moment gewesen.

„Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger.“

BAHÁ‘U‘LLÁH

Wie alle Bahai trägt Tenvorde stolz den neunzackigen Stern, das Symbol der Bahai, in dem die Neun als höchste einstellige Zahl für Vollkommenheit und Einheit steht. Die sieben „Häuser der Andacht“ auf der ganzen Welt – das einzige in Europa steht in Hofheim-Langenhain bei Frankfurt am Main – haben neun Türen und eine große Kuppel in der Mitte.

Geistige Räte werden demokratisch gewählt

Selbstverständlich bleiben die vier Dorstener Bahai nicht nur für sich. Sie pflegen Kontakte zu Gemeinden in Essen, Kleve, Wesel, Münster und Recklinghausen. Sobald eine Gemeinde neun Mitglieder hat, bildet sie einen Geistigen Rat. Delegierte wählen bei einer jährlichen Tagung die Geistigen Räte auf nationaler Ebene. Der internationale Rat, das „Universale Haus der Gerechtigkeit“ in Haifa, geht auf eine Idee Bahá‘u‘lláhs für die Nachfolge des Gottesboten zurück.

Wer die Dorstener Bahai und ihre Religion näher kennenlernen will, kann unter bahai.dorsten@gmx.de per E-Mail Kontakt aufnehmen. Susanne Huld lädt ihre Kollegen von der Dorstener Stadtverwaltung übrigens einmal im Monat zu einer Kollegenandacht ein. Demnächst soll das Baumhaus wieder regelmäßig zu einem Ort der Stille und Nachdenklichkeit werden.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Geboren und geblieben im Pott, seit 1982 in verschiedenen Redaktionen des Medienhauses Lensing tätig. Interessiert an Menschen und allem, was sie anstellen, denken und sagen.
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Petra Berkenbusch

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