Darum ist es in Dorsten gar nicht so schwierig, vegan zu leben

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Sich in Dorsten vegan zu ernähren, ist gar nicht so schwierig. Iris Koczwara, Sabine Schaar-Sökefeld und Paul Harazim zeigen, wie es geht.

Dorsten

, 22.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Sabine Schaar-Sökefeld kommt aus der Sportbranche. 20 Jahre lang hat sie ein Fitnessstudio in Kirchhellen betrieben, hat Bodybuilding gemacht. Sie nahm viel tierisches Eiweiß und viele Kohlenhydrate zu sich, da es hieß, sie brauche das für ihre Muskeln. „Nach einer Zeit fiel es mir aber immer schwerer, so viel Fleisch zu essen“, erinnert sich die heute 56-jährige Dorstenerin.

Lange schob sie dieses Gefühl beiseite. Das gehe heute ziemlich einfach, sagt sie. „Man sieht ja nur noch das Stück Fleisch auf dem Teller und nicht mehr das Tier dahinter.“ Und dennoch sattelte Schaar-Sökefeld beruflich um, wurde Heilpraktikerin. Mit 48 Jahren lernte sie ihren Mann, einen damals bekennenden Fleischesser, kennen. Zu der Zeit aß sie selbst bereits nur noch ab und an Hühnchen oder Fisch.

Nach achttägiger Basenkur zur Veganerin geworden

Sie ließ sich zur Basenleiterin ausbilden und machte selbst eine Basenkur. „Acht Tage musste ich ohne tierische Eiweiße, ohne meine Proteinshakes, auskommen. Ich habe mich am Anfang schon gefragt, wie das gehen soll“, erzählt die Heilpraktikerin. Doch zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass ihr nichts fehlte: „Mir ging es so etwas von gut, so gut wie schon lange nicht mehr.“ So begann sie, sich immer mehr mit dem Thema Veganismus auseinanderzusetzen. Seit 2013 lebt sie vegan - nicht nur, weil es ihr gut damit geht, sondern auch, um Tierleid zu reduzieren. Auch ihr Mann macht inzwischen mit. Bereits zur Hochzeit der beiden gab es ein vegetarisches Büfett.

„Das war ein langer Prozess. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Denn ansonsten haben wir das Gefühl, verzichten zu müssen und das führt wieder dazu, dass wir es unbedingt haben wollen“, schildert Sabine Schaar-Sökefeld ihre Erfahrungen.

„Ich kann niemandem die Entscheidung abnehmen“

Die Dorstenerin möchte andere nicht missionieren. Sie möchte über veganes Leben und ihre Beweggründe dafür aufklären. Ihr ist es wichtig, dass sich Menschen bewusster damit auseinandersetzen, was sie essen und wo ihr Essen her kommt. „Ich kann aber niemandem die Entscheidung abnehmen und möchte auch über andere nicht urteilen. So funktioniert das nicht“, sagt sie.

Darum ist es in Dorsten gar nicht so schwierig, vegan zu leben

Iris Koczwara bereit für die Gäste ihres veganen Restaurants am liebsten Bratlinge zu. © Manuela Hollstegge

Inzwischen achtet sie nicht nur darauf, sich vegan zu ernähren, sondern sich gesund vegan zu ernähren. „Auch Pommes mit Ketchup sind vegan. Ich bevorzuge eine gesunde Mischung aus hochwertigem Eiweiß, Gemüse, Bitterstoffen, Kräutern und Gewürzen und versuche, wenig verarbeitete Produkte zu benutzen.“ „BAVE“ (basisch-vegan) nennt sich diese Ernährungsweise, die auch viele rohe Nahrungsmittel beinhaltet.

Besonders gerne isst die Dorstenerin klassisches Ofengemüse und Suppen. Einer Mangelernährung versucht sie, durch die richtigen Lebensmittel vorzubeugen. Ein spezielles Nahrungsergänzungspräparat nimmt sie nicht, kennt aber viele Veganer, die beispielsweise Vitamin B12 zusätzlich einnehmen.

Wenn sie auswärts essen gehen möchte, ruft die 56-Jährige meistens vorher im Restaurant an. Die meisten Restaurants, auch in Dorsten, können ihr dann zumindest ein veganes Essen anbieten. Manchmal bekommt sie dann jedoch auch nur Beilagen serviert.

