Am 17. August 2001 wurde die Kohleförderung in Dorsten eingestellt. Unser Autor erinnert sich an den Tag, an dem das letzte Kapitel der Bergbau-Geschichte in Dorsten geschrieben wurde.

Dorsten

, 18.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Bing. Bing. Bing. Die kleine Glocke mahnt zur Ruhe. Ich stehe mit Angehörigen, Schaulustigen und Journalisten-Kollegen einige Meter von dem gelben Eisengitter entfernt und warte mit wachsender Ungeduld darauf, dass der Förderkorb die letzte Schicht auf Fürst Leopold ans Tageslicht bringt. Fotografen und Kameraleute drängeln sich noch immer um die besten Plätze. Gleich müssen sie kommen ...

Ich halte mich ein wenig abseits, denn ich beobachte vor allem. Und schreibe später. Über den „Abschied vom Bergbau“, wie die Sonderseite am nächsten Tag im Lokalteil der Dorstener Zeitung betitelt ist. Das Thema beschäftigt die Redaktion seit Jahren. Wir berichten über den Zusammenschluss von Dorsten und Westerholt zum Bergwerk Lippe. Über die monatelangen Mahnwachen in Dorsten und die Groß-Demonstration in Bonn von Menschen, die um ihren Arbeitsplatz, ihre Zukunft fürchteten. Über die Sorge der Stadtväter, ob und wie der Verlust von mehr als 3000 Arbeitsplätzen aufgefangen werden könnte. Alles vergebens. Die Sache ist lange entschieden. Und der Journalist, er muss bei aller Betroffenheit auch an diesem letzten Tag funktionieren.

Dorsten verliert an diesem Tag ein Stück seiner Identität

Es soll niemand glauben, dass einen Berichterstatter, der die Stadt und viele Menschen kennt, so etwas kalt lässt. Dorsten verliert am 17. August 2001 ein Stück seiner Identität. Fast 90 Jahre Bergbau, vorbei. Auch die größte Zeitung am Ort würde das zu spüren bekommen, das war mir klar. Nach mehr als 30 Jahren im Beruf kann ich sagen: Es gab wenige Ereignisse mit solcher Tragweite, über die ich schreibe musste. Nein: wollte.

Der Tag, als in Dorsten die Kohle ging

Die letzte „Gewinnungsschicht“ verlässt am 17. August 2001 den Förderkorb. © Rüdiger Eggert

Bing. Bing. Bing. Drei Minuten nach den Glockenschlägen stoppt das Förderseil. Der Ausgang von Schacht 2 ist hell erleuchtet. Ich erinnere mich, wie das klobige Tor aufgerissen wird und etwa 30 mehr oder minder verdreckte Kumpel aussteigen. Sie blinzeln ins Scheinwerferlicht, dann blicken sich einige erschrocken um. Was ist denn hier los?

Es ist 14.04 Uhr. Die letzte Gewinnungsschicht hat Feierabend. Glückauf!

Für Jürgen Möllmann und seine Kumpel gibt es Applaus, manchmal auch einen Schulterklopfer. Aufmunterung, Mitgefühl soll das wohl ausdrücken. Ich schnappe mir Kumpel Möllmann, damals 44 Jahre alt, für ein kurzes Gespräch. Andere gehen einfach weiter, wollen bloß weg von hier. Ich kann sie verstehen.

„Das ist schon verdammt traurig“

Freiwillig wollte niemand bei dieser letzten Schicht im Flöz Kriemhild dabei sein. „Das stand aber so im Dienstplan“, diktiert mir Jürgen Möllmann in den Block. „Gute Kohle“ haben er und seine Kollegen da unten rausgeholt, aber das spiele jetzt keine Rolle mehr. „Das ist schon verdammt traurig.“ Ich habe den O-Ton, den ich brauche und so auch erwartet habe. Es gibt keinen Grund zur Freude, natürlich nicht. Aber vielleicht zum Innehalten.

