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Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

dzKneipensterben

Das Kneipensterben in Dorsten setzt sich fort: Auch „Pretzer’s Altstadt-Pub“ schließt. Wir haben mit Insidern über die Entwicklung und die Kneipenhistorie in der Innenstadt gesprochen.

Dorsten

, 07.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Schankraum sieht aus, als wäre die Zeit hier schon vor vielen, vielen Jahren einfach stehen geblieben: Die Wände und Tapeten atmen mit ihrem satten Braun-Ton den Chic der 1970er-Jahre, Tische und Stühle haben schon so manche Stammtisch-Runde überlebt. Und an der Theke reden sechs, sieben Männer über Gott und die Welt und erwecken den Eindruck, als wären sie hier schon vor vielen, vielen Jahren einfach sitzen geblieben. „Die normale Mittagsbesetzung“, sagt Klaus Rosenkranz über sich und die anderen Gäste: „Die wird nun leider heimatlos.“

„Eine harte Nachricht“

Denn „Pretzer’s Altstadt-Pub“, so heißt die Gaststätte hier am Recklinghäuser Tor, öffnet am Freitag (8. März) letztmalig seine Pforten. Und das ist für Klaus Rosenkranz und seine Tresenfreunde eine echte Zäsur und für die Dorstener Kneipenlandschaft ein Einschnitt: Denn die Gaststätte war die letzte Bierkneipe alten Schlages im Kernbereich der Dorstener Altstadt, wo Gäste wie Klaus Rosenkranz sich auch tagsüber in geselliger Runde treffen und ein Gläschen und auch eines mehr trinken konnten.

Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

Sonja Pretzer wäre gerne noch länger für ihre Gäste da geblieben. © Michael Klein

„Das Durchschnittsalter der Gäste hier ist immer höher geworden, mit meinen 62 Jahren bin ich der Junior“, sagt Klaus Rosenkranz. Er war früher Sportredakteur, er kennt die hiesige Vereins- und Kneipenszene wie kaum ein Zweiter, er hat das langsame Siechen der Kneipenkultur in der Innenstadt hautnah mitverfolgt. Mitte der 1980er-Jahre kam er nach Dorsten, seitdem haben viele Schankstuben dicht gemacht.

Klaus Rosenkranz zählt auf: die Stadtschänke Bücker in der Essener Straße - heute hat eine Krankenkasse hier ihr Büro. Das Kolpinghaus am Südwall: abgerissen. Die Gaststätte „Franziskaner“ in der Patersgasse: seit sechs Jahren eine Massagepraxis. Die „Godde Stowwe“ in der oberen Lippestraße: ein Nagelstudio. „Zur Börse“ am Markt (Inhaber damals: Päule Rohde): ein Textilgeschäft. Das „Haus Krietemeyer“ an der Gahlener Straße ist zu, das „Posteck“ Ecke Katharinenstraße ist ein Büro, das „Boulevard“ eine Bankfiliale .

Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

Die „Stadtschänke" in der Essener Straße ist bereits viele Jahre Vergangenheit. © Klaus-Dieter Krause

Das Wacholderhäuschen an der Alleestraße öffnet nur noch zu Beerdigungs-Kaffeetrinken und Privatfeiern und der „Irish Pub“ am Lippetor, der immer wieder Live-Konzerte veranstaltete, wurde samt Einkaufszentrum dem Erdboden gleichgemacht, ebenso der „Alte Busbahnhof“. Der „City Pub“ ist ebenso ein Leerstand wie seit Ende des vergangenen Jahres die Mini-Kneipe „Zum Lippetor“. Zwar kann man jetzt immer noch im Cafe Extrablatt und im La Piazza am Markt sowie in der „Hexe“ in der Ursulastraße einkehren. Doch die zählen für Klaus Rosenkranz nicht: „Die ersten beiden sind Systemgastronomie oder Bistro und die Hexe macht nur abends auf.“

Wirtschaftliche Gründe

Dass für den „Altstadt-Pub Pretzer“ nun die letzte Stunde schlägt, hat vor allem wirtschaftliche Gründe. „Ich hätte gerne weiter gemacht“, sagt Pächterin Sonja Pretzer, die vor fünf Jahren den Laden übernommen hatte. „Doch leider habe ich nicht so viel erwirtschaftet, dass ich Rücklagen bilden konnte.“ Deshalb brachen ihr ein „paar Nackenschläge aus jüngster Zeit das Genick“, wie sie sagt.

