...den Goldschmieden Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel

Zum Tee bei...

Marion Taube spricht bei einer Tasse Tee mit interessanten Menschen, die in Dorsten Geschichte gemacht haben oder die Geschichten erzählen können, die den meisten so nicht bekannt sind. In dieser Folge: Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel.

DORSTEN

von Von Marion Taube

, 27.04.2012, 16:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
...den Goldschmieden Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel

Die Liebe zum Handwerk hat Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel auch zusammengeschmiedet, denn seit nahezu 25 Jahren sind sie gemeinsam die »Goldschmiede am Markt«.

Beide haben das Goldschmiedehandwerk an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau erlernt und man darf annehmen, die Liebe zum Handwerk hat Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel auch zusammengeschmiedet, denn seit nahezu 25 Jahren sind sie gemeinsam die "Goldschmiede am Markt". Doch wer je ihren kleinen, aber feinen Präsentationsraum betreten hat, spürt schnell: Hier wird an mehr gearbeitet, als an außergewöhnlichem Geschmeide. "Ideenschmiede" könnte das Geschäft ebensogut heißen, oder "Schmiede für gute Geschichten", denn das ist der Ort am Markt 10 allemal, den die beiden mit ihren Persönlichkeiten beseelen.Sabine, Sie waren in jungen Jahren in Dorsten als die Tochter von "P&P" bekannt (Anm. der Redaktion: jahrzehntelang ein bekanntes Bekleidungsgeschäft am Markt), haben dieses dorstentypische "Etikettieren" aber nie gemocht. Dann waren sie gerne und lange fort, haben in Hanau Ihren Meister gemacht, an der Hochschule in Pforzheim Design studiert. Wenn man dann heimkehrt, hat man sich zwischenzeitlich selbst einen beschützenden "Siegelring" für die Rückkehr geschmiedetSabine Przystawik: Sie haben insofern Recht, als dass die Arbeit, die Auseinandersetzung mit unserem Gewerk, die Liebe zu den Werkstoffen und letztlich natürlich das Gestalten von schönen Dingen gegen vieles einen guten Schutz bietet, zum Beispiel gegen so etwas wie Banalität (lacht fröhlich). Man ist im Alter aber auch gefeiter gegen Nebensächlichkeiten. Heute liebe ich es, hier zu leben, die Lebensqualität ist in Dorsten enorm hoch. Das wirkt wiederum positiv auf unsere Gestaltkraft. Qualität und Sinnlichkeit, die wir dem Material abverlangen, entstehen ja nicht beiläufig, sondern sie verwirklichen sich ja durch uns als Menschen, die denken und fühlen können.Denken und fühlen in BildernEgal, ob man etwas Schönes aus Edelmetall ersteht oder nicht, man kann Ihren Laden eigentlich nur bereichert verlassen. Einen Gedanken mehr nimmt man in der Regel immer mit. Axel, Sie eröffnen Sätze im Gespräch gerne mit: "Das ist auch noch so eine schöne Geschichte..." und dann ist Ihr Kunde schon mit Ihnen auf einer erzählten Bilderreise oder lauscht einer Anekdote. Ist Ihnen das eigentlich bewusst?Axel Baumgärtel: Ich denke und fühle in Bildern. Das ist wahr. Und ich sehe und entdecke ständig ganz viele unterschiedliche Ebenen, auch in den profansten Dingen, die uns umgehen. Wissen Sie, es gibt doch nie nur eine Antwort auf eine Frage, es gibt Tausende, und die Möglichkeiten, die sich bei der Suche nach Inspiration ergeben, sind so unglaublich vielfältig...Liegt das an Ihrer Hochschullaufbahn als Dozent oder an Ihrem Studium beim Foto-Papst Bernd Becher, dass Sie kleinste Dinge oder Objekte immerzu und aus dem Stand mit Erzählungen zu neuem Leben erwecken können?Axel Baumgärtel: Geschichten formen sich wie von selbst. Das ist kein bewusster Akt wie: aha, ich sehe etwas, also spreche ich mal darüber - es ist eher so, dass sich die Dinge mir über ihre Gestalt, ihre besondere Form, ihre Materialität mitteilen, dass ich sie erkennen kann und ich das, was ich sehe und erkenne, dann in Lebenszusammenhänge oder mit erlebten Situationen in Verbindung bringen kann, irgendwo auf diesem Weg bilden sich dann vermutlich die "Geschichten", die Sie meinen. Im Grunde entspringen sie alle meinem unstillbaren Interesse am Leben.Der bärtige BaumgärtelSabine, Sie lernten Axel als revoltierenden Bartträger mit lila Latzhose in einer Hanauer Blondinen-WG kennen, Sie hingegen werden rückblickend von Ihrem Ehemann als High-Heel-Vamp im Minirock beschrieben, wann war klar, dass sich aus beiden optischen Weltpolen ein phantasiebegabter Lebensbund schmieden lässt?Sabine Przystawik: Och, es war schon sehr beeindruckend, als der bärtige Baumgärtel 1978 den internationalen Ringwettbewerb gewann. Da wird man hellhörig und schaut schon mal hinter den Bart (lachen sich beide an) - nein, tatsächlich haben wir sehr früh bemerkt, dass wir die gleiche Leidenschaft für unseren Beruf teilen, wir hatten auch mit Jens Rüdiger Lorenzen beide den selben anregenden Lehrer, dem wir gemeinsam nach Pforzheim gefolgt sind. Alles befindet sich räumlich ständig in Bewegung und wir sind halt mitgewandert. (Zwischenzeitlich ist die gemeinsame Tochter Katharina, 25 Jahre alt, die Film- und Fernsehwirtschaft in Dortmund studiert hat, in die Küche gestürmt. Und wir fragen bei ihr nach, wie es sich so lebt mit kreativen Eltern.) Katharina, nur kurz: wie wächst man auf in einem Haushalt, der Gestaltqualität auf dem Küchenplan stehen hat?Katharina Przystawik-Baumgärtel: Ich hab schon früh gemerkt, dass bei uns was anders ist. Mit fünf Jahren kam ich von einer Freundin und fragte zuhause: warum haben wir eigentlich keine Schrankwand? Dafür hatte ich bei einer Freundin irgendwann Spielverbot, weil ihre Mutter meinte, bei mir würde ihre Tochter Widerworte geben lernen. Dabei habe ich immer nur laut gedacht (zwinkert ihren Eltern verschmitzt zu und macht es sich auf dem Fensterbrett im 3. Stock mit traumhaftem Blick auf den Dorstener Markt gemütlich) Sabine, Axel, was bedeutet Ihnen Ihre gemeinsame Arbeit genau an diesem Standort?Sabine Przystawik: Unsere Werkstatt ist hier so gut aufgehoben, wie in einem schönen Stadtteil von Köln, Berlin, London.... . Alles ist doch immer nur ein Ausschnitt der Welt. Und vielleicht ist es hier sogar am Allerbesten, weil im Alter (grinst) der Rückzug in die Natur einfach wohltuend ist, ich bin bewusst eine Landpomeranze geworden und finde es herrlich.Axel Baumgärtel: Selber zu erfinden, selber zu gestalten, zu produzieren und zu verkaufen, diese Einheit ist in der Arbeitswelt größtenteils verloren gegangen. Wir können Sie hier für uns bewahren. Das ist ein großes Glück. Aber Gedanken und Ideen verändern sich, wer hätte je gedacht, dass die Mauer fällt, dass in Russland jemals die Kommunistische Partei verboten wird....Ich glaube, da bahnt sich eine neue Geschichte an.. Sabine, Axel, wir danken für das angenehme Gespräch zum Tee.

 

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