Cornelia Funke in den USA: „Ich habe keine Angst vor dem Tod“

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Die Proteste, die die USA erschüttern, sind weit entfernt von ihrer Farm in Malibu. Für die in Dorsten aufgewachsene Bestsellerautorin Cornelia Funke aber haben sie sogar etwas Tröstliches.

von Jutta Rinas

Los Angeles, Dorsten

, 19.07.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Schriftstellerin Cornelia Funke ist Deutschlands international erfolgreichste Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie hat seit ihrem ersten eigenen Bilderbuch „Die große Drachensuche“ (1988) mehr als 60 Bücher veröffentlicht. Ihre Titel wurden in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 26 Millionen Mal verkauft.

Die heute 61-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder wuchs in Dorsten auf, ging als junge Frau nach Hamburg. 2005 übersiedelte Funke mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann und beiden Kindern nach Los Angeles, im selben Jahr wählte sie das „Time Magazine“ in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.

Frau Funke, ich erreiche Sie telefonisch auf Ihrer Avocadofarm in Malibu, wo Sie leben und arbeiten. Man liest, es gibt Hunde dort, Esel, Hühner, viele Avocadobäume. Können Sie diesen Ort genauer beschreiben?

Also, Hühner gibt es nicht. Enten gibt es, Pekingenten, die mein Sohn vor dem Kochtopf gerettet hat. Dann ist gerade ein kleiner Babyesel geboren worden, Mateo, der ist jetzt eine Woche alt, und meine zwei Hunde Jake und Tabby. Als ich dieses Grundstück vor zweieinhalb Jahren kaufte, waren die meisten Bäume am Sterben. Viele andere Pflanzen sahen auch traurig aus. Es war trotzdem ein sehr verzaubertes Grundstück. Viele Bäume sind so alt: Die Nachbarn erzählen, dass sie sie als Kinder gepflanzt haben.

Das klingt idyllisch. Aber wie ist es jetzt in Zeiten der Unruhen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd. Wird da selbst Ihre Farm ein Unruheort?

Nein, die Proteste sind für mich sogar eher eine tröstliche Erfahrung. Als das Coronavirus in den vergangenen Monaten das Leben bestimmte, habe ich mir große Sorgen gemacht, dass wir danach einfach zurückgehen in unser normales Leben. Ich finde es sehr gut, dass die Probleme, die Amerika seit so vielen Jahren hat, jetzt so wortgewaltig und weitgehend friedlich auf die Straßen getragen werden. Für mich ist es viel bedrohlicher, wenn Rassismus, Unrecht, Armut totgeschwiegen werden. Als Deutsche weiß ich, was passierte, als viele Menschen stillhielten und dachten, es geht vorbei. Nichts ist vorbeigegangen.

Dennoch: Sogar der Bürgermeister von Malibu hat unlängst betont, dass die Polizei in absoluter Alarmbereitschaft sei. Er sagte, dies sei für viele eine beängstigende Zeit. Wie ist das für Sie?

Mir macht Angst, wie viel Ungerechtigkeit in der Welt nicht angefasst wird. Aber die Proteste? Sie sind nicht einmal in die Nähe von Malibu gekommen. In dieser Hinsicht ist Malibu ein verschlafenes Dorf am Ozean. Die wenigen Demonstranten standen an einer Kreuzung. Es hat keine Zerstörung gegeben. In Santa Monica sah das schon sehr anders aus.

Sie beschäftigen sich tagsüber so viel mit Wörtern, dass Sie abends oft, so nennen Sie es, „Wortvergiftung“ haben. Wie nah lassen Sie Nachrichten wie die vom Tod von George Floyd an sich heran? Haben Sie sich das Video von seinem Tod angeschaut?

Ich schaue mir nicht an, wie ein Mensch stirbt. Ich käme mir vor wie ein Voyeur. Ich habe genug Fantasie, mir vorzustellen, wie furchtbar das ist. Natürlich habe ich alle Berichte darüber gelesen. Ich habe mir auf den Rat eines Freundes hin die unvergessliche Dokumentation „The 13th“ angeschaut. Sie zeigt, wie das Gefängnissystem in den USA als moderne Form der Sklaverei missbraucht wird und analysiert auf brillante Weise, wie Schwarze kriminalisiert werden.

So viele Menschen sind hier im Gefängnis, ohne dass sie je vor Gericht kommen. Ich spende derzeit große Summen an Organisationen, die Kautionen stellen und afroamerikanische Frauen und Mädchen unterstützen. Aber der Rassismus richtet sich natürlich wie in Europa und überall in der Welt gegen alles Fremde und Andere. Ich spende auch für die Kinder in den Lagern an der mexikanischen Grenze. Kurz: Ich sitze nicht auf meiner idyllischen Farm und tue so, als passierte nichts. Wenn man das Glück hat, an so einem Ort zu wohnen, muss man ihn teilen. Wir machen hier viele Veranstaltungen für kranke Kinder, Familien aus der Stadt, Naturschutzaktivisten und so weiter und so weiter.

