Bruder Julian ist ein sogenannter Sinn- und Christfluencer. Der 25-jährige Kapuziner ist in den sozialen Medien aktiv. Instagram nutzt er, um mit Menschen in Dialog zu treten. Fast 4.000 Follower hat der gebürtige Dorstener bereits. © Gunnar A. Pier
Bruder Julian

Der „Christfluencer“ aus Dorsten lädt die Menschen zum Dialog ein

Bruder Julian ist Kapuziner in Münster. Dort studiert der gebürtige Dorstener (25) katholische Theologie. Tausende Menschen begegnen ihm aber nicht in der Kirche, sondern in sozialen Medien.

Die schwarze Wand ist für ernste, tragende Worte gedacht. Wenn es um leichtere Themen geht, dann wählt Bruder Julian den weißen Hintergrund aus. Doch der junge Kapuziner denkt längst nicht mehr nur schwarz-weiß. „Wir experimentieren jetzt mit Farbe“, hat der 25-Jährige beschlossen. Er kann sich gut vorstellen, dass sich ein warmes Orange oder ein kühles Blau genauso gut als Hintergrund eignen könnten, um Botschaften ans Publikum draußen in der Welt zu richten.

Im Namen seines Ordens

Bruder Julian ist in den sozialen Medien aktiv. Das unterscheidet den gebürtigen Dorstener kaum von Gleichaltrigen. Sie alle posten Fotos von ihrem Alltag, stellen Videos online, kommentieren das, was sie bei ihren Freuden sehen. Doch der Kapuziner ist mit einer Mission auf Instagram und Co unterwegs. Er möchte die Menschen ansprechen, auf sie zugehen, mit ihnen einen Dialog beginnen – im Namen seines Ordens.

Unterm Klosterdach an der Kapuzinerstraße in Münster hat Bruder Julian eine Studio-Ecke eingerichtet. Der Dachboden ist hell und geräumig. Hier und da stehen ein paar Umzugskisten, gefüllt mit Sachen von Mitbrüdern, die derzeit für den Orden im Ausland sind. Dieses Dachboden-Sammelsurium sieht man nicht, wenn Bruder Julian vor die Kamera tritt. Dann steht er vor der Leinwand, umringt von Scheinwerfern, und blickt fokussiert in sein Smartphone, das im Stativ vor ihm eingeklemmt ist.

Zur Sache

Die Kapuziner

  • Die Kapuziner sind eine weltweite Ordensgemeinschaft, die in der Tradition und im Geist des heiligen Franziskus von Assisi steht. Sie entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus Reformbestrebungen innerhalb der franziskanischen Orden. Leben und Regel sind das Evangelium Jesu.
  • Kapuziner gibt es in fast allen Teilen und Ländern der Welt. Heute sind es noch 10.000 Brüder weltweit. Rund 150 Ordensmänner der Deutschen Kapuzinerprovinz leben in brüderlicher Gemeinschaft in Konventen in Deutschland und den Niederlanden.
  • Zwei Säulen gehören zum Leben der Kapuzinerbrüder: die Kontemplation im Kloster und das Hinausgehen zu den Menschen. Der Name „Kapuziner“ leitet sich von der markanten Kapuze des Habits ab.

Mal sind es Gedanken, die ihn umtreiben. Mal stellt er Fragen. Seine Botschaften sind meist klar und eindeutig. „Ich wünsche mir, dass wir als Kirche die Menschen und ihre Realität mehr in den Blick nehmen“, postete er kürzlich.

Regelmäßig talkt Bruder Julian mit Brüdern und Schwestern, macht mit Bruder Leonard dessen Podcast „SANCTUM“ über die franziskanischen Seligen und Heiligen und dreht schon mal ein Video über die blühenden Obstbäume im Kapuziner-Garten. Das kombiniert er mit einer persönlichen Einladung: „Wenn ihr in der Nähe seid, kommt vorbei und schaut euch das an. Könnt mir ja eine PN schreiben, wenn ihr im Garten seid …“

Geprägt von Pfarrer Vehring und Pater Urban

Für kirchliche Themen wurde Julian Kendziora „schon früh sozialisiert“, wie er sagt. Er besuchte den Kindergarten St. Ida in Holsterhausen, war schon in der Jugend in der Gemeinde St. Bonifatius aktiv. „Zwei Menschen haben mich in dieser Zeit besonders geprägt“, sagt er. „Unser damaliger Pfarrer Reinhard Vehring und Pater Urban Hachmeier von den Franziskanern.“

Der Großteil seiner Familie und Verwandtschaft lebt noch in Dorsten. Erst vor wenigen Tagen war er wieder in der Heimatstadt. Die Firmung einer Nichte wollte er unter keinen Umständen verpassen.

