„Homeschooling“: Für viele Eltern und Lehrende in Corona-Zeiten ein Reizthema. Ines Ehmanns erlebt den Heimunterricht als Mutter und Lehrerin - in Dubai. Und exportiert Ideen nach Dorsten.

Dorsten

, 16.05.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rund 5000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Dorsten und Dubai. Die Probleme in Corona-Zeiten sind aber ähnlich. Ines Ehmanns war - mit Babypause - von 2010 bis 2017 Lehrerin an der Wilhelm-Lehmbruck-Schule in Dorsten-Östrich. Als ihrem Mann eine Arbeitsstelle in Dubai angeboten wurde, zog die vierköpfige Familie vor drei Jahren in den fernen Wüstenstaat.

Dort erhielt Ines Ehmanns die Möglichkeit, an der Deutschen Internationalen Schule Dubai wieder als Lehrerin zu arbeiten. „Zunächst in DaF/DaZ (Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache) und im Förderbereich.“ Im September 2019 schulte sie ihre eigene Klasse ein. „Unser Klassentier heißt Salu. Das ist ein Saluki, ein Wüstenhund.“ International ist die Schule nicht nur dem Namen nach: „Als mein Sohn dort in die dritte Klasse kam, gab es dort 20 Schüler mit 18 Nationalitäten.“

Schule wurde geschlossen

Unterricht, wie Ines Ehmanns ihn früher in Dorsten geben konnte, war ab März 2020 nicht mehr möglich: Das Schulministerium hatte, wie in Deutschland, wegen der Coronakrise die Schließung der Schule verfügt. Eine zumindest tageweise Rückkehr der Schüler wie in Deutschland gibt es auch jetzt und bis September nicht. Was im neuen Schuljahr passieren wird, steht noch in den Sternen.

Seit acht Wochen ist deshalb Homeschooling angesagt. „Wir mussten relativ schnell ein Konzept entwickeln“, sagt Ines Ehmanns. Zuerst habe sie gedacht: „Das überfordert dich total. Wie soll das gehen?“ Jetzt hält sie drei Zoom-Konferenzen pro Tag. Jeweils 45 Minuten spricht sie mit den Kindern ihrer Klasse, die in drei Lerngruppen zu sieben bis acht Kindern aufgeteilt sind. Zusätzlich fördert sie einen Schüler mit täglich 15 Minuten Zoom-Zeit. Hinzu kommen zwei Sprechstunden pro Woche.

„Super motiviert“

Funktioniert das? Nur ganz vereinzelt würden mal Verbindungen abreißen, sagt Ines Ehmanns. Die Schüler seien „super motiviert“ und freuten sich auf die Konferenzen. Für viele Wochen waren dies auch Möglichkeiten, mal jemanden außerhalb der Familie zu sehen. Denn der Lockdown war in Dubai so streng, dass man sogar einen Antrag stellen musste, um Einkaufen zu gehen - und das auch nur alle drei Tage.

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Die technischen Voraussetzungen für Video-Konferenzen seien bei allen ihren Schülern vorhanden, sagt Ines Ehmanns. „Es gibt in Dubai mehr vermögende Familien, die sich das leisten können.“ Für die Kinder muss Schulgeld bezahlt werden, was oft die Firma der Eltern übernehme, die nach Dubai entsandt werden. „Die Situation ist sicherlich anders als an den meisten Schulen in Deutschland“, sagt Ehmanns. Ab der dritten Klasse hätten alle Kinder iPads an der Schule. „Die Eltern mussten das bezahlen.“

Zusätzliche Lernvideos

Mit den drei Konferenzen und der Vor- und Nachbereitung ist es für Ines Ehmanns aber nicht getan. „Die Schule hat von den Lehrkräften gefordert, den Schülern zusätzliche Lernvideos zur Verfügung zu stellen.“ Ehmanns probierte einiges aus, filmte sich selbst mit dem Handy, das auf einem Stativ aufgebaut war. „Aber das war von der Tonqualität zu schlecht.“

Sie überlegte sich andere Möglichkeiten, Lernmaterial auf Videos zu übertragen. „Da bin ich recht schnell auf Powerpoint gekommen.“ Präsentationen als Videos zu speichern und zu vertonen, war aber nur der erste Schritt. „Das waren riesige Dateien.“ Um die zu ihren Schülern zu bekommen, wurde Ehmanns „YouTuberin“, startete dort am 21. März einen Kanal unter ihrem Namen.

Mit einer Kollegin, die Mathe gibt, hat Ehmanns bereits mehr als 50 Videos produziert. Die kommen auf mehr als 10.000 Aufrufe, der Kanal hat mehr als 100 Abonnenten - Tendenz steigend. Nicht nur in ihrer Klasse und bei den Eltern stieß der Kanal auf Interesse. Als Ehmanns auf Facebook ihre neue Art des Unterrichts vorstellte, stieß das bei befreundeten Lehrerinnen aus Dorsten auf viel Interesse und es gab auch schon Anfragen, ob man die Videos für eigene Unterrichtszwecke nutzen könne.

Mit anschaulichen Videos auf YouTube unterrichtet Ines Ehmanns Kinder in Dubai.

Mit anschaulichen Videos auf YouTube unterrichtet Ines Ehmanns Kinder in Dubai. © Ehmanns

Neben der Vermittlung des Stoffs müssen Lehrer aber auch kontrollieren und Leistungen bewerten. Wie klappt es damit in Dubai? „Wir haben eine Unterrichtsplattform, „Showbie“, auf der wir Unterrichtsmaterial hochladen.“ Kinder können dort Arbeitsblätter bearbeiten und wieder hochladen. „Ich kann das digital kontrollieren und korrigieren“, sagt Ehmanns. Bei den Zoom-Konferenzen seien die Eltern der Kinder nicht mit dabei und dann lässt sich Ehmanns zwischendurch auch mal am Bildschirm zeigen, ob die Kinder die Aufgaben richtig lösen.

„Etwas ganz anderes, vor der Klasse zu stehen“

Dass „Schule mit Frau Ehmanns“ auf iPads und Laptops stattfindet, „ist für meine Schüler normal geworden. Dass es so hervorragend funktioniert, hätte ich nicht gedacht“, sagt sie - auch als Mutter, denn ihre Kinder werden ebenfalls per Homeschooling unterrichtet. Ehmanns vermisst aber den direkten Kontakt zu den Kindern: „Es ist was ganz anderes, vor der ganzen Klasse zu stehen, als dreimal eine ähnliche Konferenz mit gleichen Inhalten zu halten.“

Familie Ehmanns hofft, im Sommer nach Dorsten kommen zu können. „Langsam wird es warm“, sagt Ines Ehmanns. „Heute hatten wir 37 Grad, das ist noch mild.“ Im Juli sind 48 Grad keine Seltenheit. Ob der Dorsten-Urlaub klappt, hängt von Einreisebestimmungen und Infektionszahlen ab. Zum Ramadan seien viele Beschränkungen gelockert worden. „Wir haben den Eindruck, dass die Fälle wieder in die Höhe gehen.“ Der ständige Blick auf die Zahlen - manches ist eben doch wie in Dorsten.

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