Sie bezeichnen sich als „Wortfischerin“, als eine Erzählerin, die ihre Antennen ausfährt, die Empfindungen anderer Menschen förmlich aufsaugt. Spielt die Situation in den USA für Ihr Schreiben eine Rolle?

Wenn das nicht so wäre, wäre ich eine sehr schlechte Schriftstellerin. Wenn man den Anspruch hat, in Worte zu fassen, was unsere Erfahrung als Menschen ist, darf man sich nicht von dem isolieren, was uns Angst macht. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich Leser in allen Farben dieser Welt habe. Ich freue mich, wenn mir ein Junge schreibt, dass der Schwarze Prinz aus „Tintenblut“ ihm jahrelang durchs Leben geholfen hat. Oder wenn mir indische Jugendliche sagen, dass ich ihre Kindheit bin, obwohl ich die Bücher in Hamburg geschrieben habe. Als Geschichtenerzählerin habe ich auch die Aufgabe zu zeigen, dass all das Gerede über Nationalitäten schlicht und einfach Blödsinn ist.

Sie haben gerade die ersten Kapitel des vierten Bandes der „Tintenwelt“ veröffentlicht. In „Die Farbe der Rache“ geht es um die unterschiedliche Kraft der Bilder und der Worte. Wird sich Ihr Blick darauf durch George ­Floyd verändern? Sein Tod sorgt ja auch deshalb weltweit für Aufsehen, weil es ein Video von der Tat gibt.

Mein Buch spielt ja in einer mittelalterlichen Welt. Es geht darum, ob wir mit Bildern, die wir selbst erschaffen haben, mehr erreichen können als mit Worten. Als ich mit „Die Farbe der Rache“ anfing, habe ich viel gezeichnet, illustriert, meine Figuren gezeichnet, bevor ich sie beschrieb. Mir schien tatsächlich, dass Bilder das mächtigere Werkzeug sind. Dann aber schrieb ich das Buch zu meinem Lieblingsfilm, Guillermo del Toros‘ oscarprämiertem Meisterwerk „Pans Labyrinth“. Da haben mir die Worte bewiesen, wie mächtig sie sind. Sie konnten dem Film erstaunlicherweise noch etwas hinzufügen.

Es ist jetzt 13 Jahre her, dass Sie den dritten Teil der „Tintenwelt“ veröffentlicht haben. Die Kinder von damals sind heute erwachsen. Wer wird jetzt Ihr Publikum sein?

Ich glaube, dass ich es bei „Farbe der Rache“ mit Lesern zu tun haben werde, die „Tintenherz“ wesentlich später gelesen haben, als es entstanden ist, mit 20- bis 45-Jährigen. Mein Vorteil ist, dass meine Tintenwelt immer recht alterslos war. Es ist nicht das klassische Kinderbuch.


Sie haben die ersten Kapitel aus dem vierten Band Ihrer „Tintenwelt“ als Geschenk in Zeiten der Corona-Pandemie veröffentlicht. Wie nahe ist Ihnen die Krankheit gekommen? Hatten Sie Angst, sich anzustecken?

Nein, ich habe diese Angst einfach nicht. Irgendwann werde ich das Virus vermutlich kriegen. Es wird sich nicht so schnell aus der Welt verabschieden. Ich glaube, ich habe eine gute Chance, es zu überleben. Aber wenn nicht, dann nicht. Ich habe ein so fantastisches Leben gehabt. Ich habe keine Angst vor dem Tod.

Ist das wirklich so?

Ja, das war schon immer so, selbst als Kind. Aber ich habe natürlich Angst vor dem Tod anderer. Deshalb ist das Virus für mich bedrohlich: wegen all der Menschen, die ich liebe. Ich wäre sicher nicht glücklich, wenn ich es mir einfangen würde, aber das ist nichts, was mich emotional beschäftigt. Schade finde ich, dass all die jungen Künstlerinnen, die ich zum Arbeiten auf meine Farm eingeladen hatte, wegen Corona nicht kommen konnten. So viele Projekte musste ich aufs nächste Jahr verschieben. Da ist mir das Virus schon nahegekommen.


Sie haben schon öfter gesagt, dass Sie mittlerweile Amerika als Ihr Zuhause empfinden. Ist das auch nach Corona, auch nach diesen Unruhen, noch so?

Das ist es, ohne Zweifel. Meine beiden Kinder und viele meiner engsten Freunde leben hier. Ich bin immer noch verzaubert vom Multikulturellen dieser Nation. Auch wenn man sich in Amerika gegenseitig das Leben so schwer macht, ist es dennoch eine Gesellschaft, die sich nicht wie Europa hauptsächlich durch Weiße, sondern ebenso durch Latinos, Asiaten und Afroamerikaner definiert.

Am 23. November 2020 erscheint unter dem Titel „Reckless. Auf silberner Fährte“ der vierte Band der „Spiegelwelt“-Reihe. Diesmal hat sich die Schriftstellerin von japanischen und persischen Märchen inspirieren lassen.
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