Die „Dorstener Erklärung Stadtdialog" war Tobias Stockhoff ein wichtiges Anliegen in seiner ersten Amtszeit. Er selbst hatte sie mit einer ungewöhnlichen Haushaltsrede auf den Weg gebracht. © Stadt Dorsten/Christoph Winkel
Interview

Das Corona-Jahr hat bei Dorstens Bürgermeister Spuren hinterlassen

„Das Jahr ging an meine körperliche und psychische Substanz“, sagt Tobias Stockhoff im Interview. Bei anderen Themen findet Dorstens Bürgermeister ebenfalls deutliche Worte.

Er ist mit überragender Mehrheit wiedergewählt worden. Als Krisenmanager und Mutmacher hat er die Stadt Dorsten in der Corona-Pandemie geführt. Das hat Kraft und Nerven gekostet. Darüber spricht Bürgermeister Tobias Stockhoff im Interview sehr offen, aber auch über den Umfang mit der AfD. Und er sagt, was er in der zweiten Amtszeit besser machen möchte.

Herr Stockhoff, was ist für Sie das Wort des Jahres – und warum?

Es sind in 2020 zwei Worte, die untrennbar für mich zusammengehören: Verstand und Solidarität. Die weit überwiegende Zahl der Dorstenerinnen und Dorstener hat diese beiden Werte in den vergangenen Monaten trotz vielfacher persönlicher Entbehrungen vorbildlich gelebt und lebt sie weiter. Egal, ob Kinder oder ältere Menschen, ob in den verschiedenen Berufsgruppen, den Vereinen, in Kultur, Sport oder Musik. Ohne diese beiden Werte hätten wir das Jahr 2020 nicht (er-)tragen können. Gleichzeitig stimmen mich diese beiden Worte auch hoffnungsfroh, dass wir gemeinsam als Stadtgesellschaft der extrem egoistischen Ausrichtung einiger Menschen in unserer Stadt widerstehen können und gemeinsam auch 2021 meistern werden.

Seit einem dreiviertel Jahr bestimmt Corona unseren Alltag mehr oder minder deutlich. Wagen Sie eine vorsichtige Prognose, wann die Dorstener wieder zur Normalität zurückkehren könnten?

Als Naturwissenschaftler bin ich vorsichtig mit Prognosen: Meine aktuelle Einschätzung ist, dass wärmeres Wetter, wie schon 2020, auch wieder zu Lockerungen (z. B. Außenveranstaltungen) führen wird. Von „normal“ werden wir jedoch dann noch weit weg sein. Abhängig von der Impfrate und den Kapazitäten können wir vorsichtig optimistisch sein, dass ab dem zweiten Halbjahr 2021 Schritt für Schritt mehr Normalität einkehren wird. Nach Corona wird aber nicht alles so sein wie vorher. Wir werden wirtschaftliche Herausforderungen und menschliche Herausforderungen zu meistern haben. So wie ich allerdings unsere Stadt kenne, brauchen wir davor keine Angst zu haben. Wir werden diese Herausforderungen mit Respekt annehmen, wie schon unsere Eltern und Großeltern riesige Herausforderungen, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, angenommen haben.Außerdem sollten wir in dieser Krise auch eine Chance sehen: Jede Herausforderung, die ans „Existenzielle“ geht, deckt Schwachstellen und manchmal auch Fehlentwicklungen einer Gesellschaft auf. Und damit meine ich nicht Chancen beziehungsweise Aspekte wie „Digitalisierung“ in Schule und Beruf, zum Beispiel Homeoffice. Damit meine ich auch gesellschaftliche Gruppen, die vor der Krise zu wenig im Fokus unserer Bemühungen standen.

Wie sehr hat Sie die Corona-Pandemie in diesem Jahr persönlich berührt?

Dieses Jahr ging an die körperliche und psychische Substanz. Als Mitglied im Technischen Hilfswerk kannte ich extreme Einsatzsituationen mit wenig Schlaf, Hektik, Stress und unklaren Entwicklungen. Das hat mir in den letzten Monaten geholfen. Aber mein Umfeld, wie Familie, Freundeskreis, Büroteam und Kolleginnen und Kollegen, wird gespürt haben, wie angespannt ich nicht selten war – das war sicherlich nicht immer einfach.Mein Diensteid ist mir in dieser Zeit noch bewusster geworden. Dort heißt es unter anderem „nach bestem Wissen und Können“ und „meine Pflichten gewissenhaft erfüllen“. Beamtinnen und Beamte haben sich mit „voller Hingabe“ ihrem Beruf zu widmen und ihr Amt uneigennützig nach bestem Wissen auszuführen. Diese „volle Hingabe“ hat in diesem Jahr das Privatleben sicherlich noch stärker als sonst ausgebremst. In einer solchen Situation müssen sich aber die Menschen auf uns verlassen können. Da muss auch ein Bürgermeister noch mehr Vorbild als sonst sein.

Sie sind im September zum zweiten Mal zum Bürgermeister der Stadt Dorsten gewählt worden. Was hat Sie, abseits des nackten Ergebnisses, besonders beeindruckt?

