„Die neue Freiheit als Chance begreifen“

dzEheberaterin im Interview

Das Kind geht aus dem Haus. Auch für die Eltern ändert sich einiges. Nicht alle können damit umgehen, weiß Beate Borgmann, Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung Dorsten.

Dorsten

, 20.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Frau Borgmann, was geht in Eltern vor, wenn das Kind aus dem Haus geht?

Das sind in der Regel unangenehme Gefühle. Traurigkeit, Einsamkeit, Leere, vielleicht auch das Gefühl, überflüssig zu sein und sich zu fragen: Wofür bin ich eigentlich noch gut? Was mache ich noch aus, wenn ich nicht mehr als Mutter oder Vater so sehr gefragt bin?

Das klingt nicht besonders angenehm...

Ist es auch nicht. Das kann schlimmstenfalls sogar depressive Züge annehmen. Da ist ja etwas im Umbruch und betrifft die Eltern auch persönlich sehr. Nicht jeder kommt damit auf Anhieb klar.

Obwohl der Zeitpunkt, wann das Kind aus dem Haus geht, selten überraschend kommt.

Das ändert nichts an den Gefühlen. Vor allem dann, wenn das Kind tatsächlich nicht mehr am Frühstückstisch sitzt und das Kinderzimmer leer ist. Dann wird das, was man eigentlich wusste, noch mal real und kann diese Gefühle verstärken. Diesen Gefühlen muss man sich stellen. Das ist ja eine Übergangsphase und solche Phasen sind immer krisenanfällig, weil Veränderungen anstehen. Aber das kann man auch als Chance begreifen.

Gehen Väter und Mütter eigentlich unterschiedlich mit dieser Situation um?

Ich glaube, dass Mütter häufig näher an ihren Kindern dran sind und sich eher den unangenehmen Gefühlen stellen. Väter tun sich schwerer, diese Gefühle zu zeigen und auszusprechen. Wenn aber eine enge Beziehung zwischen Vater und zum Beispiel der Tochter da war, leiden Väter auch darunter, wenn das Kind aus dem Haus geht.

Wie weit sollten sich Eltern in das neue Leben ihres Kindes noch einmischen?

Es ist immer gut, in Kontakt zu bleiben. Das funktioniert dank der Neuen Medien wie WhatsApp sicherlich leichter als früher. Aber man muss Kinder auch loslassen. Das kann man ja auch gemeinsam mit dem Kind entwickeln. Wieviel Nähe ist gut und wieviel Abstand ist nötig? Braucht es jeden Abend das Telefonat oder reicht es vielleicht auch einmal pro Woche?

Das ist aber ein schmaler Grat zwischen Interesse und Neugier.

Ja. Zu viel besorgte Nähe kann ja auch als Kontrolle erlebt werden. Dann kann ein Kind nicht ins eigene Leben kommen und erwachsen werden. Das Alter der Kinder macht die Ablösung vom Elternhaus manchmal allerdings schwieriger. Sie sind vielleicht noch nicht mal volljährig, wenn sie ins Studium starten, und dürfen manche Entscheidungen noch nicht alleine treffen, brauchen Unterschriften und Vollmachten.

Was macht diese Phase mit der Beziehung zwischen Vater und Mutter?

Aus der Familie fällt der Blick wieder mehr auf das Paar. Was über viele Jahre vielleicht nicht so im Vordergrund war, steht jetzt wieder ganz obenan. Da kommen solche Fragen wie: Wie stehen wir als Paar da? Was macht uns aus? Welche Gemeinsamkeiten sind da, was tut uns alleine aber auch gut? Neue Kontakte, neue Hobbys, alten Interessen wieder nachgehen - es geht nicht mehr nur um die Fürsorge für die Familie und das Paar, sondern auch um die eigene Fürsorge.

Ein Neuanfang vielleicht?

Der Auszug des Kindes kann ein guter Zeitpunkt sein, um auf das Erreichte zu schauen und sich klarzumachen, was man alles geschafft hat. Um neu auszuhandeln, wie Aufgaben anders verteilt werden, und um neue Gemeinsamkeiten zu entdecken und die Freiheit zu genießen, die mit dem Auszug der Kinder einhergeht. Das ist eine echte Chance!

Kommen solche Paare eigentlich öfter zu Ihnen, um professionelle Hilfe zu bekommen?

Wir haben natürlich Paare aller Altergruppen und Lebensphasen in unserer Beratungsstelle, aber tatsächlich geht es sehr häufig um die Zeit, wenn sich Kinder ablösen. Das ist immer auch belastend für die Paarbeziehung. Dann suchen Menschen Begleitung, weil sie sich neu orientieren wollen in ihrer Beziehung oder auch für sich persönlich.

Was bedeutet dann „Begleitung“?

Wir verstehen das als Prozess. Wir haben keine fertigen Ratschläge, wenn Menschen zu uns kommen, sondern wir möchten die Ratsuchenden dabei unterstützen, die für sie guten Wege zu finden, ihre eigenen Stärken zu entdecken und einzubringen. Das ist in der Regel nicht mit einem Gespräch getan. Da tut es gut, sich Zeit zu nehmen.

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