Coronavirus: Eltern bombardieren Familienpraxis Dorsten mit Anrufen

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Die Zündschnur ist denkbar kurz, die Nerven liegen blank: Einen noch nie dagewesenen Ansturm erlebt zurzeit die Familienpraxis in Holsterhausen. „Die Gesamtsituation macht Familien fertig.“

Dorsten

, 14.04.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Natascha Schäfer ist Praxisleiterin und Inhaberin der Familienpraxis Dorsten. Seit der „Verbannung“ von Familien in die eigenen vier Wände, klingelt das Telefon in ihrer Praxis Sturm. Besonders schlimm sei es in den ersten Tagen nach der neuen Verordnung gewesen: „Mein Team hätte Tag und Nacht da sein müssen, um alle Anrufe zu beantworten“, so Schäfer.

Natascha Schäfer

Natascha Schäfer © privat

Sie führt die hohe Nachfrage darauf zurück, dass die wegen Corona verhängten Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der persönlichen Bewegungsfreiheit die Nerven von Eltern, Kindern und Heranwachsenden blank legen: „Die Zündschnur ist kurz. Viele Eltern machen Homeoffice, betreuen gleichzeitig ihre Kinder und stehen deshalb massiv unter Druck“, sagt die Diplom Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Soziotherapeutin, Familientherapeutin und Kinder- und Jugendlichentherapeutin.

Massive Belastung von Eltern und Kindern

Angst vor Arbeitslosigkeit. Kurzarbeit. Homeoffice. Kinder, die quengeln und beschäftigt werden wollen. Das alles zusammen ergebe eine explosive Mischung. „Wir betreuen schon eine Reihe von Familien und Kindern, aber es sind so viele in den letzten Wochen dazu gekommen“, sagt Schäfer.

Ihre Praxis könne Fälle aber erst übernehmen, wenn ein Kinder- und Jugendpsychiater das anordne oder das Jugendamt die Kosten für die Behandlung übernehme. Einige Eltern seien am Ende ihrer Kraft und bereit, die Kosten für ein Erstgespräch aus eigener Tasche übernehmen.

Viele Ansprechpartner sind nicht erreichbar

Natascha Schäfer fände es in diesen Tagen gut, „wenn schneller agiert werden könnte“. Leider seien aber sowohl therapeutische Tageskliniken oder Praxen auf den Minimalbetrieb heruntergefahren worden. Auch im Jugendamt seien die zuständigen Mitarbeiter für einzelne Bezirke nicht immer erreichbar. „Familien wenden sich deshalb an uns“, so Schäfer. „Sie wissen nicht mehr weiter, das ist der Grund, warum sie Hilfe suchen.“

Was Eltern auch fertig macht: „Der Druck, der über die Schulen mit dem Homeschooling ausgeübt wird und der Zwang, den Elterngruppen verbreiten.“ So forderten besonders ambitionierte Eltern andere im überbordenden Aktionismus dazu auf, den Sportunterricht ihrer Kinder nicht zu vernachlässigen, damit die Jungen und Mädchen fit bleiben. Als Aufhänger dient diesen Eltern ein Youtube-Video, das wohl auch in Dorsten viral geht: Alba Berlin.

Albas tägliche Sportstunde - ein Muss für ambitionierte Eltern

Albas tägliche Sportstunde für Grundschüler und ältere Kinder treibt eher Eltern die Schweißperlen in die Stirn. „Sie sollen arbeiten, gleichzeitig ihre Kinder in Bewegung halten und beschäftigen. Das geht nicht“, sagt die Therapeutin. Sie rät zu gesundem Menschenverstand und dazu, alle Fünfe gerade sein zu lassen und notfalls die Kinder für eine überschaubare Zeit vor dem Fernseher zu parken.

Neben alltäglichen Kümmernissen, die sich zu handfesten Konflikten auswachsen können, kriegen Eltern und Kinder in der häuslichen Enge aber auch wegen lange schwelender Familienprobleme, die unvermittelt hervorbrechen, die Krise. „Ältere Kinder können sich dem entziehen, indem sie zu Freunden gehen. Die jüngeren Kinder geraten aber womöglich zwischen die Fronten“, sagt die Familientherapeutin.

Bevor alle Stricke reißen und die Situation den Familien über den Kopf wächst, rät die Leiterin der Familienpraxis, zum Telefon zu greifen. „Wir können zwar nicht alles auffangen, versuchen aber, zu vermitteln“, sagt Schäfer.

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