Die vielfältigen persönlichen Rückmeldungen der Menschen, egal zu welcher Partei sie bei Wahlen (sonst) tendieren. Das hat in diesem herausfordernden Jahr 2020 viel Motivation und Kraft gegeben. Und ich habe nicht selten gehört, dass die Menschen gerade auf der kommunalen Ebene drei Dinge schätzen: 1. ansprechbar zu sein und zuhören zu können, 2. authentisch (Gegen-)Positionen zu beziehen und 3. engagiert und gewissenhaft neue Wege zu wagen.

Ihre Partei, die CDU, hat die absolute Mehrheit im Stadtrat. Was sagen Sie den anderen Parteien, die ja streng genommen „machtlos“ sind?

Wenn ich die konstruktive Zusammenarbeit zwischen den demokratischen Parteien aktuell beobachte, habe ich nicht den Eindruck, dass die anderen Parteien machtlos sind. Die Abstimmung im Stadtrat ist nur das Endergebnis eines Meinungsbildungsprozesses. Vorher sind bereits die Anregungen aus Bürgerschaft, Politik und Verwaltung eingeflossen. Wenn sich die CDU-Ratsfraktion wie in den vergangenen sechs Jahren als ausgleichende Kraft der Interessen versteht, dann bin ich mir sicher, wird der gesamte Stadtrat gute Entscheidungen zum Wohle der Menschen in der Gesamtstadt und der elf Stadtteile treffen. Gerne will ich daran beispielsweise als Vermittler mitwirken.

Ist die Tür im demokratischen Diskurs für die AfD zu?

Ich habe vor der Wahl eine Zusammenarbeit mit extremistischen Kräften ausgeschlossen. Die AfD-Ratsfraktion Dorsten gehört für mich – insbesondere nach den Aussagen bzw. Auftritten von zwei Dorstener AfD-Ratsherren – eindeutig dazu. Ein Zusammenwirken wäre aus meiner persönlichen Sicht eine Zumutung für jeden leidenschaftlichen Demokraten.Die AfD kann und wird Anträge im Rat stellen. Damit wird sich der Stadtrat gemäß Gemeinde- und Geschäftsordnung demokratisch beschäftigen. Und er wird extremistische Positionen der AfD benennen, da bin ich mir sicher. Der Stadtrat ist gut beraten, extremistische Kräfte immer inhaltlich zu stellen.

Mit Norbert Hörsken (Hauptamt) und Hubert Große-Ruiken (Kämmerei) verlassen im nächsten Jahr zwei Spitzenkräfte der Stadtverwaltung das Rathaus. Wann – und wie – wird die Nachfolge geregelt?

Mit den beiden verlassen zwei erfahrene Urgesteine Ende September 2021 (Große-Ruiken) und Ende Dezember 2021 (Hörsken) das Rathaus. Zunächst beabsichtige ich, im 1. Quartal 2021 die Ratsfraktionen über das angedachte Nachbesetzungsverfahren zu informieren und mir hier ein Meinungsbild einzuholen. Im 2. Quartal könnte dann das Nachbesetzungsverfahren durchgeführt werden, um frühzeitig für Klarheit für Bürgerschaft, Stadtrat und Mitarbeiterschaft zu sorgen. Natürlich habe ich jetzt schon Vorstellungen. Da mir aber an der Meinung der Ratsfraktionen gelegen ist, bin ich gut beraten, diese jetzt noch nicht öffentlich zu machen. Somit müssen Sie leider noch etwas warten …

Ein wichtiges Projekt der nächsten Jahre sind die Sanierung des Rathauses und der geplante Anbau. Wann geht’s los?

Mitte des Jahres hat sich die Projektgruppe „Rathaussanierung und Rathausanbau“ gebildet. Derzeit wird ein Kommunikationskonzept für Mitarbeiter- und Bürgerschaft entwickelt. Darüber hinaus soll sowohl ein Bürger-Beirat als auch ein Mitarbeiter-Beirat gebildet werden, denn auch bei diesem Projekt setzen wir auf Partizipationsarchitektur wie schon beim Bürgerbahnhof. Das kostet am Ende zwar Zeit, dient aber einer besseren Berücksichtigung der Notwendigkeiten, die von Bürgerschaft und Mitarbeiterschaft sowie Politik formuliert werden. Die Erstellung des Büro- und Organisationskonzeptes dürfte 2021/2022 abgeschlossen sein. Danach folgen die Ausschreibungen von Planungs- und Bauleistungen. Erkennbare Bauaktivitäten dürften dann in 2024/2025 sichtbar werden. 2021 wird es eine umfangreiche Information der Öffentlichkeit geben.

Was werden Sie in Ihrer zweiten Amtszeit anders – und somit auch besser – machen?

Dem irischen Schriftsteller George Bernard Shaw wird folgendes – wie ich finde – sehr kluges Zitat zugeschrieben: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, nicht mit schlechten.“ Aufmerksamkeit und Wertschätzung werden für mich Schlüsselworte sein. Ich würde mich freuen, wenn die Kolleginnen und Kollegen und Bürgerinnen und Bürger sowie die Politik die Veränderungen spüren und sagen: Da hat er sich zum Positiven verändert.

Über den Autor
Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker

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