Der Tag, als in Dorsten die Kohle ging

Die Stimmung in der Kaue war gedrückt. Nach Feiern war niemandem zumute, als die Kohleförderung offiziell beendet war. © Rüdiger Eggert

Der damalige Direktor des Bergwerks Lippe, Friedrich Breninig, wäre am liebsten „zur Tagesordnung übergangen“. Keine Feier, keine Rückschau also. Aber dann gab es „Empfehlungen“ aus dem Umfeld und vonseiten der Stadt. „Es gilt zu respektieren, dass es sich um eine deutliche Zäsur für Dorsten handelt.“

17 Jahre später. Ich telefoniere mit Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst. „Sehr angstbelastet“ sei er damals gewesen, wie es mit „seiner“ Stadt weitergehe, wie der Verlust von mehr als 3000 Arbeitsplätzen aufgefangen werden könne. „Da weiß man nicht immer, was man sagen soll. Aber rückblickend ist gelungen, den Bergbau in würdiger Form zu verabschieden.“

Die erste Kohle wurde in Dorsten 1897 in der Feldmark entdeckt, aber erste 1912 und 1913 begann die Kohleförderug auf den Bergwerken Baldur (Holsterhausen) und Fürst Leopold (Hervest). Baldur wurde schon 1931 stillgelegt, Grubenfeld und Schächte wurden von Fürst Leopold übernommen.

Der Tag, als in Dorsten die Kohle ging

Das Bergwerk Fürst Leopold in Hervest im Jahr 1916. © Archiv Jürgen Wischerhoff

Anfang der 1960er-Jahre wurde in Wulfen das letzte Bergwerk in der Bundesrepublik neu errichtet. Die Hoffnungen auf eine ertragreiche Förderung und eine „Neue Stadt Wulfen“ erfüllten sich aber nicht. 1981 wurde die Kohleförderung in Wulfen eingestellt, die dort abgebaute Kohle in Hervest gehoben. Begleitet von Protesten und einer 127 Tage dauernden Mahnwache entstand zum 1. April 1998 das Bergwerk Lippe aus den Schachtanlagen Hervest und Westerholt. Hauptstandort wurde Westerholt, spätestens da war das Ende des Bergbaus in Dorsten schon in Sicht. Westerholt sollte 2010 das gleiche Schicksal treffen.

Kumpel kämpften lange für den Erhalt ihrer Zeche

„Wollt Ihr unser letztes Hemd?“ Mit nacktem Oberkörper hatte Rudi Brieskorn die Dorstener Kumpel bei der Großdemonstration von Tausenden Bergleuten im März 1997 durch Bonn geführt. Brieskorn war damals Betriebsratsvorsitzender auf Fürst Leopold und die Speerspitze der hiesigen Protestbewegung, Sprachrohr für die Kollegen, Vermittler, Organisator. Doch als die letzte Kohle in Dorsten gefördert wird, ist Brieskorn schon weg. Versetzt nach Herne sechs Monate zuvor.

Viele Jahre habe ich Rudi Brieskorn nicht gesprochen. Jetzt erreiche ich ihn telefonisch im Urlaub auf Mallorca. Er erinnert sich sofort an mich, wir waren damals per Du. „Das Ende des Bergbaus hat mich schwer getroffen“, sagt er, „und die Zeit hat mich sehr geprägt. Wir haben für den Erhalt des Bergwerks gekämpft, für die Arbeitsplätze und die Nordwanderung des Bergbaus.“

In Brieskorns Worten schwingt noch immer eine Menge Enttäuschung und Wehmut mit. Und Ärger darüber, dass Westerholt und nicht Dorsten Hauptstandort wurde. „Das war rein politisch geprägt und das Todesurteil für das gesamte Bergwerk.“ 17 Jahre ist das her, doch Rudi, der damals Rastlose, denkt noch oft daran.

DSK-Chef hatte „weiche Knie“

Auch Bernd Tönjes (62) hat eine Dorstener Bergbau-Vergangenheit. Der Vorstandsvorsitzende der RAG Aktiengesellschaft hat mit 14 Jahren auf Leopold seine erste Grubenfahrt gemacht, so wie Vater und Großvater vor ihm. Als Vorsitzender der Deutschen Steinkohle AG musste der gebürtige Dorstener das Ende der Kohleförderung in seiner Heimatstadt verkünden. „Ich habe weiche Knie“, sagte er mir am letzten Tag. Ich habe es ihm abgenommen.

Der Tag, als in Dorsten die Kohle ging

Der damalige DSK-Chef Bernd Tönjes, ein gebürtiger Dorstener, hatte nach eigener Aussage „weiche Knie“, als der Abschied vom Bergbau anstand. Heute ist Tönjes Vorstandsvorsitzender der RAG Aktiengesellschaft. © Rüdiger Eggert

Tönjes kehrt am Donnerstag (20. September) nach Dorsten zurück, wenn auf Einladung des Bergbauvereins in der Kaue der Film „Der lange Abschied von der Kohle“ gezeigt wird“ (19 Uhr, 10 Euro Eintritt). Er wird in der Diskussion über das baldige Ende des Bergbaus sprechen und sicherlich auch darüber, wie es damals war in Dorsten, am 17. August 2001. Dem Tag, als die Kohle ging.

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