Unterwegs ist es nicht so einfach, sich vegan zu ernähren

Das Problem, sich unterwegs vegan zu ernähren, kennt auch Iris Koczwara. Die Dorstenerin betreibt das vegane Restaurant „Cookie’s Veggies“ an der Halterner Straße in Hervest. „Wenn man unterwegs ist, ist es nicht so einfach, sich vegan zu ernähren. Einfach ist es nur, wenn man selber kocht“, sagt sie.

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Da sie weiß, dass auch andere Veganer das Problem haben, liegt der Schwerpunkt in ihrem Restaurant auf veganer Küche. Hin und wieder beziehungsweise auf Wunsch gibt es bei ihr auch Milch, Eier und Biokäse. Für Feiern hat sie jetzt schon öfter ein veganes Büfett, zum Beispiel als Ergänzung zu einem Grillbüfett, geliefert. Auch eine riesige vegane Hochzeitstorte entstand schon in ihrer Küche.

Sie selbst ist seit über 20 Jahren Vegetarierin. „Damals war ich damit noch ein richtiger Alien“, erinnert Koczwara sich. Ursprünglich brachte sie das Leid der Tiere dazu, sich vegetarisch zu ernähren, inzwischen ist es eine Lebenseinstellung geworden. Phasenweise ernährt sich die Dorstenerin auch vegan. „Im Urlaub mache ich das aber zum Beispiel nicht“, sagt sie.

Iris Koczwara möchte zeigen, dass veganes Essen lecker ist

Viele Dorstener scheinen das Cookie’s noch nicht zu kennen, denn die meisten Besucher kommen eher aus Oberhausen, Gelsenkirchen und dem Münsterland. Die Gäste, die in ihr Restaurant kommen, sind überwiegend Veganer oder Vegetarier. Diese bringen auch öfter Freunde mit, die sich nicht so ernähren. „Die versuchen sich oft als erstes dafür zu rechtfertigen, dass sie Fleisch essen und haben Angst, bekehrt zu werden. Dabei will ich das gar nicht. Ich möchte einfach nur zeigen, dass veganes Essen lecker ist“, erzählt Iris Koczwara.

Besonders wenn sie mit einem Essensstand auf Veranstaltungen steht, stellt sie fest, dass viele ihr veganes Essen mögen, wenn sie nicht wissen, dass es vegan ist, und es ihnen nicht schmeckt, sobald sie es wissen. Am liebsten kocht sie Bratlinge aller Art für ihre Gäste. Ungern bietet sie Austauschgerichte wie beispielsweise veganen Bienenstich an. „Da hat man dann falsche Erwartungen“, sagt sie.

Online-Marktplatz für faire und nachhaltige Produkte

Auch der Dorstener Paul Harazim lebt vegan. Gleichzeitig betreibt er seit 2017 die Online-Plattform „Dharmadoo“, die Online-Marktplatz, redaktionelle Beiträge und Spendensammlung für soziale Zwecke vereint. Sie bringt achtsame, vegane Menschen und Unternehmen zusammen, die auf der Suche nach fairen und nachhaltigen Produkten sind beziehungsweise diese herstellen. Insgesamt besteht das Dharmadoo-Team aus sieben Mitarbeitern.

Darum ist es in Dorsten gar nicht so schwierig, vegan zu leben

Paul Harazim betreibt eine Online-Plattform für vegane und achtsame Menschen und Unternehmen. Außerdem engagiert er sich für soziale Projekte in Nepal. © Tokpa Korlo

„Um solche Produkte zu finden, muss man eine Menge recherchieren. Dazu braucht man Zeit, die viele Menschen im Alltag nicht haben. Wir übernehmen diese Arbeit für sie und wollen so eine Möglichkeit schaffen, anders, transparenter zu konsumieren und somit weniger Leid zu erzeugen“, erklärt der 37-Jährige. Als Beispiel nennt er ein Unternehmen, bei dem man sich eine Jeans für 7,50 Euro im Monat leasen kann.

Sich vegan zu ernähren impliziert auch einen besonderen Lebensstil

Aber nicht nur Kleidung findet man bei „Dharmadoo“, sondern auch viele Produkte aus dem alltäglichen Gebrauch. „Vegan ist mehr als nur Ernährung, vegan ist ein Lebensstil“, sagt Harazim. Vegan zu leben, impliziere auch Fairness. Denn es sei nicht fair, für den eigenen Genuss jemand anderem das Leben zu nehmen.

