Coronavirus und Schwangere: „Kritische Verläufe kommen vor“

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Coronaviren in der Muttermilch und Antikörper bei Neugeborenen: Der Dorstener Frauenarzt Dr. Thomas von Ostrowski zu den drängenden Fragen zum Thema Coronavirus und Schwangerschaft.

Dorsten

, 07.08.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie so viele Mediziner haben auch Dr. Thomas von Ostrowski und sein Team von der Dorstener Praxis für Kinderwunsch und Pränatalmedizin seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich mehr zu tun als vorher. Die Sprechstunden für Risikoschwangere müssten durchgehend aufrecht erhalten werden, um die Geburtskliniken zu entlasten, sagt von Ostrowski, der weiterhin „eine große Unsicherheit bei den Schwangeren und betreuenden Frauenärzten“ feststellt. Im Interview spricht der Experte für Risikoschwangerschaften über den aktuellen Stand bei drängenden Fragen im Zusammenhang mit Schwangerschaften und dem Coronavirus.

Sind Schwangere bei einer Infektion mit Covid-19 einem höheren Risiko ausgesetzt als Frauen, die nicht schwanger sind?

Auf Basis der wenigen bisher bekannten Fälle scheint es, dass schwangere Frauen nicht schwerer erkranken als gleichaltrige Frauen, die nicht schwanger sind. Ob die Schwangerschaft die Ansteckung mit Covid-19 tatsächlich begünstigt, wie zum Beispiel bei anderen Virusinfektionen wie der Grippe, ist unklar.

Ist bekannt, ob Schwangere besonders häufig an Covid-19 erkranken?

Berichten zufolge sind in Deutschland nur wenige Schwangere erkrankt. Publizierte Zahlen gehen von 0,6 Prozent aus. Ich vermute aber, dass die Dunkelziffer höher ist.

Hatten Sie Kontakt zu infizierten Schwangeren?

Ich habe zwei Schwangere mit nachgewiesener Covid-19-Infektion gesehen. Die Infektionen lagen bei beiden mindestens vier Wochen zurück. Die Schwangeren hatten keinerlei Symptomatik bei sich bemerkt. Das deckt sich mit Daten aus Hotspot-Regionen wie New York City oder London. Dort gab es ca. 90 Prozent asymptomatische Verläufe. Dennoch: Kritische Verläufe mit invasiver Beatmung kommen vor.

Im Gegensatz zur Grippe besteht aber offensichtlich keine erhöhte Sterblichkeit unter Schwangeren. Wichtig ist: Jede Schwangere sollte sich im Herbst auf die saisonale Grippe impfen lassen, um nicht eine Doppelinfektion mit Covid-19 und der Grippe zu riskieren.

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Kann eine infizierte Schwangere das Virus auf ihr ungeborenes Kind übertragen?

Sowohl für asymptomatische, milde und schwere Covid-19-Infektionen besteht der Eindruck, dass das Virus in der Schwangerschaft nicht von der Mutter auf das Kind übertragen wird. Auch gibt es keinen Hinweis, dass Covid-19 das Risiko für kindliche Fehlbildungen erhöht. Allerdings ist die Datenlage sehr gering, insbesondere fehlen Langzeitdaten.

Welche Auswirkungen hat eine Infektion der Mutter auf das ungeborene Baby?

Schwangere mit einer asymptomatisch oder mild verlaufenden Infektion haben in der Regel keine größeren Probleme zu erwarten. Empfohlen wird, Ultraschalluntersuchungen alle zwei bis vier Wochen nach Ablauf der Infektion durchzuführen, um sicherzustellen, dass das Kind gut wächst. Hintergrund ist der beobachtete Umstand, dass ungeborene Kinder nach einer mütterlichen Covid-19-Infektion - aber auch nach anderen Virus-Infektionen - nicht mehr so gut wachsen.

Nach überstandener Infektion sollten laut von Ostrowski alle zwei bis vier Wochen Ultraschalluntersuchungen gemacht werden, um sicherzustellen, dass das Kind gut wächst.

Nach überstandener Infektion sollten laut von Ostrowski alle zwei bis vier Wochen Ultraschalluntersuchungen gemacht werden, um sicherzustellen, dass das Kind gut wächst. © dpa

Gibt es weitere mögliche Probleme?