Die Kneipe hat eine lange Geschichte: Kurz nach dem Krieg wurde hier die „Torschänke“ eröffnet. Vor ein paar Jahren wurde die „Torschänke“ mal zu einer „Ossi-Kneipe“ samt halbem Trabi an der Wand umdekoriert, bis mit Sonja Pretzer, eine leidenschaftliche Gastronomin mit Erfahrung als langjährige Betreiberin des Vereinsheims von TuS Gahlen, übernahm.

Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

Bei dem Bild handelt es sich um die Gaststätte Torschänke. Hinter der Theke stehen die damalige Wirtin llle Eckstein mit ihrem Sohn Frank. © privat

„Ich habe hier eine Menge an Zeit und Arbeit investiert“, sagt sie. „Aber was nützt es, wenn nicht genügend Geld herein kommt.“ Ihr tut es vor allem leid für die 3. Kompanie der Altstadtschützen, die sich hier regelmäßig traf und die Kegelclubs, die jede Woche die Bahn nutzten. „Das ist eine traurige Sache, dass eine Stadt in der Größe Dorstens jetzt ohne eine solche Wirtschaft in der Innenstadt dasteht“, bekräftigt auch ihr Stammgast Klaus Rosenkranz.

Unterschieldiche Gründe

Für den 62-jährigen Dorstener hat das Kneipensterben unterschiedliche Gründe. „Die Zeiten, in denen an Stammtischen Politik gemacht wurde, sind vorbei“, meint er. „Und die Frühschoppen-Mentalität ist auch ausgestorben.“ Das Rauchverbot habe den Niedergang beschleunigt. Dieses Argument führt auch Experte Rainer Nothoff, Geschäftsführer des für Dorsten zuständigen Geschäftsstellenbereichs Gelsenkirchen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, ins Feld: „Die Verschärfung des Nichtraucherschutzgesetzes hat vor allem die Betreiber der kleinen Kneipen kalt erwischt“, sagt er. „Früher hatten die Raucher zu später Stunde die Lufthoheit an der Theke, das ist auf der Strecke geblieben.“

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Ketten, wie das Cafe Extrablatt, sind heute bei den Gästen gefragt. © Robert Wojtasik

Für Nothoff stehen die Gastronomiebetriebe seit den 1990er-Jahren im Wettbewerb mit anderen Freizeitaktivitäten. „Vor allem die älteren Menschen sind mobiler geworden.“ Diente die Gaststätte früher als „Treffpunkt“ im Ort, treffen sich Nachbarschaften heutzutage nicht mehr in der „kleinen Kneipe in ihrer Straße“. Kommunikation findet jetzt über die digitalen Medien statt. „Und es gibt immer weniger Vereine, die sich sonst in Kneipen getroffen haben.“ Zudem ziehen sich immer mehr Menschen ins Private zurück. Als Beispiel führt Nothoff die neue „Grill-Kultur“ mit ihren teuren Grill-Geräten im heimischen Garten an. Außerdem mache das Mindestlohngesetz den Wirten das Leben schwer.

Viele Ausfügler aus dem Revier

Diese negative Entwicklung, die sich auch in anderen Dorstener Stadtteilen seit einigen Jahren niederschlägt, hätten sich die früheren Generationen von Wirten sicher nicht träumen lassen. „Das alte Dorsten war bekannt für die Gemütlichkeit und Gastfreundlichkeit seiner vielen Wirtshäuser und Garten-Restaurants, in denen nicht selten Musikkapellen oder Allein-Unterhalter aufspielten“, schrieb Journalist Wolf Stegemann einst in einem Artikel für die Ruhr-Nachrichten Dorsten.