Kontaktdaten auf einen Blick

Apps fürs Smartphone erleichtern Veganern, Vegetariern und allen, die bewusst auf ihre Ernährung achten, das Essen und Einkaufen. Paul Harazim hat drei Tipps: Zum einen die App „Happy Cow“. Mit ihr kann man vegane und vegetarische Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe finden. Außerdem nutzt Harazim die App „CodeCheck“, mit der man den Barcode auf Lebensmitteln scannen und so ganz einfach deren Inhaltsstoffe herausfinden kann. Gut findet der Dorstener auch den veganen Einkaufsguide „Peta Zwei“. Seine Online-Plattform findet man ab Ende Januar wieder. Heilpraktikerin Sabine Schaar-Sökefeld hat ihre Praxis für Schmerz- und Stressbewältigung an der Hauptstraße 1 in Kirchhellen. Dort bietet sie unter anderem auch eine Ernährungstherapie an. Kontakt gibt es unter Tel. (01577) 29 70 96 0 der per E-Mail und im Internet. Das „Cookie’s Veggies“ befindet sich in Hervest an der Halterner Straße 93. Geöffnet hat das Restaurant Mittwoch bis Freitag von 17 bis 22 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 22 Uhr. Kontakt gibt es unter Tel. (02362) 44 44 2 oder im Internet.

Seit zehn Jahren ist Paul Harazim Buddhist. Sein Lehrer gab ihm damals die Aufgabe, zu gucken, wo im Leben er am meisten Leid erzeuge. So kam er zum Veganismus. Wobei der 37-Jährige das Wort gar nicht besonders mag: „Das gibt es so in der Art noch gar nicht so lange. Es ist für viele ein Angstwort, das oft mit einem Extrem verbunden ist.“

Dorstener sammelt Spenden für soziale Zwecke in Nepal

Auf seiner Online-Plattform, die aufgrund von Wartungsarbeiten erst Ende des Monats wieder online sein wird, haben Kunden die Möglichkeit, bei jedem Einkauf 50 Cent zu spenden. Der Erlös fließt in Behindertenwerkstätten, ein Kinderheim und eine Tierschutzorganisation, die sich um Straßenhunde kümmert, in Nepal. Mit dem Land fühlt sich Paul Harazim durch seinen buddhistischen Glauben eng verbunden. Mindestens einmal im Jahr reist er als Reiseleiter mit einer Gruppe interessierter Reisender in das Land. Das nächste Mal geht es für ihn im April dorthin.

Andere bekehren möchte auch Harazim nicht. Er macht sich stark dafür, die lokale Biolandwirtschaft zu unterstützen, für eine humane Preispolitik zu kämpfen und saisonale Produkte zu nutzen.

Wunsch nach mehr Transparenz bei Konsumgütern

Außerdem wünscht er sich mehr Transparenz bei Konsumgütern. Wenn jeder wisse, wo die Produkte herkämen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt würden, könne jeder für sich auf Basis dieser Informationen entscheiden, ob er das Produkt kaufen wolle oder nicht. Er zitiert dabei Ex-Beatle Paul McCartney: „Wenn Schlachthäuser Glaswände hätten, würden alle Menschen vegetarisch leben.“

Vegane Rezeptideen von Heilpraktikerin Sabine Schaar-Sökefeld:
  • Antipasti-Gemüse: Auberginen, Paprika, Zucchini, Champignons und Zwiebeln in Scheiben, Streifen und Stücke schneiden. In der Pfanne oder auf dem Backblech mit basischer Brühe ablöschen, anbräunen, dünsten, garen. Würzen mit Pfeffer, Chili, Ingwer, Kurkuma, Steinsalz und italienischen Kräutern. Dazu passt: Kartoffel-Spalten, Blechkartoffeln, Püree oder Folienkartoffeln.
  • Zucchini-Nudel-Rohkost: 1-2 Zucchini mit einem Spiralschneider in Nudelstreifen schneiden, in kleinen Schüsseln anrichten, mit Salz bestreuen, ziehen lassen und einmal umrühren. Pilze, getrocknete Tomaten, Kürbiskerne, Lauchzwiebeln und nach Belieben Knoblauch in etwas Öl anbraten, mit Salz und Pfeffer würzen und mit den Zucchini-Nudeln mischen.
  • Vegane Mousse au Chocolat: 1 Banane, 1 Avocado und 1 EL Kakaopulver im Mixer pürieren. Nach Belieben mit frischen Beeren der Saison garnieren.
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