Ob am Samstag auch in Dorsten Plakate von Politikern in Sträflingskleidung, wie hier am 21. November in Baden-Württemberg, zu sehen sein werden? © dpa
Querdenker-Demonstration

Corona-Erkrankte findet: Skeptiker „spielen mit dem Feuer“

Am Samstag treffen sich in Dorsten Querdenker. Der Vater einer an Corona erkrankten Frau wendete sich deshalb an unsere Redaktion und wirbt in einem Brief für einen differenzierten Blick.

Am Wochenende treffen sich Corona-Skeptiker und Querdenker auf dem Platz der Deutschen Einheit in der Innenstadt. Einen Dorstener, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben will, veranlasste die Ankündigung der Demonstration dazu, einen Leserbrief zu formulieren. Sein Brief beginnt mit dem Satz: „Ich freue mich, wenn für die Freiheit demonstriert wird. Ich hoffe, es wird auch für die Freiheit meiner Tochter demonstriert.“

Der Lockdown in Frankreich war viel härter als hierzulande

Die Tochter des Lesers bekam am 18. März Symptome: Halsschmerzen, die schnell wieder weggingen, und ein enges Brustgefühl. Noch heute, neun Monate später, leidet sie an den Spätfolgen der Erkrankung.

Die 40-jährige, zweifache Mutter arbeitet im französischen Nancy, wo sie seit ihrem Studium auch lebt. Sie warnt: „Ich sehe nicht gerne, wie in Deutschland mit dem Feuer gespielt wird.“ Was sie in Frankreich erlebt hat, könne jederzeit auch in Deutschland passieren. „Es liegt nicht an Frankreich, es liegt an der Pandemie. Das Gesundheitssystem hier ist eigentlich gut.“

Die Lockdown-Maßnahmen in Frankreich und Deutschland seien nicht vergleichbar. In Deutschland, so die Ansicht des Briefeschreibers, bemühe man sich um „Ausgewogenheit“.

Im Nachbarland durften nicht einmal Handwerksbetriebe Aufträge abarbeiten, als im Frühjahr das öffentliche Leben stillgelegt wurde. Die Familie seiner Tochter hatte zu der Zeit gerade einen Umbau im Haus gestartet. Plötzlich mussten die Arbeiten unterbrochen werden.

Als dann das Ehepaar gleichzeitig erkrankte, stellte sie die Situation im Haus vor große Probleme. Nur im oberen Stockwerk sei noch ein Bad gewesen. Als die Krankheit akut war, habe es die Tochter nicht geschafft, die Treppen in Richtung Waschraum hinaufzusteigen.

Keine ärztliche Betreuung trotz akuter Erkrankung

Auch die Überforderung des Gesundheitssystems habe das Ehepaar zu spüren bekommen. „Mein Schwiegersohn bekam eine Nacht so schlecht Luft, dass er den Rettungswagen rief“, berichtet der Dorstener. Er sollte ein paar Übungen machen, wie etwa die Luft anhalten. Da er die Übungen schaffte, rieten die Notärzte ihm, nochmal anzurufen, wenn es schlimmer werde.

In der Nähe von Nancy liegt Strasbourg. Das dortige Krankenhaus Hautepierre nimmt momentan Patienten aus anderen Regionen des Landes auf, wo die Krankenhäuser schon ausgelastet sind. © dpa © dpa

„Es hat keine ärztlich Betreuung gegeben“, klagt der Vater. Ob auch die Kinder (7 und 10) die Krankheit durchmachten, weiß das Ehepaar bis heute nicht. Tests wurden im Frühjahr nicht gemacht. Der Mann versucht dennoch, Verständnis aufzubringen. Die Ärzte hätten ja schließlich ob der unbekannten Erkrankung wenig ausrichten können.

Noch heute kämpft die 40-Jährige, die vorher sportlich und kerngesund war, mit Nebenwirkungen. Eine Lungenembolie sei das „geringere Übel“ gewesen, wie der Vater im Leserbrief schreibt. „Schlimmer sind die chronische Erschöpfung und die begleitenden Gliederschmerzen. Seit neun Monaten ist meine Tochter jetzt arbeitsunfähig und keiner kann ihr sagen, wann es zu Ende ist. Ihr Arbeitsplatz ist in Gefahr.“

Eine Reha-Maßnahme kann die Frau erst antreten, wenn sie von einem Spezialisten untersucht wurde. Ihr Termin? Im August 2021. „Die Ärzte haben alle Hände voll zu tun mit akuten Covid-19-Fällen“, weiß die zweifache Mutter.

Querdenker machen es sich zu einfach

Der Dorstener will mit diesen privaten Einblicken darauf aufmerksam machen, dass es schwer ist, im Bezug auf Corona klare Aussagen zu fällen. Das ist es wohl auch, was ihn an manchen Äußerungen sogenannter „Querdenker“ stört. „Die machen es sich zu einfach“, findet er.

Seine Anmerkungen schließt er mit den Worten: „Freiheit ist ein hohes Gut und Querdenken ist notwendig, um sie zu bewahren. Aber Denken ist selten einfach.“

Seine Tochter glaubt: „Ich habe den Eindruck, das ist Wunschdenken der Skeptiker und Leugner. Diese Leute wissen nicht, worum es wirklich geht. Die Krankheit kann jeden treffen.“

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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