Chefärztin Haeseler erklärt, wie eine Organtransplantation abläuft

dzInterview zur Organspende

Chefärztin Gertrud Haeseler ist Transplantationsbeauftragte im St.-Elisabeth-Krankenhaus. Sie erklärt, wie eine Organtransplantation abläuft und was sie wichtiger findet als den Ausweis.

Dorsten

, 20.12.2018, 15:42 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie haben 16 Jahre lang an der medizinischen Hochschule in Hannover gearbeitet, die über das größte Transplantationszentrum in Deutschland verfügt, und sind seit zehn Jahren Transplantationsbeauftragte im Dorstener Krankenhaus. Was heißt das?

Wir sind ein Entnahmekrankenhaus, das bedeutet, dass wir Organspenden durchführen können. Ich bin ausgebildet und begleite die Kollegen auf der Intensivstation, prüfe, ob es dort Patienten gibt, die als Organspender infragekommen und leite dann den Prozess in die Wege. Das ist bei uns allerdings nicht häufig der Fall. 2017 konnten wir eine Organspende realisieren.

Woran liegt das?

Wir haben keine Neurochirurgie und keine Neurologie, also werden bei uns eher selten Menschen eingeliefert, die durch einen Unfall eine schwere Kopfverletzung haben, die einen schweren Schlaganfall oder eine Hirnblutung haben. Sie werden direkt in die Krankenhäuser mit solchen Stationen gefahren, weil man ihnen dort am ehesten helfen kann. Kann dem Patienten dann nicht mehr geholfen werden und der Hirntod tritt ein, wird er auch dort zum Organspender. Deswegen gibt es in solchen Krankenhäusern mehr Organspenden. Der Hirntod, der von zwei Ärzten unabhängig voneinander bestätigt werden muss, ist die Grundvoraussetzung für die Organspende. Viele verwechseln das mit dem Koma.

Wo liegt der Unterschied?

Ein Koma ist eine Störung des Bewusstseins und damit natürlich das Leitsymptom einer Hirnfunktionsstörung. Erstmal hat aber ein Koma mit Hirntod nichts zu tun, weil in aller Regel die Ursache des Komas behandelbar ist. So ist z.B. eine Narkose ein sogenanntes „künstliches“, reversibles Koma. Bei einem Koma gibt es verschiedene Schweregrade, die das Ausmaß der Störung anzeigen.

Von einem Hirntod wird erst gesprochen, wenn neben dem Bewusstsein auch die ableitbaren Hirnströme (EEG), sowie Pupillenreaktion, Lidschluss, Husten- und Schluckreflex ausfallen. Bei der Hirntoddiagnostik muss zudem der genaue Nachweis erbracht werden, dass die Hirnfunktionsstörung keine behandelbaren Ursachen hat (z.B. internistische Erkrankungen, Einfluss von Betäubungsmitteln oder Giften). Außerdem muss der Nachweis der Irreversibilität (Umumkehrbarkeit) erbracht werden.

Wenn Sie feststellen, dass ein irreversibler Hirnfunktionsausfall vorliegt, was tun Sie dann?

Wir kontaktieren die Angehörigen, egal, ob ein Organspendeausweis vorliegt oder nicht. Wenn ein Organspendeausweis vorliegt, brauchen wir zwar nicht ihre Einwilligung zur Entnahme, aber ich halte es für ganz wichtig, die Angehörigen trotzdem in den Prozess mit einzubeziehen. Bei jeder schweren OP, bei der der Patient sich selbst nicht mehr äußern kann, wird mit den Angehörigen gesprochen. Dann muss das meiner Meinung nach hier auch passieren.

Deswegen ist es auch ganz wichtig, dass jeder Mensch sich eine Einstellung zum Thema Organspende erarbeitet und diese seinen engsten Angehörigen mitteilt. Das gibt Sicherheit und so können die Angehörigen im Sinne des Patienten entscheiden, auch ohne Ausweis, der ja auch verloren gehen kann. Unserer Erfahrung nach sind es zu 90 Prozent die Angehörigen, die die Zustimmung zu einer Organspende geben.

Wenn die Angehörigen zustimmen, was passiert dann?

Wenn die Angehörigen zustimmen, wird die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) von uns eingeschaltet und leitet den Prozess der Organspende ein. Dieser Prozess läuft präzise wie ein Uhrwerk, und wird durch einen Mitarbeiter der DSO von Anfang bis Ende begleitet. Zunächst werden Labor-Parameter des Spenders erhoben, die Auskunft darüber geben, welche Organe überhaupt für eine Spende in Frage kommen.

Dann wird anhand des genetischen „Fingerabdruckes“ des Spenders nach geeigneten Empfängern gesucht. Dieser Prozess muss sehr schnell gehen, denn nach eingetretenem Hirntod muss der Kreislauf und die Organfunktion des Spenders mit intensivmedizinischen Maßnahmen aufrechterhalten werden (künstliche Beatmung, häufig Gabe von kreislaufunterstützenden Medikamenten). Sind geeignete Empfänger gefunden, kommen die Entnahme-Teams. Dies sind häufig Ärzte derjenigen Transplantationszentren, die die Empfänger dann weiterversorgen.

