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Die Dorstenerin Logopädin Anika Klapsing gibt Tipps für eine gesunde Stimme

dzTag der Stimme

Logopädin Anika Klapsing erklärt, welches Problem sie bei immer mehr Kindern feststellt, warum die beste Zahnspange wirkungslos sein kann und was jeder tun kann, um seine Stimme zu pflegen.

Dorsten

, 16.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Vor genau 20 Jahren wurde der 16. April zum „Tag der Stimme“ ernannt. Er soll auf die enorme Bedeutung der Stimme in unserem alltäglichen Leben aufmerksam machen. Anika Klapsing berichtet aus ihrer Praxis.

Behandeln Sie überwiegend Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in Ihrer Praxis?

Alle drei Altersgruppen sind stark vertreten und es werden immer mehr junge und alte Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen.


Wie erklären Sie sich das?

Vor 15 bis 20 Jahren kamen die Kinder oft erst im Grundschulalter. Dann ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen, die Behandlung dauert viel länger. Heute kommen die Kinder viel früher. Es gibt neue Erkenntnisse, dass es ganz wichtig ist, schon im frühen Alter mit der Sprachförderung zu beginnen. Wenn ein Kind mit zwei Jahren noch keine 50 Wörter spricht, sollten Eltern den Kinderarzt oder Hals-Nasen-Ohrenarzt darauf ansprechen. Der macht dann einfache Sprachtests und kann die Entwicklung des Kindes auch einordnen. Natürlich kann es sein, dass das Kind viel krank war, viele Mittelohrentzündungen hatte und deswegen nicht oder schlecht spricht. Das findet man aber dann heraus. War das Kind immer kerngesund und spricht dennoch schlecht, ist ein Besuch beim Logopäden sinnvoll.

Haben sich die Sprachfehler bei Kindern erhöht? Man könnte denken: Die Kinder heute kommunizieren über WhatsApp, sitzen viel an Tablet oder Computer, gebrauchen ihre Sprache nicht mehr und deswegen werden Sprachfehler schlimmer.

Es sind nicht unbedingt Aussprachefehler, die mir vermehrt auffallen, sondern dass die Kinder einen eingeschränkten Wortschatz haben und sich so die Grammatik auch nicht richtig entwickeln kann. Sie wissen oft gar nicht mehr um die Wirkmacht von Sprache, sprich: Wenn ich etwas sage, dann passiert das auch oder eben nicht. Ich kann etwas erreichen mit Sprache. Deswegen ist es ganz wichtig, dass Kinder äußern müssen, was sie wollen, auch wenn Eltern oft wissen, was das Kind möchte. Wichtig ist es auch, den Kindern immer zu erzählen, was man sieht, mit ihnen etwas zu unternehmen, neue Eindrücke und somit neue Wörter zu schaffen. Und nein, das kostet kein Geld. Diese Ausrede zählt bei mir nicht.

Warum kommen Jugendliche in Ihre Praxis?

Jugendliche werden zu uns überwiesen, weil wir mittlerweile eng mit Kieferorthopäden zusammenarbeiten. Bei vielen geht es darum, richtig schlucken zu lernen. Wenn sie beim Schlucken nämlich immer ihre Zunge gegen die Zähne drücken, dann hat die beste Zahnspange keine Chance. Auch nach einer Behandlung können sich so die Zähne wieder verschieben. Denn man muss wissen: Die Zunge kann am Tag vier Tonnen Gewicht bewegen.

Sie zählen auch viele Erwachsene zu Ihren Patienten.

Ja. Zum einen nehmen viele Menschen Sprachfehler heute nicht mehr so hin wie früher und wollen daran arbeiten. Zum anderen haben auch viele Ärzte auf dem Schirm, dass wir nach Schlaganfällen und Unfällen mit Schädel-Hirn-Trauma helfen können. Wir gehen auch oft in Altenheime zur Behandlung. Dort versuchen wir, mit den Menschen dagegen anzuarbeiten, dass sie ihren Speichel oder Essen verlieren. Natürlich gibt es auch Grenzen. Bei Parkinson zum Beispiel ist nicht immer eine Verbesserung das Ziel, manchmal ist es auch nur möglich, den Ist-Zustand zu erhalten.

Und dann behandeln wir natürlich viele Menschen in den klassischen Sprechberufen. Gerade Lehrer und Erzieher, die in ihrem Beruf viel und laut sprechen müssen, haben oft Probleme mit der Stimme. Und sie kommen auch erst, wenn diese gravierend geworden sind. Bis dahin versuchen sie, sie mit Menthol- und Pfefferminzbonbons zu bekämpfen und das ist genau das Falsche.

Warum?

Diese Bonbons sind viel zu scharf und sie trocknen im Nachhinein die Schleimhäute aus. Auch Flüstern ist ganz schlecht, weil dann die Stimmbänder zu sehr angespannt werden und dies die Stimme schädigen kann. Viele räuspern sich auch oft. Der Effekt ist genau der gleiche wie beim Flüstern. Die Stimmbänder werden gereizt.

Was schadet der Stimme noch?

Atmen durch den Mund, denn dabei kommt die kalte Luft direkt ungefiltert zum Kehlkopf. Wird durch die Nase geatmet, wird die Luft vorher befeuchtet, gereinigt und erwärmt. Rauchen und Alkohol reizt die Schleimhäute, auch übermäßiger Koffeingenuss ist schädlich.

Und positiv gesprochen: Was kann ich tun für eine gute Stimmhygiene?Die Stimmbänder müssen feucht gehalten werden. Ganz wichtig ist es, genug zu trinken. Am besten milde Tees aus Salbei oder Fenchel sowie stilles Wasser. Auch Salbei-Bonbons oder Emser-Pastillen helfen. Salzwasser kann man inhalieren und mit einer Schale mit Wasser auf der Heizung für ein gutes Raum- und Stimmklima sorgen. Wenn der Raum allerdings sehr groß ist, reicht das nicht. Dann sollte man einen Luftbefeuchter an den Arbeitsplatz, ans Lehrerpult stellen, also dorthin, wo man viel telefoniert oder spricht. Aufrecht sitzen ist ebenfalls wichtig, damit das Zwerchfell nicht eingeklemmt wird. Deswegen sollte man auch auf bequeme Kleidung achten, also keine engen Rollis oder Kleider tragen.

Wenn das alles nichts hilft, kommen die Menschen zu Ihnen zur Stimmtherapie. Was machen Sie dabei?

Bevor wir überhaupt mit dem Training der Stimme anfangen, geht es um die Körperwahrnehmung und die Atmung. Davon hängt auch ab, wie lange die Therapie dauert. Wenn Patienten Probleme haben, ihre Atmung zu fühlen, dann dauert es länger, als wenn ich ihnen in ein paar Sitzungen Übungen zeige und sie sie zu Hause selbstständig umsetzen.

Nicht jede Beschwerde ist ja gleich ein Fall für den Arzt oder Logopäden. Wann sollte man sich Sorgen machen?

Wenn Heiserkeit mehr als drei Wochen anhält, sollte man auf jeden Fall zum HNO-Arzt gehen. Man sollte diese Probleme nicht zu lange schieben.

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