Die Lippestadt war gastlicher Anziehungspunkt für Arbeiter und Ausflügler aus dem Revier. 1926 gab es allein in der heutigen Altstadt 27 (Hotel-) Gastwirtschaften, fünf sonstige Schankstätten und drei Weinbrand- und Spirituskleinhandlungen.

Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

Ein ganz altes Dokument eines Dorstener Wirtshauses: das Hotel Goldener Löwe, später: Altenburg, an der Recklinghäuser Straße. © privat

Nach dem Krieg das gleiche Bild. In dem im Jahre 1954 herausgegebenen „Reise- und Wirtschaftsführer Dorsten und die Herrlichkeit“ finden sich für die Altstadt sechs Hotels und Gasthöfe (Altenburg an der Vestischen Allee, Dorstener Hof Koop am Markt, Hardter Hof an der Hardtstraße, Zum Goldenen Hirsch, Recklinghäuer Straße, Wacholderhäuschen an der Kirchhellener Allee, Zur Börse an der Recklinghäuser Straße).

Hinzu kommen weitere mehr als 15 Gaststätten und Cafes, unter anderem die noch nicht genannten Allekotte-Gerspacher (Essener Straße), Bahnhofs-Gaststätte, Ekel (Südgraben), Freitag (Lippetal), Großblotekamp (Ostwall), Maus (Recklinghäuser Straße), Neumann (Südgraben), Schillergarten (Kirchhellener Allee), Zum Goldenen Anker (Lippetor), Zum Heideblümchen (Alter Postweg), Zum Schwarzen Adler (Markt) und Zum Silbernen Anker (Blindestraße).

Die letzte klassische Bier-Kneipe in der Altstadt von Dorsten muss schließen

„De godde Stowe" am Lippetor, kurz „Die Stube" genannt, war mehr als 20 Jahre lang der Treffpunkt für die Dorstener „Szene". Heute befindet sich hier ein Nagelstudio. © privat

Darüber hinaus gab es Dutzende weiterer Gastronomiebetriebe in den anderen Dorstener Stadtteilen, viele von ihnen sind inzwischen längst vergessen. „Ein Zurückdrehen dieser Entwicklung wird es wohl nicht geben“, sagt Dehoga-Geschäftsführer Rainer Nothoff. Angesagt seien heute neue Bar-Konzepte in Großstädten, gut laufe vor allem die Systemgastronomie (wie es sie in Dorsten mit dem Cafe Extrablatt oder dem Mezzomar gibt), aber eben nicht mehr die klassische Kneipe vor Ort.

Nachfolgenutzung ungeklärt

Keine schöne Prognose also für Klaus Rosenkranz und die letzten Tresengäste von Pretzer’s Altstadt-Pub. Doch die letzte Runde hat vielleicht doch noch nicht geschlagen. „Wir haben zwar einige Miet-Interessenten, die eine andere Nutzung anstreben“, erklärt Immobilien-Eigentümer Rolf Rademacher auf unsere Anfrage: „Aber wenn sich ein guter Gastronom meldet, könnten die Räumlichkeiten durchaus als Gaststätte weitergeführt werden.“

Wir möchten von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Ihre „Kneipengeschichten“ erfahren. Was haben Sie an der Theke erlebt? Wo pulsierte das Leben in den Gaststätten, in der Altstadt und in anderen Dorstener Stadtteilen? Erzählen Sie uns Ihre Lieblingsgeschichte über die Feiern, die dort stattfanden, über Live-Konzerte, über Anekdoten, die Sie erlebt haben. Welcher Wirt war Ihr Lieblingswirt? Auch alte Fotos interessieren uns. Und natürlich wollen wir wissen, welche Kneipen es früher gab, die heute geschlossen sind. Kommen Sie vorbei in unserer Redaktion, Südwall 27, oder mailen Sie uns unter redaktion@dorstenerzeitung.de
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