Dass Bruder Julian heute für die Kapuziner als Social-Media-Experte, andere sprechen auch von einer Tätigkeit als Sinnfluencer oder Christfluencer, im Einsatz ist, hat eine amüsante Online-Vorgeschichte. Denn angefangen hat es irgendwie mit Google. Als Messdienerleiter in St. Bonifatius organisierte Julian Kendziora, damals 16 Jahre jung, eine Fahrt für die Messdiener nach Münster. Auf der Suche nach interessanten Aktivitäten stieß er auf die Kapuziner und ihr Kloster.

Bodenständige Spiritualität

Damals ahnte der Messdiener noch nicht, dass er später selbst Teil dieser Gemeinschaft werden sollte. Das entwickelte sich erst im Laufe der Jahre, als er nach dem Abitur an der Gesamtschule Wulfen in Münster katholische Theologie studierte. Immer wieder kam er in Berührung mit den Kapuzinern. Deren „bodenständige Spiritualität“ faszinierte ihn so sehr, dass er sich schließlich entschloss, in den Orden einzutreten.

Bruder Julian hat sein Smartphone immer dabei. Zu seinen Lieblingsorten im Kloster gehört die kleine Kapelle mit den grünen Fenstern. © Gunnar A. Pier © Gunnar A. Pier

Sein Gelübde legte Bruder Julian vor anderthalb Jahren in Salzburg ab. Dort beschäftigte er sich auch erstmals als Ordensmann mit sozialen Medien. Kirche müsse dort präsent sein, das sei zeitgemäß, findet er. Über Instagram ließen sich junge Leute virtuell gut ansprechen – viel einfacher für den Erstkontakt als zuweilen ein analoger Austausch.

„Wir müssen unsere Kommunikation ändern, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind.“

Bruder Julian

„Kirche muss sich bewegen. Wir müssen unsere Kommunikation ändern, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind“, sagt er. Bruder Julian fordert von seiner Kirche Mut und Transparenz. Er will, dass Kirche auf gesellschaftliche Fragen Antworten gibt. Sie soll Stellung beziehen, bitte aber nicht besserwisserisch sein.

Seine Mitbrüder haben inzwischen erkannt, dass die sozialen Medien mehr sind als Spielerei. „Wir haben über Instagram neue Lektoren gesucht und junge Leute gefunden“, erklärt der Kapuziner. Viele Kontakte sind entstanden. Jetzt denken die Ordensleute über eine crossmediale Spenden-Kampagne für die Sanierung der Orgel in der Klosterkirche nach. Instagram, sagt Bruder Julian, habe Reichweite und eine Außenwirkung, von der die Kapuziner und die Kirche insgesamt profitieren können.

Ihm liegt am Herzen, seinen Followern von seinem Alltag zu berichten und über seinen und ihren Glauben zu sprechen. Mal ist er in der Kloster-Bibliothek zu sehen. Dann auf St. Lamberti – für den Perspektivwechsel. „Wir sind ganz normale Menschen im Konvent, die Fußball gucken, gemeinsam beten, sich über dies und das streiten“, sagt er. Die Gemeinschaft sei für ihn wie eine Familie. „Ich fühle mich beschenkt, den Austausch mit Menschen zu erleben und für sie da zu sein“, sagt er.

Es geht nicht um die schöne heile Welt

Was Bruder Julian postet, überlegt er sich genau. Er macht Seminare zu Technik, Moral und Ethik und hat ein Netzwerk gegründet, über das er sich mit anderen Sinnfluencern austauscht. Das Ziel seiner Tätigkeit im Netz hat der Kapuziner klar vor Augen: Auf keinen Fall möchte er die schöne, heile Welt der meisten Instagram-Influencer kopieren. „Mein Ziel ist es, Menschen zum Dialog einzuladen – auch solche, die der Kirche nicht mehr nahestehen.“

Über 4.100 Follower hat Bruder Julian bereits. Sie folgen ihm, davon ist er überzeugt, weil er auf Instagram nichts vorspielt. Er ist authentisch, vom Glauben erfüllt. Das spüren seine Follower.

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Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker

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