Dies ist dann der Zeitpunkt, an dem der Spender in den Operationssaal gebracht wird. Dort erfolgt die Explantation: Das Entnahme-Team, das grundsätzlich von einem Mitarbeiter der DSO begleitet wird, entnimmt jeweils eines oder mehrere Organe.

Nach der Operation können Angehörige vom Verstorbenen ganz normal Abschied nehmen. Es ist ganz wichtig, dass all diese Schritte vorher mit den Angehörigen besprochen werden, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den Ärzten und den Angehörigen besteht.

Ist das nach dem Organspende-Skandal in Kliniken in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig, wo Mediziner um das Jahr 2010 herum Krankenakten gefälscht haben sollen, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen, umso wichtiger geworden?

Da ist viel Vertrauen zerstört worden. Was es braucht, ist Transparenz, um dieses Vertrauen wieder herzustellen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es in Deutschland nur noch einige große Transplantationszentren gibt. Dort könnte dann auch mehr Fachpersonal vorgehalten werden, gerade für schwierige Herz- und Lungentransplantationen.

Gut wäre es auch, wenn nach der Transplantation nachgehalten werden würde, ob der Patient von dem neuen Organ profitiert. Geht es ihm besser? Wenn ein junger Mensch die Lunge eines Rauchers bekommt, dann erbt er auch das Risiko, das dies mit sich bringt. Dieser Fall geht gerade durch die Fachmedien: Eine Patientin hatte die Lunge eines Rauchers bekommen und war einige Zeit nach der Transplantation an einem Bronchialkarzinom erkrankt und hat geklagt! Da muss von Fall zu Fall abgewogen und entschieden werden, ob transplantiert wird oder nicht. Das passiert bisher zu wenig.

Es gibt ja auch die Schauervorstellung, dass die Diagnose Hirntod möglicherweise vorschnell gestellt wird und Organe entnommen werden, obwohl der Patient noch zu retten gewesen wäre. Ein System von Fehlanreizen, möglicherweise hohe Prämien für Kliniken, die Organspender haben, stecke dahinter?

Kein Krankenhaus macht das für Geld. Bisher ist es ein Zuschussgeschäft. Bald soll es aber wenigstens kostendeckend finanzierbar sein. Die Unsicherheiten im Zusammenhang mit Hirntoddiagnostik und Organspende wird man nie völlig ausräumen können. Das einzige Gegenmittel ist, die Angehörigen von Anfang an in den Prozess mit einzubeziehen und lückenlos über alle Befunde und medizinischen Maßnahmen aufzuklären. Nur wenn die Angehörigen die Möglichkeit haben, jeden Schritt mit zu begleiten, kann das notwendige Vertrauen aufgebaut werden.

Eine Organspende im Jahr 2017 in Dorsten, davor einige Jahre keine einzige - rechtfertigt das die Aufrechterhaltung des Systems und eine Transplantationsbeauftragte?

Es ist ganz wichtig, dass alle Krankenhäuser diese Infrastruktur vorhalten. Wenn in jedem Krankenhaus im Jahr nur ein Patient seine Organe spendet, wird vielen geholfen. Denn man darf nicht vergessen: Jeder einzelne Spender hilft nicht nur einem Empfänger, sondern gleich einer ganzen Reihe von Menschen - es gibt zwei Nieren, ein Herz, eine Leber, zwei Lungenflügel, Haut... Jeder Mensch kann also sehr viel bewirken.

Die Zahl der Organspender in Deutschland sinkt seit Jahren relativ gleichmäßig - von 1046 im Jahr 2012 auf 797 im Jahr 2017. In anderen Ländern, allen voran in Spanien, gibt es deutlich mehr Organspender. Deutschland, der Export-Weltmeister, ist einer der Hauptimporteure von Organen aus anderen Ländern. Woran liegt das?

Das liegt nicht nur daran, dass sich hier vergleichsweise wenige Menschen zur Organspende entschließen. Das hängt auch daran, dass die Schlaganfallversorgung bei uns sehr gut ist und wir ein sehr gutes Rettungsdienstsystem haben. Die Menschen sind in kurzer Zeit im Krankenhaus und erstversorgt.

Außerdem gilt in Deutschland die sogenannte Zustimmungslösung, das heißt der Spender selbst oder die Angehörigen müssen aktiv der Spende zustimmen, sonst kann sie nicht realisiert werden. In anderen Ländern- auch im europäischen Ausland- gelten hier teilweise andere Regelungen.

In Spanien gilt zum Beispiel die Widerspruchslösung. Außerdem ist der Herzstillstand und nicht der Hirntod die Voraussetzung, Organspender zu werden, sprich: Wenn erfolglos reanimiert wird, können Organe entnommen werden. Und weil deutlich mehr Menschen einen Herzstillstand als einen Hirntod erleiden, ist die Zahl in Spanien unter anderem höher.

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