Hohes Fieber in der Frühschwangerschaft ist ein bekanntes Problem, vor allem in der 6. Schwangerschaftswoche. Dadurch können häufiger Entwicklungsstörungen der kindlichen Wirbelsäule und des Gehirns auftreten. Das ist aber nicht typisch für Covid-19, sondern bei allen Infekten möglich, die mit Fieber einhergehen. Das Risiko ist aber niedrig: 2 von 1000 Frauen mit Fieber in der Frühschwangerschaft bekommen ein Kind mit solchen Fehlbildungen.

Ein ebenfalls mit Fieber assoziiertes Problem sind vorzeitige Wehen. Wenn diese - insbesondere bei schwer erkrankten Schwangeren zu erwarten - lange vor dem Geburtstermin auftreten, kann das zu einer Frühgeburt führen. Entsprechend aktueller Publikationen tritt bei Covid-19 etwas häufiger eine Frühgeburt auf. Die Frühgeburtenraten variieren je nach Studie zwischen 15 und 39 Prozent. Ob diese jedoch durch den kritischen Zustand der Mutter bedingt waren oder aber spontane Frühgeburten darstellen, ist in den Fallserien nicht ausreichend differenziert. In den bisherigen Covid-19-Fallserien werden fetale Wachstumsrestriktionen und vermehrte Totgeburten (intrauteriner Fruchttod) berichtet. Eine valide Quantifizierung ist jedoch noch nicht möglich.

Auch ist bekannt, dass bei schwer erkrankten Schwangeren aufgrund der geringen Sauerstoffsättigung das Kind Kompensationsprobleme bei vorzeitigen Wehen aufweisen kann. Es kann sein, dass bei schwer erkrankten Schwangeren eine vorzeitige Entbindung erforderlich ist. Fehlgeburten treten während der Pandemie nicht häufiger auf. Die Datenlage ist für eine abschließende Beurteilung noch unzureichend.

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Kann eine infizierte Mutter das Virus unmittelbar nach der Geburt auf das Baby übertragen?

Es ist derzeit nicht klar, ob mit Covid-19 infizierte Mütter von den Neugeborenen getrennt werden sollten oder nicht. Je nach Land gibt es unterschiedliche Empfehlungen: In Deutschland gilt die Empfehlung, dass positiv getestete Mütter zwar isoliert, aber nicht vom Kind getrennt werden, solange es der Gesundheitszustand von Mutter und Kind zulässt.

Grundsätzlich gilt es natürlich zu vermeiden, dass das Neugeborene angesteckt wird. Die Mutter sollte sich vor jedem Kontakt zum Kind die Hände waschen und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Es sollte außerdem immer vermieden werden, in der Nähe des Kindes zu husten oder zu niesen. Wenn das Kind nicht gerade versorgt wird, sollten mindestens zwei Meter Abstand gehalten werden.

Bei frisch Neugeborenen konnten Covid-19-Antikörper nachgewiesen werden, vermutlich sind das von der Mutter übertragene Antikörper. Es gibt Berichte über Neugeborene, bei denen etwa zwei bis vier Tage nach der Geburt eine Infektion nachgewiesen wurde. Da wird vermutet, dass die Infektion nach der Geburt erfolgt ist.

Ist eine Übertragung des Virus über die Muttermilch möglich?

In der Muttermilch wurde das Virus bislang in einem Fall in China und in Deutschland nachgewiesen. Die Muttermilch scheint allerdings sicher zu sein, selbst wenn die Schwangere an Covid-19 erkrankt ist. Stillen wird auch bei einer Infektion mütterlicherseits befürwortet, das ist internationaler Konsens.

Können vorgeburtliche Routine-Termine bedenkenlos verschoben werden, wenn sich eine Schwangere beispielsweise in Quarantäne befindet?

Eine häusliche Quarantäne darf nicht zu einer Versorgung unterhalb des Standards führen. Im Gegenteil: Darüber hinausgehende Untersuchungen erscheinen sogar sehr sinnvoll. Das geschieht dann risikoadaptiert. Bei einer Infektion in der Frühschwangerschaft sollte eine individuelle Risikoanalyse erfolgen. Vor dem Hintergrund einer möglichen Insuffizienz des Mutterkuchens infolge einer Covid-19-Infektion erscheint ein Screening auf Schwangerschaftsvergiftung sinnvoll.

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